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Nachhaltigkeit

Hysterische Zeiten

Hysteriemilanmarkovic78
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Ulrich Graf, Wochenblatt
am
06.05.2019

Wenn Ängste, Aggressionen und Machtdenken den Verstand lähmen und zu Übersprunghandlungen führen.

Vor einem Jahr steckten wir mitten in der Dieselkrise. Aus dem Auspuff qualmende Stickoxide drohten die Umwelt zu vergiften und den Menschen einen frühen Tod zu bescheren. Allein der Begriff klingt schon bedrohlich. Wobei er auf die chemische Zusammensetzung aus Stickstoff und Sauerstoff zurückzuführen ist (NOx) und nichts mit den Wortstamm "ersticken" zu tun hat.

Mit einem Jahr Abstand stellt sich nun vieles anders dar. Fachkreise gehen davon aus, dass der Ausstoß technisch beherrschbar ist - kostet nur ein wenig - und dass aus Gesundheitssicht Feinstaub viel bedenklicher als NOx ist.

Besonders problematisch sind sehr kleine Partikel. Sie können über die Lunge direkt in die Blutbahn gelangen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bewirken. Auf den Verkehr bezogen, kommt aber nur ein Bruchteil der Feinstäube aus dem Auspuff. Der Großteil ergibt sich aus Abrieb, beispielsweise von Reifen, Bremsen oder Asphalt. Und da bieten auch Elektroautos keine ernsthafte Alternative. Einige Zeitgenossen behaupten sogar, die Dieselfahrzeuge würden diese gefährlichen Partikel dank ihres Keramikfilters aus dem Verkehr ziehen. Was hinten herauskommt, sei also besser wie das, was vorne reingeht. Jetzt doch wieder Diesel und alles nur ein Fake der Elektroautolobby?

Da fragt man sich doch, wer führt uns eigentlich immer an der Nase durch den Ring?

Aber es geht noch schlimmer - Beispiel Gülle

Ulrich Graf

Wenn man sich die Diskussion um die Gülle betrachtet, so ist das ein einziges Trauerspiel. Umweltbewegte wollen dem organischen Dünger einen generellen Gefahrgut-Stempel aufdrücken. Das ist nicht nur dumm, sondern auch noch gefährlich. Es gibt kein nachhaltigeres Prinzip als die Kreislaufwirtschaft. Was wir Äckern und Wiesen entziehen, geben wir ihnen mit der Gülle wieder zurück. Der organische Anteil unterstützt den Humushaushalt, die sonstigen Inhaltsstoffe ernähren die Pflanzen.

Natürlich ist es nun so, dass Jauche, Gülle und Sickersäfte in der Bundesanlagenverordnung, §3, Absatz 2, eine Einstufung als allgemein wassergefährdend erhalten haben. Das begründet sich darin, dass von diesen organischen Gemischen eine gewisse Gefährdung für das Grundwasser ausgehen kann, wenn sie zur falschen Zeit, an einem kritischen Ort in großen Mengen ausgebracht werden. Daran gibt es zunächst nichts zu rütteln. Zuviel Nitrat im Oberboden kann außerhalb der Vegetationszeit ausgewaschen werden und ins Grundwasser gelangen. Und Wasser ist ein Schutzgut von höchstem Grad. Auch daran gibt es nichts zu kritteln.

Aber diese Maßnahme lässt sich in etwa gleich setzen mit der gegenwärtig diskutierten Nährwertkennzeichnung auf Lebensmitteln. Wir alle wissen, dass ein Zuviel an Fetten, Eiweiß und Zucker auf lange Sicht der Gesundheit abträglich ist. Wer jetzt aber beschließt, auf diese Stoffe vollständig zu verzichten, begeht Selbstmord. Fette, Eiweiß und Zucker sind die Bausteine des Lebens. Wer sie verweigert, stirbt - und das sehr schnell.

Analoges gilt für die Gülle. Sie liefert Pflanzen und Boden die Bausteine fürs Leben. Nun aus dem Umstand heraus, dass ein Zuviel davon der Umwelt abträglich ist, zu fordern, den natürlichen Düngungskreislauf zu unterbrechen, wäre ein Bärendienst für Natur und Umwelt.

Was wäre die Alternative zum Nähstoffkreislauf?

Die Gülle zu trockenen und den Schlamm zu verbrennen? Das wäre doch nackte Dummheit. Der Natur wertvollen Dünger zu entziehen und damit noch den CO2-Ausstoß zu befeuern! So einen aberwitzigen Weg wird doch niemand allen Ernstes beschreiten wollen.

Oder mehrfach geschirmte "Endlagerstätten" für die Gülle, wie sie in der TRwS 792 niederschrieben sind. Was soll das? Da hat wohl einer nicht begriffen, dass Lagerstätten für Wirtschaftsdünger nur Verwahrungsplätze auf Zeit sind. Alles was da gebunkert wird, geht zur passenden Zeit wieder auf Acker und Wiese. Und das ist gut so. Nur so lässt sich der Stoffkreislauf am Leben halten

Wer Pflanzen nicht aushungern und den Boden nicht auslaugen will, müsste die Nährstoffe außerdem anderweitig zuführen. Das heißt, wir brauchen mehr Mineraldünger. Aber das will ja auch keiner. Außerdem könnte er die organische Masse aus den Wirtschaftsdüngern nicht ersetzten. Das heißt, wir hätten einen laufenden Humusabbau. Das will sicherlich auch keiner.

Was steckt sonst dahinter?

Die Stigmatisierung der Gülle könnte ihre Triebfeder an ganz anderer Stelle haben. Es könnte darum gehen, die Tierhaltung in der Landwirtschaft weiter in Verruf zu bringen. Die dazu benutzten Kampfbegriffe, wie "Massentierhaltung" und "industrielle Landwirtschaft" sind ja hinreichend bekannt und leider allzu häufig im Gebrauch. Dann aber bitte die Karten auf den Tisch und nicht immer dieses  "hinterfotzige" Verhalten, wie der Bayer zu sagen pflegt.

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