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Interview

Für eine lebenswerte Zukunft

Wimmer Georg
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Simon Michel-Berger, Wochenblatt
am
02.01.2018

Zum Jahreswechsel hat Georg Wimmer das Amt des Generalsekretärs des Bayerischen Bauernverbandes übernommen. Das Wochenblatt sprach mit ihm über die Herausforderungen des Verbandes und wie diese in den kommenden Jahren gemeistert werden können.

Wochenblatt: Was gefällt Ihnen am Bauernverband?

Wimmer: Die Arbeit im Verband und Anliegen, die an uns herangetragen werden, sind enorm vielfältig. Richtig Freude macht es, wenn wir den Menschen vor Ort helfen können. Wir sind für Mitglieder in allen Lebenslagen da, auch wenn sie mal nicht auf der Sonnenseite stehen.

Wochenblatt: Haben Sie ein Beispiel?

Wimmer: Die Sturmschäden im abgelaufenen Jahr – das waren Momente, wo man mitten in der Krise eine unglaubliche Solidarität innerhalb der Bauernschaft spürt und wo wir etwas für unsere Mitglieder bewegen konnten: Schnelle Unterstützung vor Ort und 100 Millionen Euro Soforthilfe.

Wochenblatt: Sind Sie in der Arbeit für den Verband auch manchmal enttäuscht?

Wimmer: Nicht oft, aber es kommt vor. Wenn der Verband einem Betrieb in hohem Maße helfen konnte und ein Jahr später kommt eine Kündigung. So etwas tut weh.

Wochenblatt: Was wollen Sie am Bauernverband verändern?

Wimmer: Wir stehen vor riesigen gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Bereitschaft zur Veränderung muss daher wachsen. Wir wollen uns in dieser Situation konsequent an den Interessen unserer Mitglieder ausrichten und zeigen, was im Sinne einer Weiterentwicklung machbar ist. Aber auch Kritiker der Landwirtschaft müssen verstehen, was geht und was nicht.

Wochenblatt: Was meinen Sie konkret?

Wimmer: Nehmen wir die Anbindehaltung: Der Trend geht seit Jahren zum Laufstall und jeder neu gebaute Stall bringt ein Plus an Tierwohl und sichert die regionale Landwirtschaft. Genau aus diesem Grund sind Ausstiegdaten keine Option, die befeuern nur den Strukturwandel.

Wochenblatt: Wo muss sich der Bauernverband noch verändern?

Wimmer: Wir müssen bei der Öffentlichkeitsarbeit aktiver werden. Keiner kann das so gut, wie die Bäuerinnen und Bauern selbst. Wir müssen deshalb gemeinsam anpacken, jeder einzelne auf dem Betrieb, und ein echter Mitmach-Bauernverband werden.

Wochenblatt: Geben Sie den Lesern einen Tipp für solche alltägliche Öffentlichkeitsarbeit.

Wimmer: Ich bin zwar nicht oft mit dem Schlepper unterwegs, aber wenn ich merke, dass sich 50 Autos hinter mir stauen, fahre ich – wenn möglich – kurz zur Seite. In der Regel bekomme ich dann von 49 Autofahrern Dank.

"Emotionen schaffen Gemeinschaftsgeist"

Wimmer Georg

Wochenblatt: Bei den großen Themen unserer Zeit heißt es bei den Bauern oft: ‚der Bauernverband soll es machen‘. Freut Sie dieser Vertrauensvorschuss oder schafft das unerfüllbare Erwartungen?

Wimmer: Der Bauernverband sind viele einzelne Landwirte und Mitglieder, die zusammen etwas erreichen. Das ist nicht immer einfach, aber jede Anhörung im Landtag macht deutlich, dass es nötig ist. Da sind 50 Organisationen – aber nur zwei bis drei stehen für das Eigentum. Diese Arbeit ist wichtig und ich wünsche mir manchmal auch, dass mehr Mitglieder einen Eindruck davon bekommen, was unser Ehrenamt leistet und die BBV-Dienststellen alles leisten.

Wochenblatt: Trotzdem sind immer wieder Mitglieder vom Verband enttäuscht.

Wimmer: Wir dürfen nicht so tun, als könnten wir jedes Problem lösen. Aber wir können unseren Mitgliedern klar sagen, was wir tun, wie wir das machen und auch, warum wir auf manche Dinge nicht öffentlich reagieren, sondern andere Wege einschlagen.

