Login
Aus dem Landtag

Artensterben weitgehend unerforscht

Blumenwiese
Thumbnail
Alexandra Königer, Wochenblatt
am
21.06.2018

Der Umweltausschuss im Bayerischen Landtag hört Experten an

Wie steht es um die biologische Vielfalt in Bayern und was kann die Politik gegen das Artensterben tun? Um darauf Antworten zu bekommen, hatte der Umweltausschuss des Landtags kürzlich Experten eingeladen. Insgesamt leben in Bayern rund 80 000 Tiere und Pflanzen. Nur für etwa 30 % davon gibt es nach Angaben der Landtags-Grünen valide Daten im Sinne Roter Listen. Davon wiederum sind aktuell mehr als 40 % gefährdet. Über 70 % der Arten gibt es also kaum Informationen.

Das ernüchternde Ergebnis der Anhörung, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht: Es gibt viel zu wenig Erkenntnisse und keine klare Zielsetzung. Und ohne Ziel stellt sich die Frage, welcher Weg überhaupt beschritten werden soll.

Zuspruch für Bauern

Für die Bauern gab es bei der Anhörung wiederholt Zuspruch. Nach Meinung der Experten sind die Landwirte oft gezwungen, das Letzte aus Acker und Grünland rauszuholen – durch politische Rahmenbedingungen und den Verlust landwirtschaftlicher Flächen. „Die Landwirte sind mehr Opfer als Täter“, sagte beispielsweise Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz. Die Bauern müssten daran verdienen können, wenn sie etwas für die biologische Vielfalt tun. Bei Umweltmaßnahmen nur den Einkommensverlust auszugleichen, sei nicht ausreichend. „Wir dürfen die Landwirte nicht allein lassen und man muss richtig Geld in die Hand nehmen.“ Oder Christine Margraf vom Bund Naturschutz: „Viele Landwirte sind Opfer und würden sehr gerne mehr für die Artenvielfalt tun.“
„Die Landwirtschaft hat über Jahrhunderte zur Artenvielfalt beigetragen“, sagte Martin Erhardsberger vom Bayerischen Bauernverband. „Durch den Flächenverbrauch bleibt uns oft nichts anderes übrig, als weniger Flächen intensiv zu bewirtschaften.“ Der Rückzug vieler ehemals häufiger Arten sei alarmierend. Für ihn ist erst einmal der Naturschutz gefordert: „In der landwirtschaftlichen Nutzung kann man fast quadratmetergenau gucken, was passiert, bei den Ausgleichsflächen weiß man es nicht. Der BBV-Vertreter bezog sich dabei auf eine Studie im Landkreis Ebersberg, die ergeben hat, dass diese Flächen bis zur Hälfte in mehr oder weniger schlechtem Zustand sind, ein weiteres Viertel quasi nicht vorhanden ist (siehe BLW 17, Seite 13).
Die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) verwies in ihrer schriftlichen Stellungnahme auf die von vielen Experten genannten Gründe des Artensterbens: die Abnahme von vielfältigen Kleinstrukturen in der Landwirtschaft, die hohe Mahdfrequenz im Grünland, intensive Beikrautregulierung, Düngung und Pflanzenschutz, Zerschneidung der Landschaft durch Infrastruktur und Bebauung. Kritik gab es von der LfL an den Direktzahlungen: Sie hätten keine Lenkungswirkung zur Förderung der Biodiversität. Das Greening habe eine „vergleichsweise geringe fördernde Wirkung auf die Biodiversität, da kaum ökologisch hochwertige Maßnahmen gewählt wurden“.
Ernüchternd fiel die Bilanz von Prof. Dr. Wolfgang Weisser vom Departement für Ökologie und Ökosystemmanagement an der TU München: Zwar nennt auch er als eine der zentralen Ursachen des Rückgangs der biologischen Vielfalt in Bayern die intensive Landnutzung und fehlende Elemente wie Feldgehölze, Gewässerrandstreifen oder Randstreifen zwischen Weg und Acker.

Gesellschaft gefordert

Wer die Stellungnahme liest, stellt fest: Die Forscher tappen eigentlich im Dunkeln, woher das Artensterben kommt und was dagegen helfen würde. Dieses Manko gelte es erst einmal zu beseitigen. Der Sprecher der Bayerischen Landschaftspflegeverbände, Nicolas Liebig, erklärte, es sei zu einfach, der Landwirtschaft die Schuld zuzuschieben. „Ich warne davor, in dieses Fahrwasser zu kommen. Alle Menschen leisten einen Beitrag zum Artensterben.“ Es sei ein gesamtgesellschaftliches Thema.

Auch interessant