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Seuchen

Schweinepest - kalt von der Seuche erwischt

Wildschwein
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Simon Michel-Berger, Wochenblatt
am
20.09.2018

Nach dem überraschenden Auftreten der Afrikanischen Schweinepest in Belgien sieht sich die deutsche Politik auf einen möglichen Seuchenfall gut vorbereitet. Belgische Bauern werfen den Behörden unterdessen Hilflosigkeit vor.

Berlin/Bonn/Brüssel/Namur Auf einmal ging alles ganz schnell. Am Donnerstag vergangener Woche stellten belgische Behörden den Erreger der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in zwei toten Wildschweinen in der Gemeinde Etalle in den Ardennen fest. Wie der Verband der belgischen Fleischwirtschaft (Febev) bekannt gab, hatten innerhalb weniger Tage zahlreiche Länder – darunter China und Südkorea – Einfuhrstopps verhängt. Bis Redaktionsschluss des Wochenblattes am Mittwoch waren über 50 % der belgischen Schweinefleischexporte betroffen. Die Einfuhrverbote gelten, obwohl die Hausschweinebestände weiterhin offiziell ASP-frei sind. Wie der belgische Futtermittelverband (BFA) mitteilte, haben außerdem weitere Länder, darunter ebenfalls China, Einfuhren von Futtermitteln aus Belgien untersagt.

Sperrgebiet und eine Million Euro

Die belgischen Behörden haben um die Fundorte der Kadaver ein 63 000 ha großes Risikogebiet eingerichtet. Dort ist, wie der zuständige Landwirtschaftsminister der Region Wallonien, René Collin, vergangenen Freitag mitteilte, bis zum 14. Oktober jegliche Jagdausübung verboten. Ziel sei es, die Population möglicherweise infizierter Wildschweine im Gebiet zu halten und das Virus nicht weiter zu verbreiten. Ebenfalls verboten ist die Fütterung von Wildtieren im Gebiet, um eine Konzentration zu vermeiden und das Infektionsrisiko zu senken.
Drei Tage und ebenso viele ASP-Funde in verendeten Wildschweinen später verschärfte Collin die Einschränkungen in Übereinstimmung mit der EU-Kommission. Das betroffene Waldgebiet darf seitdem weder von der breiten Öffentlichkeit noch von Waldarbeitern betreten werden. Geprüft werde derzeit, wie weit die Einrichtung von Schutzzäunen möglich sei. Insgesamt habe die wallonische Regierung 1 Mio. € für Maßnahmen zur Bekämpfung der ASP bereitgestellt.
Wie der Minister gegenüber dem belgischen Nachrichtensender RTBF sagte, sei das Ziel, die Wildschweinpopulation in dieser Zone komplett auszurotten. Auch außerhalb dieses Gebiets müsse der Wildschweinbestand stark reguliert werden. Für seinen Aufruf an die Jäger, besonders Bachen ins Visier zu nehmen, habe er in den sozialen Netzwerken sogar Todesdrohungen erhalten, so der Minister weiter.
Abschließend wies Collin auf die hohe Bedeutung hin, andere EU-Mitgliedstaaten über die Gefahr einer Verschleppung des Virus durch den Menschen aufzuklären. Ein kleines Stück einer Semmel mit infiziertem Schweinefleisch könne genügen, um einen Seuchenfall auszulösen.
Der Gouverneur der belgischen Provinz Luxemburg, Olivier Schmitz, betonte seinerseits am Dienstag: „Es ist entscheidend, dass auch die Öffentlichkeit Verantwortung übernimmt. Alleine schaffen wir es nicht.“

Belgiens Landwirte hätten mehr erwartet

Während Collin auch Gespräche mit EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis suchte, zeigten sich die belgischen Landwirte vom Krisenmanagement ihrer Behörden wenig beeindruckt. In einer Pressemitteilung von vergangener Woche beklagt der belgische Bauernbund, dass „derzeit keiner weiß, wie es weitergehen soll“. Einen realistischen Krisenplan, der einigermaßen Aussicht darauf bieten könnte, die ASP auszurotten oder die Lage zumindest unter Kontrolle zu halten, gebe es nicht. Wie weit es gelingen könne, die Schwarzwildbestände auf null zurückzufahren, sei fraglich.
Weil man sich womöglich auf ein Leben mit der ASP einstellen müsse, müssten die Anstrengungen darauf konzentriert werden, eine Verschleppung in Hausschweinebestände mit allen Mitteln zu verhindern. Dies hätten vor allem die rund 4200 belgischen Schweinehalter in der Hand, die nun verstärkt auf Biosicherheitsmaßnahmen achten müssten.
Übereinstimmend forderten belgische Bauernverbände, BFA und Febev bereits vergangene Woche ein koordiniertes Vorgehen gegen die ASP. Für die Handhabung der Seuche im Sperrgebiet brauche es ein europäisches Herangehen, insbesondere weil ein Übergreifen auf Frankreich und Luxemburg zu befürchten sei.

