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Mineralölindustrie contra Biosprit

Dieser Artikel ist zuerst im Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt erschienen.

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von , am
01.12.2016

München - Der Mineralölindustrie ist der Biosprit ein Dorn im Auge. Als Waffe dagegen ersann sie sich den Begriff "indirekte Landnutzungänderung". Ob wohl wissenschaftlich nicht haltbar, hat sie Erfolg damit.

Simon Michel-Berger
Ein Kommentar von Simon Michel-Berger, Stellvertretender Chefredakteur, Simon.Michelberger@dlv.de © Archiv/BLW

Es war einmal eine Mineralölindustrie, die lieferte weltweit jedes Jahr über 30 Milliarden Barrel Erdöl. Wäre dieses Öl ein einziger See, wäre er 1000 Meter lang, 1000 Meter breit und fast fünf Kilometer tief. Es war auch einmal eine Biokraftstoffindustrie, die produzierte jedes Jahr einen See, der bei einer Länge und Breite von 1000 Metern nur 74 Meter tief wäre.

Doch dieser zweite See war der Mineralölindustrie ein Dorn im Auge. Schließlich gehörten ihr dort weder Quellen noch Raffinerien. Und so hatte die Mineralölindustrie nichts dagegen, wenn mit Schauergeschichten über wertvolle Agrarprodukte die zu Kraftstoff würden vor mehr Hunger auf der Welt gewarnt wurde.

Doch weil trotz der Produktion von Biosprit die Agrarpreise auch sanken, brauchte es eine neue Horrorgeschichte. Dafür erfanden kluge Menschen den Begriff „indirekte Landnutzungsänderungen“. Sie argumentierten, dass in armen Ländern Wälder gerodet, Sümpfe trockengelegt und viel Schindluder mit der Umwelt getrieben würde, um den Bedarf gerade Europas an Biosprit zu sättigen. Von wertvollen Futtermitteln wie Rapskuchen, der bei der Produktion von Biokraftstoffen entsteht, sprachen diese Leute genauso wenig, wie vom Schindluder der mit der Umwelt geschieht, wenn eine Ölbohrplattform, ein Tankschiff oder eine Pipeline einen Unfall haben.

Nun begab es sich, dass die EU-Kommission ihre Ziele für Biokraftstoffe im Transportsektor neu setzen musste. Weil sie auf die Worte der Mineralölindustrie von indirekten Landnutzungsänderungen hörte – obwohl diese wissenschaftlich nicht gesichert sind – schlug sie vor, Biosprit aus Ackerpflanzen den Hahn zuzudrehen. Und wenn nicht Ministerrat oder EU-Parlament diese Biokraftstoffe retten, wird es vielleicht bald wirklich heißen: „Es war einmal eine EU-Biokraftstoffindustrie“. Selbst wenn man das auch einmal über die Erdölindustrie sagen wird.

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