Wochenblatt: Also gibt es künftig mehr Infopost an die Mitglieder?

Wimmer: Das geschriebene Wort ist sicher wichtig, kann aber das Gespräch nicht ersetzen. Wir brauchen Versammlungen, Stammtische, Landfrauen-Treffen. Und bitte glauben Sie nicht alles, was draußen über den Verband gesagt wird.

Wochenblatt: Was meinen Sie?

Wimmer: Es ist völliger Unsinn, dass der Bauernverband für ‚Wachsen oder Weichen‘ steht. Was wir wollen ist eine Weiterentwicklung der Betriebe – für wirtschaftlichen Erfolg und vor allen Dingen für die Menschen. Uns geht es um Bodenständigkeit, Tradition, Familie, Innovation und Unternehmertum – nicht nur um ein paar Euro mehr Einkommen.

Wochenblatt: In der Politik ist der BBV seit jeher stark. Aber ist er manchmal zu sehr ein Verband des Kopfes und zu wenig des Herzens?

Wimmer: Wir müssen beides sein. Die Fachargumente sind die Basis unserer Arbeit, doch  erst Emotionen schaffen Gemeinschaftsgeist unter den Bauern und Verständnis für unsere Anliegen.

Wochenblatt: Gibt es nicht Tendenzen in der Landwirtschaft, sich weiter auseinander zu bewegen?

Wimmer: Ja, und diese Entwicklung macht mir große Sorgen. Denn sie schadet uns allen. Die bäuerlichen Organisationen müssen zusammen rücken und mit einer Stimme sprechen. Etwa beim Thema Markt, wo die Erzeugerorganisationen, angesichts des starken Lebensmittelhandels, wieder mehr aufeinander zugehen müssen.

Wochenblatt: Wie kann das gelingen, wo doch heute schon die Bauern allein bei den Pachtpreisen in teilweise großer Konkurrenz stehen?

Wimmer: Das geht nur miteinander. Wenn wir an einem Strang ziehen, können alle profitieren.

Wochenblatt: Das kann man von München aus predigen. Aber ist das Ehrenamt überall schon so weit?

Wimmer: Wir müssen über ungute Entwicklungen reden, auch draußen in den Versammlungen. Wir alle haben das Ziel, die bäuerliche Land- und Forstwirtschaft in Bayern zu erhalten und dieses Ziel dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.

Wochenblatt: Welche Bedeutung haben für Sie die Jugend und die Landfrauen im BBV?

Wimmer: Der Jugend gehört die Zukunft – auf den Höfen und im Verband. Deshalb reicht es nicht, nur Themen anzusprechen, die uns aus der Verbandsbrille heraus wichtig erscheinen, sondern auch das, was die Jugend bewegt. Umwelt und der ländliche Raum zum Beispiel. Wir müssen auch noch mehr auf die Frauen zugehen. Gerade bei der Bildung besetzen die Landfrauen hochinteressante Themen – und sind den Männern dabei manches Mal voraus.

"Ich würde nie Dinge sagen, die nicht zutreffen"

Wochenblatt: Was können die Bäuerinnen und Bauern heute gemeinsam eigentlich noch erreichen? Der Handel scheint übermächtig, die Politik ist kaum beeinflussbar und auch die Märkte sind immer volatiler.

Wimmer: Nehmen Sie den Verein ‚Unsere Bayerischen Bauern‘ – gemeinsam mit vielen Partnern konnte eine Organisation ins Leben gerufen werden, die bäuerliche Öffentlichkeitsarbeit macht. Das hätte keiner alleine geschafft, auch nicht der Bauernverband. Wir brauchen hier Solidarität – auch in der Finanzierung.

Wochenblatt: Am BBV hängen zahlreiche Dienstleister. Wird sich dieses Angebot angesichts des Strukturwandels künftig ändern?

Wimmer: Kompetente Dienstleistungen gewinnen an Bedeutung. Und der Verband ist der zentrale Ansprechpartner für seine Mitglieder und will es auch bleiben. Besondere Dienstleistungen aber ziehen besondere Kosten nach sich. Dafür werbe ich um Verständnis.

Wochenblatt: Worauf können sich die Bauern bei Ihnen verlassen?

Wimmer: Ehrlichkeit – ich würde nie Dinge sagen, die nicht zutreffen. Nur so entsteht Vertrauen. Mir ist es wichtig, ein verlässlicher und ehrlicher Ansprechpartner zu sein.

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