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Wolfmanagement

Platz für Weidetiere und Wölfe?

Herdenschutzhund
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Simon Michel-Berger, Wochenblatt
am
07.09.2017

München - Erstmals haben Natur- und Tierschutzverbände gemeinsam mit einem Schäfer- und einem Jagdverband ein Papier vorgelegt, wie Herdenschutz und Wölfe miteinander vereinbart werden können. Die großen Berufsverbände sind skeptisch.

Für die Naturschützer von WWF, BUND und NABU war es ein Coup. Zum ersten Mal haben sie es geschafft, auch einen berufsständischen Verein zu überzeugen, eine gemeinsame Erklärung mitzutragen, wie Artenschutz und Weidetierhaltung miteinander vereinbart werden können. Das Papier stellt „Eckpunkte für ein konfliktarmes Miteinander“ vor und wurde vergangenen Donnerstag vorgestellt.
 Neben den genannten Organisationen sind der Deutsche Tierschutzbund, der International Fund for Animal Welfare, der Deutsche Grünlandverband, der Ökologische Jagdverband und der Bundesverband der Berufsschäfer mit dabei. Heftige Kritik an der Erklärung äußerten hingegen unter anderem die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL), der Deutsche Bauernverband (DBV) und der Deutsche Jagdverband (DJV).

Die Forderungen

Das Dokument fordert zukunftsfähige Perspektiven für die extensive Weidetierhaltung. Dazu müssten wirtschaftliche Benachteiligungen von Weidetierhaltern in Wolfsgebieten angemessen und unbürokratisch aufgefangen werden. Die öffentliche Hand müsse Schäden auch dann ersetzen, wenn ein Wolf als Schadens­ursache nicht ausgeschlossen werden könne. Die Schadensbeurteilung müsse durch qualifizierte Gutachter erfolgen. Auch sollten weiter Wolfsmanagementpläne erarbeitet und ein nationales Kompetenznetz Herdenschutz eingerichtet werden.
Zum Schutz vor Wolfsübergriffen brauche es geeignete Zäune, gut ausgebildete Herdenschutzhunde, Schulung und Beratung.  Um den Einsatz von Herdenschutzhunden zu erleichtern, müsse die Tierschutz-Hunde-Verordnung angepasst werden. Eine Wolfsentnahme könne in Einzelfällen als letztes Mittel trotzdem nötig sein. Gleichzeitig erkennen die Unterzeichner den Schutzstatus des Wolfes im geltenden Recht an.

Die Kritik

DBV, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer sowie die VDL kritisierten die Vorschläge als „völlig unzureichend“. Die Lasten und Risiken des rasant wachsenden Wolfsbestands würden allein den Weidetierhaltern aufgebürdet. Die Naturschutzverbände opferten für eine „falsch verstandene und naive Wolfsromantik“ die Weidetierhaltung und gefährdeten damit den langfristigen Erhalt des Grünlandes in weiten Teilen Deutschlands.
Komplizierte Entschädigungsverfahren, umfangreiche Lastenhefte und Vorgaben zum Schutz vor dem Wolf trügen dem Interesse der Nutztierhalter nicht im Ansatz Rechnung. Die wolfssichere Einzäunung und der Einsatz von Herdenschutzhunden seien nur in wenigen Regionen sinnvolle und praktikable Instrumente.
In Regionen, die nicht wolfssicher eingezäunt werden könnten, müsse ein Auftreten des Wolfes durch eine konsequente Bestandsregulierung ausgeschlossen werden. Wie auch in anderen europäischen Ländern müssten dafür ein konsequentes Bestandsmanagement ermöglicht und das bewährte Reviersystem umgesetzt werden.
Der DJV bezeichnete es als realitätsfern, höhere Elektrozäune und Herdenschutzhunde anzupreisen, wenn es darum gehe, Tausende Quadratkilometer Weideland wolfssicher zu machen. Eine „Verdrahtung der Landschaft“ torpediere außerdem alle Bemühungen zur Biotopvernetzung. Stattdessen fordert der Verband unbürokratische Regelungen für die Vergrämung und Entnahme von Wölfen, die sich auf Nutztiere spezialisiert hätten.

Stimmen aus Bayern

Joseph Grasegger, Vorsitzender des Landesverbands Bayerischer Schafhalter (LBV) und der Bayerischen Herdbuch-Gesellschaft für Schafzucht, sagte: „Die bayerischen Schäfer stehen nicht hinter diesem Papier.“ Die dort gemachten Vorschläge stünden „weit unter unseren Ansprüchen“. Er verwies auf Forderungen des LBV nach einer Resolution im Landtag, den Schutzstatus des Wolfes aufzuheben. Den Bundesverband der Berufsschäfer bezeichnete er als „ganz kleine Gruppe“.
Georg Mair, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins in Oberbayern, nannte die Erklärung „nicht übertragbar auf uns“. Die Weidehaltung wolfssicher, also auch gegen Untergraben, zu schützen, sei auf Almflächen nicht möglich. Mair verwies darauf, dass dieses Jahr erstmalig eine Alm in Bayern – die Staffelalm in der Jachenau – aus Angst vor Wolfsrissen nicht bestoßen worden sei.
Staatsminister Helmut Brunner erinnerte daran, dass das zuständige Umweltministerium gefordert sei, den Wolfsmanagementplan Stufe 3  schnellstmöglich vorzustellen. Auch in Bayern seien nicht mehr nur Einzeltiere, sondern Wolfsrudel festgestellt worden. Zielkonflikte gebe es nicht nur in der Landwirtschaft sondern auch in der Gesellschaft. Weidewirtschaft sei unbestritten die artgerechteste Form der Tierhaltung. Im Freistaat gebe es zahlreiche Mutterkuh-, Schaf- und Damwildhalter. Geklärt werden müsse laut Brunner, ob der Schutzstatus des Wolfes unantastbar sei und ob es glaubwürdig und praktikabel sei, alles wolfssicher einzuzäunen. Auch bei Schutzhunden bewiesen Erfahrungen aus anderen Bundesländern, dass Konflikte etwa mit Touristen vorprogrammiert seien. Brunner forderte: „Ich erwarte, dass man nicht einzelne Tierarten willkommen heißt, ohne die Auswirkungen zu berücksichtigen, die damit verbunden sind.“
Wann die dritte Stufe des Wolfsmanagementplans vorgelegt werden soll, sagt das bayerische Umweltministerium derzeit noch nicht. Auf Nachfrage des Wochenblatts sprach die Behörde von „zeitnah“.

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