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England

Brexit - schlimmer als das Russland-Embargo

Tower Bridge
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Simon Michel-Berger, Wochenblatt
am
17.01.2019

Der „harte Brexit“, bei dem Großbritannien ungebremst die Gemeinschaft verlässt, rückt näher und birgt für die Landwirte große Gefahren.

Das britische Unterhaus hat den Austrittsvertrag aus der EU nicht ratifiziert. Der „harte Brexit“, bei dem Großbritannien ungebremst die Gemeinschaft verlässt, rückt näher und birgt für die Landwirte große Gefahren.

Brüssel/London Nachdem eine Mehrheit von 432 britischen Parlamentariern am Dienstag gegen den von der Regierung ausgehandelten Austrittsvertrag gestimmt hat, herrscht Ratlosigkeit in London. Premierministerin Theresa May will am kommenden Montag erklären, wie es nun weitergeht. Am wahrscheinlichsten scheint, dass Großbritannien bei der EU darum bittet, das Austrittsdatum, momentan der 29. März 2019, zu verschieben. May hatte das in der Vergangenheit immer wieder abgelehnt. Allerdings gehen ihr langsam die Möglichkeiten aus, sollen die Briten nicht in gut zwei Monaten mit einem ungeordneten Brexit die EU verlassen.

Leidtragende eines solchen „harten Brexit“ werden unter anderem die Bauern auf beiden Seiten des Ärmelkanals sein. Noch im Vorfeld der Abstimmung hatte der britische Bauernverband National Farmers Union alle Unterhausabgeordneten angeschrieben und gewarnt, dass ein ungeordneter Austritt „eine fundamentale Bedrohung der Zukunft unserer Ernährungs- und Agrarwirtschaft“ darstelle. Ein solches Ergebnis käme vom Effekt einem Handelsembargo der EU gegenüber allen britischen tierischen Produkten gleich. Gleichzeitig würden die Versorgungsketten der britischen Landwirte empfindlich gestört, insbesondere bei Pflanzenschutz, Düngemitteln, Landtechnik und Futtermitteln.

Auch in der restlichen EU sehen Agrarwirtschaft und Landwirte einem „harten Brexit“ mit Angst entgegen. Copa-Cogeca, die Dachverbände der EU-Landwirte und Agrargenossenschaften, erinnerten daran, dass die EU 2017 Agrarprodukte im Wert von 41 Mrd. € nach Großbritannien ausgeführt und im Wert von 17 Mrd. € eingeführt habe. Gemeinsam mit Copa-Cogeca warnten die Dachverbände der europäischen Lebensmittelhersteller FoodDrinkEurope und der Agrarhändler (CELCAA), dass es unbedingt eine Phase des geordneten Austritts brauche, in der Großbritannien sich weiter nach den EU-Regeln der Lebensmittelerzeugung richte. Andernfalls würden die unweigerlich auftretenden neuen Probleme mit Zollkontrollen, sanitären und pflanzengesundheitlichen Inspektionen, der Ausstellung von Veterinärzertifikaten und der Berücksichtigung von Einfuhrzöllen den britischen und europäischen Agrarhandel und die gesamte Lebensmittelkette schwer beschädigen.

Deutliche Worte fand auch Alexander Anton, der Generalsekretär des

Europäischen Milchindustrieverbandes. Ein „harter Brexit“ hätte für die europäische Milchindustrie Folgen, die „mindestens dreimal stärker“ ausfallen könnten als die aufgrund des russischen Importembargos für EU-Agrarprodukte. Zwar würden sich die Molkereien so gut wie möglich auf austrittsbedingte Lieferengpässe einstellen, etwa durch eine verstärkte Lagerhaltung. Trotzdem bleibe seiner Branche derzeit nichts anderes übrig, als „wie das Kaninchen vor der Schlange“ auf das Ergebnis zu warten.

Im April 2018 hatte das Thünen-Institut die Folgen eines „weichen“ oder „harten“ Brexit auf die deutsche Agrarwirtschaft untersucht. Je nachdem würden die deutschen Nettoexporte von Agrarprodukten um 1 bis 2 Mrd. € sinken. Der Produktionswert der deutschen Landwirtschaft würde um 0,4 bis 1,2 Mrd. € zurückgehen. Am stärksten betroffen wäre die deutsche Schweine- und Geflügelfleischproduktion. Folgeeffekte des Brexit, die auftreten, weil Produkte aus anderen EU-Staaten nicht mehr nach Großbritannien exportiert werden und sich neue Märkte suchen, hat die Studie allerdings nicht berücksichtigt. AgE/SMB

Mit Material von AgE
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