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Politik

Kein Platz mehr für die Quote

von , am
20.03.2015

<b>München</b> - Ein Interview mit Leonhard Welzmiller, Vorsitzender des Verbandes der Milcherzeuger Bayern, über die Lage auf dem Milchmarkt, die Zeit nach der Quote und anstehende Veränderungen bei seiner Organisation.

© Simon Michel-Berger
Zur Person
Der 62-jährige Leonhard Welzmiller ist seit 2007 Vorsitzender des Verbandes der Milcherzeuger Bayern. Er bewirtschaftet einen Betrieb mit Milchvieh und Ackerbau in Weil (Lks. Landsberg am Lech). Welzmiller hat 85 ha bewirtschaftete Fläche und 120 Milchkühe mit Nachzucht. Neben dem Side-by-Side Melkstand gibt es auf seinem Betrieb seit vier Jahren auch eine Biogasanlage.  
 
Wochenblatt: Die Zeit der Quote ist fast vorbei. Hat sie mehr gebracht als sie gekostet hat?
Welzmiller: Wenn ich meinen Betrieb anschaue, nein. Ich hatte in den letzten 25 Jahren Quotenkosten von 2,5 Cent pro Kilo und Jahr. Gebracht hat sie letztendlich nichts.
Wochenblatt: War die Quote dann überhaupt je nötig?
Welzmiller: Vor 30 Jahren, bei der Einführung, schon. Die Interventionslager der EU waren voll bis zum Rand und wir haben sie gebraucht. Aber heute, angesichts der freien Märkte, hat die Quote keinen Platz mehr. Jetzt bin ich froh, dass es mit ihr vorbei ist.
Wochenblatt: Was ändert sich für die Bauern nach der Quote?
Welzmiller: Gar nichts. Die Bauern werden nur nicht mehr im Hinterkopf behalten müssen, dass sie Superabgabe bezahlen müssen, wenn sie zu viel Milch produzieren. Sie haben mehr Freiheit in der Produktion.
Wochenblatt: Trotzdem hört man gelegentlich Gerüchte über die Zeit nach der Quote, von Molkereiquoten und anderen Plänen, die angeblich in Schubladen bei der EU oder anderswo bereit liegen. Was sollen die Bauern davon halten?
Welzmiller: Überhaupt nichts. Es gibt keine Nachfolgeregelung von politischer Seite. Es kann natürlich Molkereien geben, die mit ihren Milch- erzeugern darüber diskutieren, wer wieviel erzeugen bzw. verarbeiten kann. Die Gerüchteküche über Folgeregelungen brodelt, aber da ist nichts dran.
Wochenblatt: Brauchen wir für die Zukunft neue politische Instrumente zur Krisenbewältigung?
Welzmiller: Wir haben ja weiter Instrumente - private Lagerhaltung oder Intervention. Gut wäre es, wenn die Politik Molkereien mehr bei der Erschließung neuer Märkte in den Schwellenländern helfen würde. Die Hälfte unserer Milchprodukte in Deutschland wird ja schon exportiert. Sie sind weltweit gefragt. Aber die Politik könnte noch mehr helfen.
Wochenblatt: Ist das alles?
Welzmiller: In benachteiligten Gebieten brauchen wir weiter Maßnahmen wie die Ausgleichszulage. Gerade in Berggebieten sollte man die Gelder noch etwas erhöhen, damit dort auch in Zukunft Milchlandwirtschaft betrieben werden kann. Außerdem brauchen wir natürlich vernünftige Rahmenbedingungen. Bei der Düngeverordnung oder den neuen Regeln für Jauche, Gülle und Silagesickersaftanlagen kommt einiges auf uns zu. Oder nehmen Sie manche Bestimmungen im Arzneimittelgesetz. All diese neue Bürokratie erschwert uns das Wirtschaften.
Wochenblatt: Der Bauernverband fordert auch die steuerfreie Risikorücklage.
Welzmiller: Das wäre sehr sinnvoll und unbedingt notwendig. Wir hatten bei der Milch jetzt zwei sehr gute Jahre, nun kommt ein schlechteres. Wenn man hier Rücklagen bilden könnte, würde es uns sehr helfen.
Wochenblatt: Wie zufrieden sind Sie mit dem Agrarinvestitions- förderprogramm?
Welzmiller: Das Programm ist sehr wichtig und muss weitergeführt werden. Es muss auch in Bayern noch mehr in Verbesserung des Tierkomforts investiert werden. Schön wäre, wenn künftig stallplatzbezogen gefördert werden würde. Das würde auch die Investitionskosten deutlicher machen. Ich warne alle Berufskollegen davor, nur wegen höheren Zuschüssen zu investieren. Wer 30 Prozent vom Staat bekommt, muss immer noch 70 Prozent selber aufbringen. Wer sich hier überschätzt erleidet manchmal Schiffbruch.
