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Tierwohl

Bauern sind beim Tierwohl Vorreiter

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Andrea Tölle, Wochenblatt
am
05.10.2017

München - Wenn die die Grünen den deutschen Landwirtschaftsminister stellen sollten, könnte eine Schlagwort-Politik Einzug halten.

Andrea Tölle

Etwas ruhiger ist die Nachrichtenlage wieder, nachdem letzte Woche das Wahlergebnis in Deutschland für einen Paukenschlag sorgte. Doch die Ruhe kann trügerisch sein. Denn nun könnten die Grünen den deutschen Landwirtschaftsminister stellen. Und hier wird mit Schlagworten geworben, die in der Gesellschaft erst einmal für Beifall sorgen: „Ausstieg aus der industriellen Massentierhaltung“, „ohne Tierleid und Antibiotikamissbrauch einzusetzen“ und „Schweine dürfen ihren Ringelschwanz behalten“. Das sind verletzende Kampagnen gegen den Bauernstand.

Die Fakten sehen anders aus: So sinkt der Antibiotikaeinsatz in der landwirtschaftlichen Tierhaltung seit Jahren. In der Humanmedizin und in der Heimtierhaltung werden Antibiotika dagegen weiter unbesorgt eingesetzt. Erst kürzlich wurde zum Beispiel bekannt, dass antibiotikaresistente Keime über Krankenhausabwässer und kommunale Abwässer in Oberflächengewässer gelangen. Damit hat die Landwirtschaft nichts zu tun – außer, dass sie wieder mal die Folgen ausbaden muss.

Die Forderung, dass Schweine ihren Ringelschwanz ab sofort behalten sollen, ist meistens für die Tiere grausam. Die Schweine, die von ihren Stallgefährten angebissen werden, leiden erhebliche Qualen. Noch tappt man bei der Erforschung dieses von vielen Faktoren ausgelösten Verhaltens im Dunkeln. Und die Sauenhalter stehen seit dem Magdeburger Kastenstandurteil vor einer sehr ungewissen Zukunft. Welche schlimmen Folgen für die Tiere die geforderten Kastenstände haben lesen Sie auf S. 28. Und beim Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration gäbe es mit der örtlichen Betäubung durch Lidocain zwar einen guten Kompromiss – doch dieses Medikament müsste erst für Schweine zugelassen werden.

Dabei sind die Landwirte beim Tierschutz schon weiter als der Großteil der Bevölkerung. Das zeigt sich auch bei der Masthähnchenproduktion. Rund 30 bayerische Mäster ziehen für Privathof Broiler auf, die unter anderem mehr Platz, einen Wintergarten, Strohballen und Picksteine haben. Weitere Betriebe würden gerne umstellen. Doch es scheitert am Absatz. Und der bisherige konnte nur erreicht werden, weil Unternehmen wie Lidl herkömmlich erzeugtes Fleisch ausgelistet haben. Das ist zwar schön, zeigt aber, dass der gemeine Verbraucher nur dann zu mehr Tierschutz greift, wenn es an billigen Alternativen mangelt.

Mit Material von Andrea Tölle, Redakteurin
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