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Klimaschutz

Große Pläne und das Tagesgeschäft

Klimawandel
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Sepp Kellerer, Wochenblatt
am
16.05.2019

Land- und Forstwirtschaft werden liefern, wenn es um den Klimaschutz geht.

Kellerer Sepp

Vielleicht ist es durchaus gewagt, kurz vor den Europawahlen den Begriff Politikverdrossenheit in den Mund zu nehmen, aber irgendwie drängt sich mir dieser Begriff heute auf. Ich habe ja großes Verständnis dafür, dass sich Staats- und Regierungschefs vor allem um die großen Linien und um die Zukunft kümmern müssen und dass dabei das „Tagesgeschäft“ auch mal in den Hintergrund treten muss. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie immer den völlig falschen Zeitpunkt erwischen, um ihre Zukunftsstrategien kundzutun.

So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt dazu aufgefordert, mehr Flächen aufzuforsten, um in Sachen Klimaschutz voranzukommen. Schön, wenn die Kanzlerin inzwischen erkannt hat, dass Wälder Kohlenstoffsenken sind, und dass durch die Verwendung von Holz Kohlenstoff längerfristig gespeichert wird.

Die Realität sieht im Moment aber völlig anders aus. Der Holzmarkt liegt am Boden, beim Papierholz ist er tot. Die Waldbesitzer müssen sich intensiv motivieren, um im Kampf gegen den Borkenkäfer bei der Fichte nicht zu kapitulieren. In Franken droht der Schwammspinner Laubholzbestände kahlzufressen und in Brandenburg scheint es nicht möglich, ein paar Hektar Wald mit Pflanzenschutzmitteln vor dem Tod durch den Falter Nonne zu retten.

Kaum anders sieht die Bilanz bei den erneuerbaren Energien aus. Die landwirtschaftliche Produktion von Biomasse für Strom, Biogas und neue Kraftstoffe würde 2050 eine wesentlich größere Rolle spielen als bisher, so wird ein hochrangiger EU-Beamter zitiert. Hatten wir nicht bei der Photovoltaik und beim Biogas schon jeweils einen Hype? Und kämpfen wir in diesen Sektoren nicht gerade so ums Überleben? Haben wir nicht bei den Biokraftstoffen gut funktionierende, teilweise regionale Kreisläufe aufgebaut?

Vor ein paar Woche hat eine der letzten größeren Ölmühlen in Bayern zugesperrt. Deshalb bin ich sehr vorsichtig, wenn es heißt, die Land- und Forstwirtschaft müsse in den nächsten Jahrzehnten jährlich zwischen 175 und 290 Mrd. € in diesen Sektoren investieren.

Und dennoch: Land- und Forstwirtschaft werden liefern, wenn es um den Klimaschutz geht, schon allein deshalb, weil die Wetterkatastrophen auf den Feldern und Wiesen und die Kalamitäten in den Wäldern Folgen des Klimawandels sind. Land- und Forstwirtschaft brauchen aber faire und verlässliche Rahmenbedingungen und den Schutz vor den Konzernen, damit sie liefern können.

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