Klöckner: Deutschland gut vorbereitet

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bezeichnete die Lage in Belgien unterdessen als „sehr ernst“, sieht Deutschland aber gut vorbereitet. Bereits vergangene Woche sagte sie: „Die rechtlichen Instrumente liegen vor, um die Afrikanische Schweinepest zu bekämpfen. Bereits im Juni habe ich ein Gesetz auf den Weg gebracht, mit dem die bestehenden Maßnahmen ergänzt werden und ein Ausbruch der ASP bei Wildschweinen noch effektiver bekämpft werden kann. Das Gesetzesvorhaben steht kurz vor dem Abschluss.“ Sie betonte aber auch die hohe Bedeutung einer Aufklärung der Verbraucher, damit eine Verbreitung der Seuche etwa über weggeworfene, kontaminierte Speiseresten vermieden werden könne.
Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, zeigte sich über die Lage in Belgien äußerst besorgt. Die auf den Weg gebrachten Maßnahmen zur ASP-Bekämpfung seien richtig und müssten schnellstmöglich gesetzgeberisch umgesetzt werden.
Für den Deutschen Jagdverband zeige der Sprung der ASP nach Westen, dass der Mensch für die schnelle Verbreitung des Virus verantwortlich sei. Die Behörden müssten daher dringend die Biosicherheit insbesondere an Parkplätzen, Bahnhöfen oder Grenzübergängen entlang von Transitstrecken verbessern. Nicht weiter führe hingegen der „reflexartige Ruf nach verstärkter Jagd auf Wildschweine“.
Beim deutschen Verband der Fleischwirtschaft sieht man Veterinärbehörden und betroffene Wirtschaftskreise gut auf die ASP vorbereitet. Gemeinsam mit Bund und Ländern habe man auch ein Krisenhandbuch zum Umgang mit der Seuche erarbeitet. SMB

„Wir wurden völlig überrascht“

Zur Lage in Belgien sprach das Wochenblatt mit Michaël Gore vom Verband der belgischen Fleischwirtschaft (Febev). Er sagte, dass in all den Gesprächen mit den zuständigen Behörden vor dem Ausbruch niemand gedacht hätte, dass es als nächstes das eigene Land treffen würde. Belgien sei „völlig überrascht“ worden.

Die aktuelle Bekämpfung der ASP in Belgien bewertet Gore vorsichtig: „Die Organisation in den Behörden nimmt Gestalt an.“ Die von der wallonischen Regierung in Aussicht gestellte Million Euro zur Seuchenbekämpfung sei allerdings viel zu wenig. Er betonte: „Wenn Schweinehalter in der betroffenen Region die geforderten Biosicherheitsmaßnahmen nicht erfüllen, müssten die Betriebe geschlossen werden.“ Zur Unterstützung der Landwirte bei der Verbesserung ihrer Biosicherheit, in Kombination mit den notwendigen Maßnahmen zum Abschuss von Wildschweinen, reiche 1 Mio. € nicht.

Gore verwies auf Tschechien, wo es in den von der ASP betroffenen Gebieten eine hohe Mobilisierung von Jägern und sogar der Armee gegeben habe. So etwas sei in Belgien nicht zu erkennen. Wichtig sei jetzt ein europäischer Ansatz, denn die Wildschweine in dem betroffenen Gebiet würden sich regelmäßig auch zwischen Deutschland, Frankreich und den Niederlanden bewegen.

Noch völlig offen sei, was mit dem Schweinefleisch geschehen würde, das nicht mehr exportiert werden könne. Hier brauche es unbedingt Unterstützung seitens der Regierung. Viele Exportländer – wie etwa China – hätten in ihren Einfuhrbestimmungen keine Regionalisierung vorgesehen, wobei beispielsweise trotz eines ASP-Ausbruchs in Wallonien Schweinefleisch aus Flandern weiter exportiert werden dürfe. Gore betonte, wie dringend es nötig sei, solche Regionalisierungsklauseln zu verhandeln. Dafür brauche es jedoch Zeit und „die haben wir im Augenblick nicht“. SMB

Wie schützt man sich?

Zur Vorbeugung gegen einen möglichen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest ist es für Schweinehalter entscheidend, alle notwendigen Maßnahmen zur Gewährleistung der Biosicherheit zu ergreifen. Details dazu finden Sie in diesem Heft auf S. 29. SMB

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