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Sauenhaltung

Kastration - örtliche Betäubung erfüllt Tierschutz

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Sepp Kellerer, Wochenblatt
am
20.09.2018

BBV, Metzger, Human- und Tierärzte einig über vierten Weg bei Ferkelkastration

München Die örtliche Betäubung bei der Ferkelkastration ist auch aus Sicht der Humanmedizin ein sehr sinnvoller Weg. Das machte Prof. Dr. Helmut Friess, Direktor der Klinik für Chirurgie am Klinikum rechts der Isar in München, am Dienstag dieser Woche bei einer Pressekonferenz des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) deutlich (siehe auch Seite 8). In der operativen Humanmedizin sei die Lokalanästhesie weit verbreitet und werde mit nachhaltigem Erfolg täglich tausendfach angewendet.
Die örtliche Betäubung ist laut Friess einfach, effizient, sicher und nahezu nebenwirkungsfrei. „Die Vollnarkose ist gefährlich, die örtliche Betäubung ist ungefährlich“, so Friess. So wird bei der Vollnarkose ein eigener Arzt benötigt und die Lebensfunktionen müssen ständig mit einer umfangreichen Technik überwacht werden. Bei der örtlichen Betäubung sei dies nicht der Fall. Und nach der Operation könnte der Patient aus Sicht der Anästhesie vom OP-Tisch aufstehen und heimgehen. Friess hat seine Argumentationskette auch in einem Brief an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner dargelegt und dabei sein Unverständnis über die ablehnende Haltung im Ministerium zum Ausdruck gebracht.

Schmerz wird wirksam ausgeschaltet

Eine wirksame Schmerzausschaltung, wie sie das Gesetz vorschreibt, wird durch eine örtliche Betäubung erreicht, und die Praktiker sind durchaus in der Lage, diese auch selber durchzuführen. Davon ist Dr. Andreas Randt, Geschäftsführer und tierärztlicher Leiter des Tiergesundheitsdienstes Bayern, überzeugt. Für ihn ist die örtliche Betäubung der beste Weg für die tierschutzgerechte Kastration. Nach derzeitigem Stand wird das schmerzstillende Mittel mit zwei Einstichen in den Hodensack (nicht in die Hoden direkt) eingespritzt und entfaltet nach einer Wartezeit von ca. 45 Minuten seine volle Wirkung. Es wird gezielt nur der Bereich betäubt, in dem auch der Eingriff erfolgt. Gleichzeitig bleiben die Ferkel bei vollem Bewusstsein und können damit sofort nach dem Eingriff wieder bei der Muttersau saugen. Außerdem ist ihre Fluchtfähigkeit voll erhalten, was überlebenswichtig ist, wenn sich etwa die Muttersau ablegt. Da das Mittel im Operationsgebiet verbleibt, ist die Schmerzausschaltung auch nach der Operation noch gewährleistet. Schließlich ist der Stress für die Muttersau geringer, weil die Ferkel in ihrer Nähe bleiben.
Randt erläuterte auf Nachfrage des Wochenblattes, dass bei den Heimtieren und auch bei den Pferden praktisch die gesamte Palette an Präparaten für die örtliche Betäubung zugelassen ist, wie beim Menschen auch. Lediglich bei Tieren, die Lebensmittel liefern, ist die Produktpalette sehr beschränkt. Das liege an den hohen Kosten für die Nachweise zum Abbau der Produkte. Dennoch hat auch Randt eine gewisse Zuversicht, denn inzwischen haben Unternehmen das Verfahren zur Zulassung neuer Produkte in Europa und Deutschland eingeleitet.
Die betäubungslose chirurgische Ferkelkastration soll nach derzeitigem Stand ab 1. Januar 2019 verboten sein. Wenn dann nur noch Ebermast, Hormonbehandlung und Kastration unter Vollnarkose möglich sind, befürchtet der BBV das Aus für die bayerische Ferkelerzeugung. Laut BBV-Präsident Walter Heidl sind diese Verfahren für einen Großteil der bayerischen Strukturen nicht umsetzbar, sie begünstigen größere Betriebe.

Regionalen Kreisläufen droht das Aus

Auch regionale Kreisläufe sind gefährdet. „Schweinefleisch ist schlicht und ergreifend nicht aus dem Sortiment wegzudenken, da wir auch einen großen Teil unseres Wurstangebotes mit Schweinefleisch herstellen. Ohne Schweinefleisch gibt es in Bayern weder Leberkäse noch Weißwurst, unsere bayerische Identität ist also infrage gestellt“, ergänzt Konrad Ammon, Landesinnungsmeister des Fleischerverbandes Bayern. Deshalb bemüht sich der BBV seit Jahren um den sogenannten vierten Weg, die Kastration mit örtlicher Betäubung.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist die Zahl der Ferkel in Bayern in den letzten Jahren ohnehin rückläufig und sank allein von Mai 2017 auf Mai 2018 um 5,5 % auf 876 300 Tiere. Der Bestand der Zuchtsauen nahm um 7% auf 225 400 Tiere ab. Die konkurrierenden Ferkelerzeuger in Dänemark oder den Niederlanden dürfen die örtliche Betäubung bei der Kastration einsetzen und werden profitieren, wenn bei sie bei uns nicht erlaubt ist. BBV/S.K.

Mit Material von BBV
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