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Aus dem Landtag

Agrarbericht - einer sieht es so, der andere so

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Alexandra Königer, Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
am
05.07.2018

Der Agrarbericht liefert viele Daten – die Interpretationen gehen auseinander

Gerade hat der SPD-Agrarexperte das Wort ergriffen, schon scheppert’s: Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) hat den fast 400 Seiten starken Agrarbericht an den Tischrand geschoben, ein Glas fällt auf den Boden und zerbricht. „‚Tschuldigung, aber Sie bringen mich jetzt schon in Rage“, sagt Kaniber zu Horst Arnold. Die Ministerin besucht erstmals den Landwirtschaftsausschuss im Landtag und stellt den Agrarbericht vor. In der Aussprache zeigt sich, dass die Daten viel Raum für Interpretationen bieten, doch so turbulent wie es beginnt, wird es dann gar nicht.

Im Freistaat Bayern gab es 2017 insgesamt 106 700 Bauernhöfe mit einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 30 ha. Zieht man von dieser Gesamtzahl die gut 18 000 Betriebe unter 5 ha ab, landet man bei den Betrieben, die die Datenbasis für den Agrarbericht liefern. Die durchschnittlichen Gewinne im Haupterwerb lagen 2017 bei 52 600 € und damit 32 % über dem Vorjahr. Über 5000 junge Menschen befanden sich in einem Agrarberuf in Ausbildung, für Kaniber „spricht das für eine moderne, attraktive Landwirtschaft“. Der Anteil der Nebenerwerbsbetriebe beträgt 61 %, sie bewirtschaften bei einer Durchschnittsgröße von 19,7 ha gut ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche Bayerns. Fast zwei Drittel aller Betriebe setzen laut Kaniber auf ein weiteres Einkommensstandbein. „Das zeigt, wie kreativ, innovativ und unternehmerisch engagiert unsere Landwirtsfamilien sind, in erster Linie die Landfrauen“, sagt die Ministerin.

Pro Jahr gibt einer von 100 Betrieben auf

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe hat von 2015 bis 2017 um rund 2500 Betriebe abgenommen. „Der Strukturwandel liegt mit 1,1 Prozent weiterhin auf einem historischen Tiefpunkt“, meint Kaniber. Für die CSU-Politikerin ist das „ein Erfolg unserer Agrarpolitik, die auch kleineren Betrieben Perspektiven bietet“. Der Wermutstropfen: 4,8 % der Milchviehhalter und 6,6, % der Schweinehalter haben pro Jahr aufgegeben. Kaniber sieht darin eine Bestätigung, wie sehr die Nutztierhalter unter Druck stehen. „Für die Tierhaltung, die für zwei Drittel der Betriebe existenziell ist, brauchen wir daher rasch Planungssicherheit und Perspektiven“, sagt sie und nennt die Ferkelkastration und Düngeverordnung als Beispiele.

Für den SPD-Agrarexperten Horst Arnold ist der Ausschluss der Betriebe unter 5 ha bei der Datenerhebung eine „schwierige Diskussionsgrundlage“. Ein Thema ist für ihn „dramatisch“: Die Zahl der Nebenerwerbslandwirte sei von rund 63 000 im Jahr 2014 um fast ein Drittel auf rund 44 000 im Jahr 2016 gesunken. „Das wird gravierende Auswirkungen auf die Landwirtschaft und Landschaft haben“, sagt er und forderte eine Nebenerwerbsoffensive, die auf die individuellen Bedürfnisse der Betriebe abgestimmt ist. Seit 2014 fordere die SPD eine umfangreiche Analyse der Betriebe, über die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Zuerwerb, „all das ist bislang nicht erfüllt“. Das Ministerium wies die von Arnold genannten Daten später als nicht nachvollziehbar zurück: Die Zahl der Nebenerwerbslandwirte sei von 2014 bis 2017 lediglich von 65 418 auf 64 885 leicht zurückgegangen.

Gisela Sengl von den Grünen macht sich Sorgen um die kleinen Betriebe: „Der typische bayerische Betrieb verschwindet“, sagt sie. So habe die Zahl der Betriebe mit einer Größe von 10 bis 50 ha in den vergangenen zwei Jahren um über 5 % abgenommen, die der Betriebe mit über 100 ha um 7,1 % zugenommen. Sie kritisierte außerdem die hohen Grundstückspreise vor allem in Boomregionen wie Oberbayern: „Für landwirtschaftliche Betriebe ist es in manchen Regionen unmöglich, ein Grundstück zu pachten oder zu kaufen. Wir brauchen ein Instrumentarium, mit dem man eingreifen kann.“
„Trotz der finanziellen Anstrengungen, die der Freistaat unternommen hat, stehen die Bauern weiterhin unter Druck“, erklärt Leopold Herz (Freie Wähler). „Die Einkommen der Betriebe hecheln dem gewerblichen Vergleichslohn hinterher.“ Es sei höchste Zeit, die Kehrtwende einzuleiten. Er forderte „eine Anpassung der praxisfernen Düngeverordnung, weniger Vorschriften für kleine Betriebe und ein Gesamtkonzept zur Stärkung der Landwirtschaft“.
In einer Schlussrunde im „Schweinsgalopp“, wie Kaniber selbst sagt, geht sie kurz auf die Fragen der Abgeordneten ein. Zu besprechen gäbe es viel, aber die Gäste für den nächsten Tagesordnungspunkt sind schon da. Also war es das mit der letzten Sitzung des Agrarausschusses vor der Sommerpause. Und die Glasscherben sind auch längst zusammengekehrt. AK
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