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Politik

Preise nicht auch noch schlechtreden

von , am
13.03.2015

<b>München</b> - Ein Interview mit BBV-Präsident Walter Heidl und Robert Hofmeister, Präsident des Verbandes der Bayerischen Privaten Milchwirtschaft, zur aktuellen Lage auf dem Milchmarkt und die immer näher rückende Zeit nach der Quote.

BBV-Präsident Walter Heidl (l.) und Robert Hofmeister, Präsident des Verbandes der Bayerischen Privaten Milchwirtschaft. © BBV
Wochenblatt: 2015 ist für die Milchbauern ein historisches Jahr: Nach 31 Jahren wird die Milchquote nicht mehr verlängert. Ist es nur ein Datum oder ein Paradigmenwechsel?
Heidl: Es ist die politische Antwort auf die Öffnung der Märkte. Im Zusammenhang mit dem Auslaufen der Milchquote in knapp drei Monaten sollten wir jetzt aber nicht von  Preiseinbrüchen reden. Preise auf offenen Märkten schwanken, auch nach unten. Die Preisrücknahmen in den letzten Monaten, wie auch die vor einigen Jahren, vor allem 2009 und 2012, haben gezeigt, dass mit der fortschreitenden Deregulierung der Märkte staatliche Eingriffe in den Milchmarkt ohnehin nicht mehr für stabile Preise sorgen konnten. Viele aktive Milchbauern sagen mir, die  Quote sei vor allem ein Kostenfaktor gewesen und habe  einen preisstabilisierenden Effekt nie wirklich gehabt. Als Wachstumsbremse für alle wirkt die knappe Verfügbarkeit der Fläche.
Wochenblatt: Herr Hofmeister, wie sieht Ihr Verband das Ende der staatlichen Quotenregelung und die Perspektive am Milchmarkt?
Hofmeister: Die Quote in einem globalen Weltmarkt macht keinen Sinn und hemmt die Marktchancen aller Beteiligten. Die Perspektiven des Milchmarkts sind mittel- bis langfristig gut. Insofern dürfen wir uns von der aktuellen Entwicklung nicht verunsichern lassen. Die derzeitige Situation ist das Ergebnis vom Überangebot an Milch trotz der noch bestehenden Quote - ein weiterer Beweis, dass die Quote bereits heute keine Bedeutung mehr hat.
Wochenblatt: Mit welcher Entwicklung müssen die Milchbauern denn jetzt rechnen?
Heidl: In den vergangenen zwei Jahren waren die Milchpreise gut. Und das hat auch dazu geführt, dass die Bauern bei uns in Bayern und auch in ganz Deutschland investiert haben und neue Ställe bauen oder erweitern. In Europa war diese Entwicklung deutlich verhaltener. Unsere Bauern sehen offensichtlich im Wegfall der Quote mehr eine Chance denn eine Bedrohung, denn langfristig gehen alle Prognosen von einer steigenden globalen Nachfrage nach hochwertigen Milcherzeugnissen aus, und gerade  unsere bayerischen Milchprodukte haben weltweit einen sehr guten Ruf. Um diese Marktchancen unserer „Marke Bayern“ zu nutzen braucht es starke Molkereien - und zwar privat und genossenschaftlich.
Wochenblatt: Was ist ihre Milchpreisprognose für das kommende Jahr?
Heidl: Der Milchpreis wird am Markt gemacht. Wie wir 2013/2014 gesehen haben, schließt sogar eine zunehmende Produktion steigende Milchpreise nicht aus. Genauso, wie eine Produktion unter dem Selbstversorgungsgrad (SVG) nicht zwangsläufig gute Preise bringt. Der aktuelle katastrophale Schweinepreis bei einem SVG von 82 Prozent in Bayern zeigt, dass diese Sichtweise bei offenen Märkten längst überholt ist. Und wenn die Märkte einmal nicht so gut laufen, sollte man sie  auch nicht zusätzlich  schlechter reden, als sie sind. Im letzten Monat haben unsere bayerischen Milchbauern im Schnitt noch über 35 Cent netto erhalten, der Milchpreis wird aber aufgrund der bekannten Kontrakte vom Herbst auch noch nachgeben. Wichtige Zeichen sind, dass eine bayerische Genossenschaft  möglichst lange 38 Cent halten möchte und die Bayern MeG für die ersten beiden Monate bereits Vereinbarungen über 33 Cent hat. Da halte ich Preisprognosen aus bäuerlichem Mund bei 25 Cent für mehr als kontraproduktiv und zusätzlich Absatz hemmend.
Wochenblatt: Wenn nun die Quote wegfällt, welche politische Unterstützung kann der Bauernverband den Milchbauern noch zukommen lassen?
