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Bauernsterben

Pädagogik mit der Brechstange

Brechstange
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Ulrich Graf, Wochenblatt
am
12.07.2019

Gesellschaft und Politik wollen eine Landwirtschaft mit vielen kleinen Bauernhöfen. Faktisch heizen sie aber das Höfesterben an.

Ulrich Graf

Was halten Sie von folgender elterlicher Erziehungslogik: "Ich will mein Kind zu einem wertvollen Glied der Gesellschaft heranziehen. Deshalb muss ich ihm enge Grenzen setzen. Die tägliche Tracht Prügel gehört dabei einfach dazu." Sie werden mit Recht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und das Kind wird auf eine derartige Erziehungsweise gerne verzichten.

Genau diese Logik findet aber gegenwärtig für die Landwirtschaft ihre Anwendung. Wo immer möglich, sollen Regelwerke den Bauern Grenzen setzen, um ja keine Fehlentwicklung des Sprößlings zuzulassen. Notfalls müssen eben Prügel, Entschuldigung Sanktionen, her.

Ein Beispiel dazu: Auf einen meiner letzten Kommentare erhielt ich eine Zuschrift, die sinngemäß lautete, man müsse den Bauern doch enge Grenzen setzen, denn ich könne doch nicht glauben, dass Bauern freiwillig Rücksicht auf die Umwelt nehmen würden. Deshalb sei das Volksbegehren überfällig gewesen.

Bei dem Kommentar ging es um Streuobstwiesen. Dieses Beispiel legt die Crux der Materie ganz gut offen. Streuobstwiesen gibt es eigentlich nur noch deshalb, weil Bauern selbst Gefallen an der Artenvielfalt gefunden haben, denn betriebswirtschaftlich gesehen sind das bei einem ehrlichen Kostenansatz häufig "Draufzahlgeschäfte". Meine Antwort lautet deshalb: Nein, ich glaube es nicht, sondern ich weiß es, denn ansonsten würde es gar keine Streuobstwiesen mehr geben. Das Traurige daran: Genau denjenigen, die Artenvielfalt als Teil ihrer Arbeit begriffen haben, geht es nun an den Kragen. 

Wie wir es machen, es ist verkehrt

Welche Schlussfolgerung sollen nun Landwirte aus derartigen Beispielen ziehen? Für viele lautet sie: "Wie wir es machen, es ist verkehrt." Deshalb beantworten viele Betriebsleiter die Frage danach, ob sie weitermachen wollen, mittlerweile mit "nein".

Besonders Nutztierhalter ziehen gegenwärtig einen Schlussstrich. Wenn fünf Prozent der Milchviehhalter und sieben Prozent der Schweinehalter in Bayern binnen Jahresfrist aussteigen, so ist das ein Votum, das an Deutlichkeit keine Interpretation erlaubt. Die Betriebe haben es einfach satt, als Prügelknaben zu dienen. Hier reichen negative Einzelfälle aus, um den ganzen Berufsstand an den Pranger zu stellen 

Nur komisch, dass diese Zahlen sich gegenwärtig in politischen Diskussionen kaum wiederfinden. Im Gegenteil, da wird mit angeblich tollen neuen Erwerbsfeldern hausieren gegangen. Sind wir in Zeiten der Fakenews bereits so weit, dass Fiktionen mehr zählen als die Realität?

Sie kehren niemals zurück

Die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zählen zu den investitionsintensivsten. Stall, Boden, Landtechnik, das sind immense Kostenfaktoren. Wer einmal ausgestiegen ist, wird kaum mehr das Kapital für einen Wiedereinstieg aufbringen können. Eine ähnliche Hürde gilt auch für Neueinsteiger. Außerdem ist ein immenses, von der Gesellschaft stark unterschätztes, Fachwissen erforderlich. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe wieder nach oben zu schrauben, ist eigentlich undenkbar.

Und noch eins kommt in diesem Zusammenhang dazu: Die westliche Welt wirtschaftet unter dem Diktat der Ökonomie. In der Regel heißt das, dass man mit seiner Arbeit Geld verdienen will. Für die Landwirtschaft gibt es aber auch eine inverse Sichtweise: Die Verdienstmöglichkeiten der vergangenen Jahre haben nicht ausgereicht, um ausreichend Eigenkapital für Investitionen zu erwirtschaften. Das heißt, wer in jüngster Zeit gewachsen ist, musste dazu in der Regel Fremdkapital aufnehmen. Diese Betriebe können, damit sie ihren Schuldendienst ableisten, nicht aufhören. Der mit der Bank vereinbarte Businessplan verbietet das. Die Freiheit einen "Schlussstrich zu ziehen", haben an sich nur die kleineren Betriebe, die sich in jüngster Zeit nicht verschuldet haben. Und das sind dann auch diejenigen, die diese "Freiheit" nutzen.

Das heißt: Alles was da gegenwärtig in Politik und Gesellschaft durch die Köpfe spukt, ist weit weg von der Realität auf den meisten landwirtschaftlichen Betrieben. Willkommen im Wolkenkuckucksheim.

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