Wochenblatt: Was halten Sie von Forderungen, nach der Quote neue Mengensteuerung einzuführen, etwa durch freiwilligen Lieferverzicht?
Welzmiller: Nichts. So ein Steuerungsmodell ist nicht mehr zeitgemäß. Dann müsste man ja die Mengen erfassen und hätte wieder eine Quote. Wenn ich mir die Kollegen anschaue, die solche Modelle einfordern, wollen sie es oft beim Nachbarn aber nicht bei sich selber.
Wochenblatt: 2015 kommen auf die Milchviehhalter mehrere Belastungen zu: Hohe Steuerlasten auf Grundlage des letzten, guten Jahres, Superabgabe und ein schlechterer Milchpreis. Viele haben aber in den letzten Jahren kräftig investiert. Wie schwierig wird das neue Jahr?
Welzmiller: Für manche wird es schwierig werden. Aber es war jedem Milchbauern bewusst, dass wenn er seine Quote überzieht, die Superabgabe kommt. Und wer jetzt investiert hat, hat in der Regel auch kalkuliert, dass der Milchpreis wieder zurückgeht. Die Berechnungen für die Finanzierung sind sicher nicht mit 38 oder 39 Cent gemacht.
Wochenblatt: Wie weit geht die Talfahrt beim Milchpreis und wann wird es wieder besser?
Welzmiller: Ich gehe davon aus, dass wir in den ersten Monaten des Jahres bis zu 32 Cent gehen könnten. Im zweiten Halbjahr sollte es wieder besser werden. In Neuseeland sind kürzlich die Milchfettpreise schon wieder um 10 Prozent gestiegen, da geht es bereits wieder nach oben.
Wochenblatt: Die 30 Cent reißen wir in Bayern also nicht?
Welzmiller: Vielleicht einzelne Molkereien, aber ich glaube nicht, dass wir im Durchschnitt darunter fallen werden.
Wochenblatt: Kommen wir zum Verband der Milcherzeuger selber. Das Hauptprüfverfahren der EU-Kommission hat ja verschiedene Änderungen angestoßen. Was ändert sich für die Mitglieder?
Welzmiller: Die Beratung für die Milchvermarktung gibt es nicht mehr kostenlos. Hier sind uns durch Brüssel künftig die Hände gebunden.
Wochenblatt: Wie teuer wird es werden?
Welzmiller: Das diskutieren wir derzeit intern. Unser Ziel wäre es aber, dass die Kosten vergleichbar sind mit denen, die auch auf Mitglieder der Bayern MeG zukommen. Grundsätzlich wollen wir die Kostenerstattung auf zwei Füße stellen: Einen Pauschalbetrag für bestimmte Leistungen und einen Stundensatz für konkrete Vertragsberatung.
Wochenblatt: Kürzlich wurde der Verein Milchplattform gegründet. Manche sagen, es wird ein Gegenverein zur Bayern MeG.
Welzmiller: Das ist es absolut nicht. Das Kartellamt verbietet es den Bauern, aktuelle Preise auszutauschen. Wir brauchen darum eine kartellrechtskonforme Möglichkeit für die Milchbauern, sich weiter zusammensetzen zu dürfen. Das ist die Plattform. Sie ist zudem ein eingetragener Verein, kann also gar nicht  selbst vermarkten. Ich wehre mich dagegen, wenn man das als Gegenpart zur Bayern MeG aufbaut. Nehmen Sie nur die Berater, die bei der Milchplattform und der Bayern MeG tätig sind: Es sind dieselben Leute. Mein Ziel ist, dass alle am Ende gemeinsam vermarkten - zusammen mit der Bayern MeG. Wir können aber auch nicht die im Regen stehen lassen, die ihre Milch eigenständig vermarkten wollen.
Wochenblatt: Blicken wir in die Zukunft. Wo sehen sie zehn Jahre nach der Quote die bayerische Milchwirtschaft - sowohl die Erzeuger als auch die Molkereien?
Welzmiller: Da bin ich sehr optimistisch. Keine Region weltweit hat solche guten Voraussetzungen wie wir. Wir haben sehr gutes Klima für die Milchproduktion und sehr gute Molkereien. Sicher wird es einen gewissen Strukturwandel geben, bei den Bauern wie bei den Molkereien. Das ist normal. Wir haben die letzten 30 Jahre jährlich rund vier Prozent der Betriebe verloren. Aber der Strukturwandel hat sich schon verlangsamt und ich denke, das wird so bleiben.
Wochenblatt: Sie fürchten sich also auch nicht vor TTIP, dem geplanten Handelsabkommen mit den USA?
Welzmiller: Nein, denn die Milchwirtschaft hätte hier Vorteile. Man muss aber natürlich alles sorgfältig abwägen und sich das Gesamtergebnis anschauen.
 
Interview: Simon Michel-Berger
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