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Christbaumdorf

Alles dreht sich um den Weihnachts-Baum

Weihnachtsbaum
Ludwiga Friedl, Wochenblatt
am
13.11.2017

Im ersten Christbaumdorf Deutschlands, in Mittelsinn im Landkreis Main-Spessart, fand am Martinstag die bundesweite Saisoneröffnung statt.

Der Verein Christbaumdorf Mittelsinn e.V. hat im zweiten Jahr seines Bestehens bereits 150 Mitglieder. Das ist sehr beachtlich, denn Mittelsinn ist mit 850 Einwohnern die kleinste eigenständige Gemeinde im Landkreis Main-Spessart. Vorsitzender des Vereins ist Uwe Klug. Zur Saisoneröffnung haben sich der bayerische Justizminister Winfried Bausback und die neue deutsche Weihnachtsbaumkönigin angekündigt.

Zur Förderung regionaler Produkte war die Initiative 2016 ins Leben gerufen worden. In Mittelsinn gibt es Damwild, Honig und Holzofenbrot, das im Dorfbackhaus bei gemeinschaftlichen Backaktionen entsteht. Von der Initiative habe vor allem die Dorfgemeinschaft profitiert, berichten die Frauen. An zwei Wochenenden im Advent wird zum Adventsmarkt ins Christbaumdorf eingeladen. 20 Höfe machen mit. Weitere 30 Aussteller, zum Beispiel mit weihnachtlichen Deko-Artikeln und Kunsthandwerk, kommen dazu.

Von den rund 10 000 Besuchern an vier Tagen im letzten Jahr wurde man „regelrecht überrannt“, berichtet Maria Roth mit strahlenden Augen. „Das ist zwar Stress, aber macht auch Spaß.“ „Da helfen alle zusammen, auch alle in der Familie“, sagt Ursula Sachs. Klar, dass so eine Erfolgsaktion wiederholt wird, heuer an den beiden Adventswochenenden vom 9./10. und 16./17. Dezember.

400 ha Anbaufläche

Weihnachtsbaum Mittelsinn

Schon seit Generationen liefern die Spessartwälder im bayerischen Sinntal von Gemünden bis Aura und Obersinn die Weihnachtsbäume bis in die hessischen und nordbayerischen Großstädte. In den 1980er Jahren wurde der Christbaumanbau im Sinngrund intensiviert. Heute ist er mit über 400 ha Anbaufläche eines der größten Anbaugebiete Süddeutschlands.

„Bereits vor gut 20 Jahren, als die klassische Landwirtschaft auf den nährstoffarmen Buntsandsteinböden immer uninteressanter wurde, haben wir auf die Erzeugung von Christbäumen umgestellt“, berichtet Uwe Klug. 30 Christbaumerzeuger gibt es heute im Dorf, aber nur drei können im Haupterwerb davon leben. Auf rund 250 ha wachsen nun Weihnachtsbäume. Etwa 150.000 Christbäume werden jedes Jahr hauptsächlich in der Region verkauft. Rund 100 Vollarbeitsplätze hängen daran. Doch auch in dieser Branche gibt es so etwas wie einen Schweinepreiszyklus.

Kein leichtes Geschäf

„Kein leichtes Geschäft“, sagt Bernd Oelkers, Vorsitzender des Bundesverbandes der Weihnachtsbaumerzeuger bei einer Pressekonferenz. „Wir stecken Bäume in die Erde, die drei, vier Jahre alt sind und zehn Jahre bei uns stehen bleiben“, sagt er. Einer natürlichen Selektion fallen 20 bis 30 % der Bäume zum Opfer, „ganz abgesehen von den zunehmenden Stürmen“. Spätfröste seien ein großes Problem, ebenso stellt sich die Frage „Welchen Baum wünscht der Verbraucher in zehn Jahren?“.

