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Öffentlichkeit

Kritik - was sag ich denen jetzt?

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Simon Michel-Berger, Wochenblatt
am
06.04.2018

Viele Landwirte sehen sich immer wieder Kritik ausgesetzt. Wir zeigen im Rahmen einer Argumentationshilfe einige Ansatzpunkte, was auf besonders häufig genannte Vorwürfe erwidert werden kann.

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Die Vorwürfe, mit denen moderne konventionelle Landwirte konfrontiert werden, sind schier endlos. Sie reichen von einer zu hohen Nitratbelastung des Grundwassers über den Verlust an Artenvielfalt bis zum Hunger in der Welt. Nicht immer fällt es leicht, auf die Vorwürfe zu antworten. Das Wochenblatt hat deswegen einige der häufigsten Kritikpunkte zusammengestellt. In unserem Beitrag machen wir Vorschläge, wie darauf reagiert werden könnte. Wir unterscheiden dabei zwischen einer „faktenbasierten“ und einer „emotionalen“ Antwort. Die folgenden Punkte stellen dabei keine ausführliche Beantwortung aller Kritikpuntke dar, sondern dienen als erste Anhaltspunkte für eine Diskussion.

Glyphosat

  • Vorwurf: „Glyphosat ist krebserregend.“
  • Fakt: Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die zuständige EU-Instanz, hat eine Risikobewertung durchgeführt und sie kommt zum Ergebnis, dass eine fachgerechte Anwendung gesundheitlich unbedenklich ist
  • Emotional: Einige Wissenschaftler, insbesondere die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), sagen, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei. Die IARC hat rund 1000 Substanzen auf ihre krebserregende Wirkung untersucht. Nur eine einzige davon gilt als „wahrscheinlich nicht krebserregend“.
  • Vorwurf: „Glyphosat zerstört die Artenvielfalt.“
  • Fakt: Gegen Unkräuter auf dem Acker geht jeder Landwirt vor, ob mit Spritzmitteln oder Handhacke. Mit Blühstreifen am Feldrand schaffen Landwirte heute Platz für Insekten und andere Lebewesen. Fast 1,4 Mio. ha Agrarflächen in Deutschland sind sogenannte „ökologische Vorrangflächen“, mit besonders hoher ökologischer Wertigkeit (Quelle: Bundeslandwirtschaftsministerium).
  • Emotional: Der Wirkstoff ermöglicht die pfluglose Bodenbearbeitung, die bodenfreundlicher und energiesparender ist als regelmäßiges Pflügen. In Europa steht der Glyphosateinsatz außerdem in keinem Zusammenhang mit der grünen Gentechnik.

Überdüngung

  • Vorwurf: „Die Landwirte sind Schuld an der hohen Nitratbelastung unseres Grundwassers.“
  • Fakt: Der europaweite Grund- und Trinkwassergrenzwert von 50 mg/l wird in Bayern bei 5,6 % der langjährig beobachteten Messstellen übertreten (Quelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt). Deutschland hat eine neue Düngeverordnung erlassen, um die Nitratbelastung weiter zu senken. Weil viele Faktoren den Nitratgehalt im Grundwasser beeinflussen, ist mit Ergebnissen frühestens in einigen Jahren zu rechnen.
  • Emotional: Die Nitratwerte hängen nicht nur von der Tierhaltung ab, sondern auch von der Bodenbeschaffenheit und den Niederschlägen. Im Allgäu, wo es am meisten Tiere gibt, haben wir am wenigsten Nitrat im Wasser.

EU-Direktzahlungen

  • Vorwurf: „Die EU-Agrarpolitik ist nur für Großbetriebe da. 80 % der Direktzahlungen in der EU gehen an 20 % der Landwirte.“
  • Fakt: Zu den 20 % der Betriebe in der EU zählen auch alle bayerischen Bauernhöfe ab 15 ha Fläche. Die Relation entsteht, weil 70 % der EU-Bauern – mit 5 ha und weniger wirtschaften. Knapp 50 % aller Betriebe in der EU, die Direktzahlungen erhalten, haben weniger als 5 ha (Quelle: EU-Kommission).
  • Emotional: Die EU-Agrarpolitik unterstützt die bäuerliche Landwirtschaft. Der jährliche Strukturwandel in Bayern ist im Bundesvergleich mit Abstand auf dem niedrigsten Niveau (rund 1 %). Die EU-Agrarpolitik arbeitet seit 2006 außerdem mit dem gleichen Budget, obwohl die Zahl der EU-Staaten seitdem um 13 gestiegen ist.

