Login
Lieber Leser

Von der Kultur in der Natur

Thumbnail
Sepp Kellerer, Wochenblatt
am
30.03.2017

München - Mit aller Kraft schiebt die Natur jetzt draußen an. Die Knospen der Bäume und Sträucher schwellen, die Weizen- und Gerstenpflanzen bestocken und der Raps hebt den Vegetationskegel nach oben. Moment mal! Ist das wirklich die Natur?

Sepp Kellerer

Vielleicht sollten wir besser sagen: Mit aller Macht erwachen die Kräfte der Natur in unserer Kulturlandschaft. Weizen, Gerste und Raps sind eindeutig Kulturpflanzen, von den Sträuchern wachsen vielleicht einige wild, aber viele davon sind gepflanzt und auch die Wälder haben ihre derzeitige Ausprägung durch die Arbeit von Generationen von Waldbesitzern und Förstern erhalten.

Ein Beispiel dafür ist der Spessart mit seinen hochwertigen Eichen. Hochwertig sowohl für die Waldbesitzer als auch für den Naturschutz, wenn auch mit unterschiedlichen Bewertungskriterien. Lassen wir die Bewertung beiseite und betrachten die Zahlen. Sechs Prozent beträgt der Eichenanteil bei den Baumarten in Bayern, im Spessart sind es deutlich mehr. Das müssen wir schützen und erhalten, so lautet der ganz einfache Schluss aus dieser Situation. Folgerichtig wird also darüber gesprochen, dass der Spessart Standort für den dritten Nationalpark in Bayern sein könnte.

Das Gebiet ist grundsätzlich für einen Nationalpark geeignet, so das Urteil der Forstwissenschaft, aber nicht für einen Eichennationalpark sondern für einen Buchennationalpark. Der hohe Eichenanteil dort ist nämlich das Werk des Menschen und wenn der sich raushält, dann gewinnt die Buche schnell die Oberhand. Die Kräfte der Natur wirken halt mächtig in unserer Kulturlandschaft.

Der dritte Nationalpark in Bayern ist politischer Wille, aber ist er auch fachlich notwendig? Wenn es ein Waldökosystem gäbe, das gefährdet ist und Schutz braucht, dann könne man über dessen Schutz reden, sagt Martin Bentele, der neue Vorsitzende von proHolz Bayern, er sehe aber kein solches Ökosystem (Seite 35). Und es ist schon irgendwie bezeichnend, wenn Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Deutschland kommen, um sich anzuschauen, wie es hierzulande gelingt, alle Funktionen des Waldes auf ein und derselben Fläche zu ermöglichen, also die Erholungs-, die Schutz- und die Nutzfunktionen. Mit anderen Worten, die Welt schaut sich an, wie wir in unserer Kulturlandschaft die Kräfte der Natur nutzen und vielleicht ein bisschen steuern. Warum sollten wir von dieser nachhaltigen Strategie abrücken?

Auch interessant