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Tengelmann

Und Tschüss

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Simon Michel-Berger, Wochenblatt
am
20.10.2016

München - Die Geschichte von Tengelmann ist auch eine Warnung, dass Wachstum allein kein Segen ist.

Simon Michel-Berger

Die Unternehmensgeschichte ist geprägt von Übernahmen und Expansionen, bis die Firma Anfang der 70er-Jahre, kurz nach der Übernahme von Kaiser’s, der größte Lebensmittelhändler Deutschlands war. Ende der 90er-Jahre hatte das Handelshaus über 1300 Supermärkte im Land. Schon damals schreibt die Kette aber rote Zahlen, ein geplanter Verkauf an Edeka scheitert und drastische Sparmaßnahmen folgen.

Wenn jetzt Tengelmann seine rund 450 Filialen nicht im Paket an Edeka verkauft, wird das die zunehmende Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel bestenfalls nur kurzfristig bremsen. Die besten Märkte werden sich Edeka und Rewe ohnehin sichern. Das wird auch Auswirkungen auf Bayern haben. Im Speckgürtel um München etwa gibt es zahlreiche Gemeinden, wo neben Aldi und Lidl nur Rewe, Edeka und eben Tengelmann vertreten sind. Ihre zunehmende Marktmacht werden die verbleibenden Großen ihre Zulieferer und damit die Bauern sicher weiter spüren lassen.

Ein wenig gebremst wird der Trend vielleicht, weil an einigen Standorten auch kleinere Konkurrenten zum Zug kommen dürften. Aber für die Bauern ändern wird sich deswegen so gut wie nichts. Ein Armutszeugnis ausgestellt hat die Episode allerdings der deutschen Wettbewerbs- und Wirtschaftspolitik. Obwohl das Kartellamt zuletzt kalte Füße angesichts der Übernahme durch Edeka bekam, hat es über Jahrzehnte die steigende Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel akzeptiert. Eine Rolle dabei spielen immer auch die Arbeitsplätze. Aber was sind das für Jobs, die da gesichert werden? Niedrige Löhne, im Zweifel schnell gekündigt und – aus Angst vor Ladendiebstählen – teils mit Videokameras überwachte Angestellte die rausgeschmissen werden, wenn sie zwei fremde Leergutbons für 1,30 Euro selbst einlösen.

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