Anbindehaltung

  • Vorwurf: „Viele Milchviehhalter sind Tierquäler, die ihre Kühe anbinden.“
  • Fakt: Meistens sind es kleine Betriebe, die laut eigenem Bekunden vom Verbraucher besonders gewünscht werden, die Anbindehaltung betreiben. Gerade diese Betriebe pflegen und erhalten sehr häufig kleinteilige Grünlandflächen, Hanglagen und andere ökologisch wertvolle Grenzstandorte.
  • Emotional: In kleinen Betrieben mit Anbindehaltung werden die Kühe meistens als „Familienmitglieder“ gesehen, deren Leben die ganze Familie bewegt.

Massentierhaltung

  • Vorwurf: „Landwirte sind Massentierhalter, für die vor allem der Profit und nicht das Tierwohl zählen.“
  • Fakt: Wie gut es den Tieren geht, liegt in erster Linie am Tierhalter und nicht an der Bestandsgröße. Außerdem hat ein durchschnittlicher deutscher Veredlungsbetrieb im Mittel der Jahre 2014 – 2017 einen Unternehmensergebnis von rund 55 000 € erzielt (Quelle: Land-Data). Davon müssen eine Landwirtsfamilie und meist zwei Altenteiler leben sowie die notwendigen betrieblichen Investitionen bestritten werden. Nur wer Einkommen erzielt, kann dauerhaft existieren.
  • Emotional: Landwirte sind ausgebildete und erfahrene Tierhalter, Privatpersonen nicht immer. Bis zu 50 % aller Hunde und Katzen in Deutschland sind übergewichtig (Quelle: Bundesverband Praktizierender Tierärzte). Jeder Tierhalter muss Probleme in seinem Bereich lösen.

Antibiotika

  • Vorwurf: „Die industrielle Landwirtschaft setzt rücksichtslos Antibiotika ein und schafft dadurch gefährliche Resistenzen bei Keimen.“
  • Fakt: Die Gesamtabgabemenge von Antibiotika an Tierärzte in Deutschland ist von 2011 bis 2016 um rund 56 % auf 742 t gesunken. Bei den für die Humanmedizin besonders wichtigen sogenannten „Reserveantibiotika“, waren es weniger als 13 t (Quelle: Bundeslandwirtschaftsministerium).
  • Emotional: Die Veterinärmedizin tut viel, die Humanmedizin wenig. In letzterer werden pro Jahr 700 – 800 t Antibiotika eingesetzt. Der Anteil der Reserveantibiotika liegt bei rund 40 %. Deutliche Veränderungen bei der Abgabepraxis sind seit Jahren nicht zu beobachten (Quelle: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit).

Welthunger

  • Vorwurf: „Landwirte in Europa tragen zum Hunger auf der Welt bei, weil ihre subventionierten Produkte die Lebensmittelerzeugung in der dritten Welt unprofitabel machen.“
  • Fakt: Gut 90 % der EU-Agrarbeihilfen haben laut Welthandelsorganisation keinen Einfluss auf den internationalen Handel. Exportbeihilfen nutzt die EU seit 2013 nicht mehr.
  • Emotional: Auch europäische Bauern denken nicht nur an sich. Schon 2005 haben Copa und Cogeca, die Dachverbände der europäischen Bauernverbande und Agrargenossenschaften, in einer gemeinsamen Erklärung mit Bauernverbänden aus aller Welt auf das Recht der Staaten – darunter insbesondere der Entwicklungsländer – gepocht, ihre Landwirtschaft im Bedarfsfall auch durch Einfuhrzölle schützen zu dürfen. SMB
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