Login
Diskussionen

Unabhängig ist niemand

Thumbnail
Simon Michel-Berger, Wochenblatt
am
20.04.2017

Kann ein Wissenschaftler, der einmal für die Industrie gearbeitet hat, noch unabhängige Forschungsergebnisse liefern? Darum geht es im Kern bei den Vorwürfen, die jetzt wegen zu großer Industrienähe gegen die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit erhoben werden.

Simon Michel-Berger

Die Antwort ist aus meiner Sicht wie oft im Leben: Kann sein, muss aber nicht. Wer ist wirklich unabhängig? Der Konzern, der seine Produkte verkaufen will, schaut aufs Geld. Der Politiker, der wiedergewählt werden will, schaut auf die Wähler. Der Forscher, der morgen auch noch forschen will, schaut auf Fördermittel. Der Umweltaktivist schaut auf Spenden. Und der Journalist schaut auf Zuschauerzahlen oder Auflage.

Ich finde es nicht schlimm, wenn eine europäische Behörde bei der Risikobewertung von möglichen Gefahrenstoffen auch Studien der Industrie verwendet – solange sie diese kritisch beleuchtet und auch andere Untersuchungen zu Rate zieht. Viel seltsamer fände ich es, wenn der Staat alle möglichen Gefährdungen etwa durch Pflanzenschutzmittel auf Kosten der Steuerzahler untersuchen würde. Der Staat soll Vorgaben für Untersuchungen machen, aber zahlen soll das schon der, der auch am Produkt verdienen will.

Die ganze Diskussion über gekaufte Wissenschaft führen die Umweltorganisationen schließlich nur ins Feld, wenn ihnen das Endergebnis der Risikobewertung nicht passt („Glyphosat nicht krebserregend“). Keinen Aufschrei gibt es, wenn eine andere internationale Agentur im Sinne der Umweltaktivisten urteilt („Glyphosat möglicherweise krebserregend“). Froh bin ich aber, dass es die Diskussion gibt. Am Ende vertraue ich weder Monsanto, noch Politikern, noch selbst ernannten Weltrettern zu wissen, was am besten für mich ist. Das will ich auf Grundlage der öffentlichen Diskussion schon selber entscheiden.

Auch interessant