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Gerichtsentscheid

Kükentöten - Urteil heizt Systemwettstreit an

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Externer Autor
am
18.06.2019

Sobald es eine praxistaugliche Alternative gibt, dürfen männliche Küken in Brütereien nicht mehr kurz nach dem Schlüpfen getötet werden.

Leipzig Das entschied das Bundesverwaltungsgericht vergangene Woche. Keine Rechtfertigung für das Kükentöten sei hingegen das wirtschaftliche Interesse an Hennen, die auf hohe Legeleistung gezüchtet werden.

In der Urteilsbegründung ging das Gericht insbesondere auf die gewichtigere Rolle des Tierschutzes ein, die mit dessen Aufnahme in das Grundgesetz im Jahre 2002 einhergehe. In der aktuellen Praxis würde den männlichen Küken jeder Eigenwert abgesprochen, weil sie keine Legeleistung erbrächten. Das sei nicht mit dem Grundgedanken des Tierschutzgesetzes vereinbar. Von den Brütereien könne lediglich deshalb keine sofortige Umstellung verlangt werden, weil die bisherige Praxis des Kükentötens der langjährigen geringeren Bedeutung des Tierschutzes entsprochen habe. Ohne Übergangszeit müssten die Brütereien nämlich mit hohem Aufwand sowohl die Aufzucht männlicher Küken ermöglichen, als auch in naher Zukunft ein Verfahren zur Geschlechterbestimmung im Ei einzurichten oder Zweinutzungstiere aufziehen.
In der Folge des Urteils wiesen mehrere Unternehmen auf die Möglichkeiten hin, mit ihren Verfahren auf das Kükentöten verzichten zu können. Dr. Ludger Breloh, Geschäftsführer der Seleggt GmbH, einem Anbieter von Lösungen zur Geschlechtsbestimmung im Ei, erklärte, dass derzeit nach der Methode seines Unternehmens rund 1,5 Mio. Küken im Jahr untersucht werden könnten. Das entspreche einer Legeleistung von etwa 300 Mio. Konsumeiern. Jährlich werden in Deutschland aber rund 19 Mrd. Eier verzehrt. Breloh zeigte sich dennoch optimistisch, dass sein Verfahren sich am Markt durchsetzen werde. Derzeit würden in mehreren Rewe und Penny-Märkten im Großraum Berlin bereits Eier entsprechend untersuchter Tiere vermarktet – für einen Mehrpreis von 1 – 2 ct je Ei. Bis Jahresende will die Rewe-Gruppe die sogenannten „Respeggt“-Eier in allen 5500 Rewe- und Penny-Märkten in Deutschland anbieten.
Kritik an der Geschlechtsbestimmung im Ei äußerte hingegen Inga Günther, Geschäftsführerin der Ökologischen Tierzucht gGmbH (OTZ). Dieser Ansatz bedeute sogar eine Verschlechterung, weil damit die Verwertung von „Futterküken“ etwa in Zoos unmöglich gemacht und das Kükentöten lediglich vorverlegt würde. Echte Lösungen böten nur die Bruderhahnaufzucht oder das Zweinutzungshuhn. Ein solches züchte die OTZ für die Biobranche derzeit in einem gemeinsamen Projekt von Bioland und Demeter. Eine echte Alternative zum Kükentöten gäbe es damit bereits. Nun sei auch die Biobranche gefragt, sich gemeinsam für die Aufzucht männlicher Tiere einzusetzen.
Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft begrüßte die richterliche Entscheidung als klug und „der Realität gerecht“. Alle Beteiligten müssten nun intensiv daran arbeiten, die Geschlechtsbestimmung im Ei zum Erfolg zu führen. SMB
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