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Menschen und Meinungen

Ferkelkastration - Lokalanästhesie ist das Mittel der Wahl

Ferkel
Prof. Dr. med. Helmut Friess
am
14.09.2018

In der Humanmedizin ist die Lokalanäthesie unbestritten. Sie ist einfach, effizient, sicher und nahezu nebenwirkungsfrei einsetzbar. Warum nicht auch bei Tieren? Ein erfahrener Humanmediziner meldet sich zu Wort.

Der Humanmediziner Prof. Dr. med. Helmut Friess äußert in einem Brief an Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner sein Unverständnis darüber, dass in der Tiermedizin die Lokalanästhesie nicht die bevorzugte Betäubungsmethode ist.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Klöckner,

als Humanmediziner und Lehrstuhlinhaber für Chirurgie an der Technischen Universität München, Klinikum rechts der Isar beschäftige ich mich eigentlich nicht mit der Tierhaltung und landwirtschaftlichen Belangen. Aber durch einen Zufall bin ich auf die doch sehr kontrovers diskutierte Thematik „Ferkelkastration in Deutschland‘ aufmerksam geworden. Zu manchen Diskussionspunkten kann ich nur mein Unverständnis bekunden.

Seit Monaten verfolge ich dieses Thema und habe mich auch in die Sachdiskussion über die Möglichkeiten einer möglichen Ferkelkastration eingebracht. Ich bin dabei überrascht mit wie viel Emotion und mit wie wenig Evidenz diese Diskussionen teilweise geführt werden. Schmerzausschaltung und eine effiziente Schmerztherapie sind in der Chirurgie Themen meiner täglichen Arbeit. Auch in der Humanmedizin werden Diskussionen über das beste Schmerzausschaltung-Management geführt. Grundlage für Entscheidungen sind dabei Sachargumente und Evidenzlage.

Grundsätzlich ist das Schmerzempfinden natürlich ein sehr subjektiver Parameter. Schmerz lässt sich beim Menschen dabei nicht objektiv messen, d.h. es gibt keinen Blutparameter der Schmerz widerspiegelt. Objektiv gesetzte Schmerzreize lösen bei verschiedenen Menschen/Individuen eine unterschiedliche Schmerzempfindung aus. Die Variationen sind dabei gewaltig. Ohne Sprachkommunikation ist eine Schmerzevaluation sehr schwierig und Ersatzparameter lassen Schmerzen nur mutmaßen.

Sehr erstaunt bin ich darüber, wie die Anwendung der Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration derzeit auch aus Ihrem Ministerium bewertet wird. Aus der Humanmedizin lassen sich ganz klare und eindeutige Argumente für den Einsatz der Lokalanästhesie als überaus effizientes Verfahren zur kompletten Schmerzausschaltung auch bei der Ferkelkastration ableiten.

In der operativen Medizin stellt die Lokalanästhesie ein weit verbreitetes Verfahren dar. Es wird seit Jahrzehnten mit nachhaltigem Erfolg täglich tausendfach angewendet. Die Lokalanästhesie ist einfach, effizient, sicher und nahezu nebenwirkungsfrei einsetzbar. Nüchternheit ist nicht notwendig.

Ihre Wirkung in Bezug auf Schmerzfreiheit ist mehr als überzeugend. Daher wird sie standardmäßig und unverzichtbar bei einer Vielzahl von Operationen eingesetzt, wie beispielsweise

  • Vasektomien (Sterilisation bei Männern mit Durchtrennung der Samenleiter)
  • Portimplantationen zur Verabreichung von Chemotherapeutika bei Krebs
  • Herzschrittmacher Implantationen und Austausch von Herzschrittmachern
  • Leistenbruchoperationen
  • Mannigfaltige Zahnbehandlungen und kieferorthopädische Operationen
  • Wundversorgungen nach Schnittverletzung
  • etc.

um nur ein paar gängige Operationen zu nennen.

Dadurch, dass nur ein begrenzter Körperbereich komplett schmerzausgeschaltet wird, ist auch nur dieser Bereich durch die Lokalanästhesie beeinträchtigt. Das Allgemeinbefinden des Patienten bleibt komplett unbeeinträchtigt. Die Lokalanästhesie wird von Patienten sehr akzeptiert, da die Risiken einer Inhalationsnarkose mit Isofluran oder einer lnjektionsnarkose, die eine aufwendige Überwachung des Kreislaufes und der Narkosetiefe erfordern, vermieden werden. Und seien Sie vergewissert, würde durch die Lokalanästhesie keine komplette Schmerzausschaltung erreicht, wäre dieses Verfahren schon längst in der Humanmedizin nicht mehr bei all den oben genannten operativen Eingriffen in Anwendung.

Bitte verstehen Sie, dass es mir unverständlich und nicht nachvollziehbar erscheint, warum ein bewährtes Verfahren in der Humanmedizin in der Tiermedizin nicht anwendbar sein sollte. Sachargumenten gegenüber bin ich offen, sehe diese jedoch nicht.

Gerne stehe ich Ihnen und Ihrem Ministerium für ein vertiefendes Gespräch zu diesem Thema zur Verfügung.

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