Heidl: Bei volatilen Märkten kommt der Sicherung der Liquidität eine noch stärkere Bedeutung zu.  Deswegen steht schon seit geraumer Zeit die Forderung nach einer steuerlichen Risikoausgleichsrücklage auf der Agenda ganz oben, um in guten Zeiten vorsorgen zu können. Mittelfristig müssen sich die Milcherzeuger oder deren Organisationen aber auch mit der Absicherung der Preise über Warenterminbörsen beschäftigen. Dies bringt in der Gesamtschau zwar kein höheres Einkommen, da neben den Preistiefs auch die Preisspitzen geglättet werden, aber  eine bessere Planbarkeit der laufenden Liquidität.
Wochenblatt: Das heißt, dass eine verbandspolitische Unterstützung der Milcherzeuger auch nach der Quote breiten Raum einnimmt?
Heidl: Absolut. EU-weit konzen- triert sich die politische Diskussion für die Zeit nach der Quote vor allem auf die Ausgestaltung des Sicherheitsnetzes, über die bekannten Instrumente Intervention, private Lagerhaltung und Exportförderung hinaus. Wichtig für jeden Einzelnen sind vor allem aber auch die nationalen Herausforderungen. Denn unsere Gesellschaft in Deutschland hat schon eine ganz eigene Sichtweise von Tierhaltung oder Nachhaltigkeit - und will diese aber nicht mit einem entsprechenden Preis honorieren. Gerade für die kleiner strukturierten  Betriebe in Bayern kann dies schnell zu einer Demotivation und Betriebsaufgabe führen, mit Folgen für den gesamten Wirtschaftsraum Bayern.
Wochenblatt: Haben Sie dafür konkrete Beispiele?
Heidl: Nehmen Sie die Düngeverordnung oder die weiter zunehmende Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels. Hier muss endlich die Politik eingreifen. Wir brauchen wettbewerbs- und kartellrechtliche Maßnahmen, um die landwirtschaftlichen Betriebe besser vor der Marktmacht der großen Handelskonzerne zu schützen. Und immer neue Vorschriften und Kontrollen stellen viele Landwirte vor riesige Herausforderungen. Die Politik darf mit praxisfernen Regelungen nicht einen Strukturwandel durch die Hintertür in Gang setzen. Gerade manche selbsternannten vermeintlichen Freunde unserer Milchbauern in Politik und anderen Organisationen treiben hier über ständige Forderungen nach Verschärfungen ein ganz mieses Spiel.
Wochenblatt: Können bayerische Milcherzeuger auch künftig auf Unterstützung durch die Politik zählen?
Heidl: Da die Milcherzeugung in Bayern sich vornehmlich in benachteiligte Gebiete und in Grünlandgebiete der Mittelgebirge und der Voralpenregion verlagern wird, wird immer eine politische Unterstützung dieser Betriebe zum Beispiel über die Ausgleichszulage notwendig und auch zu rechtfertigen sein, unabhängig von der Höhe des Milchpreises. Der Tourismus in Bayern mit seiner hohen wirtschaftlichen Bedeutung lebt von der Arbeit dieser Bauernfamilien. Auch die Umsetzung der „Ersten Hektare-Regelung“ bei den Direktzahlungen ist hier ein wichtiges Signal.
Wochenblatt: Die aktuelle Situation ist nicht gerade positiv. Was ist Ihre Antwort auf die Sorgen der Milcherzeuger?
Hofmeister: Die aktuelle Situation ist schwierig, keine Frage. Die bayerischen privaten Molkereien bedauern die Entwicklung und unternehmen als starke Markenartikler alles, um die Chancen des Marktes zu nutzen. Das Jahr 2014 wird - wie schon 2013 - ein Rekordjahr, was Menge und Preis betrifft.
Wochenblatt: Wie sehen Sie die langfristige Perspektive für den bayerischen Milchstandort?
Hofmeister: Wie gesagt, der langfristige Trend ist positiv. Alle aktuellen Studien, beispielsweise die der OECD und der EU, zeichnen ein optimistisches Bild für die Zukunft. Wichtig ist, dass wir an den globalen Märkten teilnehmen können und nicht durch politische Interessen und Handelshemmnisse gehemmt werden. Jetzt gilt es eine sachliche Diskussion zu führen, um keinen der Beteiligten zu verunsichern und zu falschen Entscheidungen zu verleiten.
 
(BBV)
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