„Die Käufer legen immer mehr Wert auf den perfekten, makellosen Baum“, sagt Oelkers. Um einen solchen zu erzeugen, ist den Anbauern keine Mühe zu viel. Mit einer Spezialzange wird der Saftstrom gebremst, um das Spitzenwachstum zu hemmen und die Abstände zwischen den Astreihen gleichmäßig zu halten. Astklammern regulieren eventuelle Fehler im Wuchs.

„Snippen“ ist ein Fachausdruck, der bedeutet, dass die noch weichen Knospen der äußersten Triebe zwischen den Fingernägeln abgezwickt werden, damit eine gleichmäßige Pyramide heranwächst. „Ohne dass die untersten Triebe zu breit werden, denn in modernen Wohnstuben ist nicht mehr so viel Platz.“

Auch Singvögel können großen Schaden anrichten. Zum Schutz der wertvollen Spitze, die leicht abbrechen könnte, werden Holzstäbe angeklemmt. Und neben der individuellen Baumpflege muss gemäht, gemulcht und gedüngt werden.

Obwohl Weihnachtsbäume relativ anspruchslos sind und auch auf leichten Böden mit geringen Humusanteilen wachsen, werden sie nach Bodenanalyse gedüngt. Neben Kalk zur Regulierung des ph-Wertes werden in erster Linie Stickstoff, Phosphat und Kalium benötigt. Der Zaun ist nötig, damit Reh- und Rotwild die Bestände nicht verbeißen. Hasen werden geduldet. Und über Vögel und Reptilien, denen sie einen Lebensraum bieten, freuen sich die Anbauer. Denn darunter sind auch bedrohte Arten wie Heidelerche oder Kiebitz.

Eisheiligen sind die größte Gefahr

Weihnachtsbaum Mittelsinn

„Viele Kunden freuen sich, wenn sie ein Vogelnest finden“, berichtet Maria Roth. Sie liebt ihre Arbeit an der frischen Luft, obwohl es manchmal körperlich anstrengend ist. Was im einzelnen zu tun ist, steht auch auf den 24 bebilderten Tafeln, mit denen die Weihnachtsbaumbranche den Weg von der Aussaat bis ins Wohnzimmer dokumentiert. Auf den Höfen und in den Kulturen stehen entlang von Rad- und Wanderwegen solche Tafeln. Die Betriebe lassen sich zunehmend nach „GlobalGAP“ zertifizieren, um ihr Bemühen um Nachhaltigkeit auch zu belegen.

Witterungsabhängig und eher selten können in den Kulturen auch Schadinsekten auftreten. Den Fichtentriebzünsler und verschiedene Arten von Läusen können die Anbauer notfalls mit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln bekämpfen. Sie weisen darauf hin, dass sich die Bäume positiv auf die CO2-Bilanz auswirken. Pro Hektar Weihnachtsbaumkultur werden während der üblichen zehn Standjahre bis zu 145 t CO2 gebunden, teilt Oelkers mit.

Das größte Risiko für die Christbäume sind die Eisheiligen, ähnlich wie im Erwerbsobstbau. Für den Fall hat Uwe Klug vorgesorgt und einen Wasserspeicher auf dem Berg angelegt. Falls die Temperaturen sinken, bekommt er eine Nachricht auf sein Handy und kann die Frost-Beregnungsanlage einschalten. An ruhigen Schlaf sei in solchen Nächten trotzdem nicht zu denken, sagt seine Frau Melanie, die bei der GbR „Christbaum Klug“ angestellt ist, die Uwe gemeinsam mit seiner Mutter Luise führt. In der Anlage, die beregnet werden kann, wird jeder freie Platz nachgepflanzt.

Hierher kommen am 2. und 3. Adventswochenende auch die Familien, die sich ihren Christbaum selber aussuchen wollen. Melanies Vater Ruppert kutschiert sie als Nikolaus verkleidet im Weihnachtsexpress den Berg hinauf. Mit der Handsäge können die Eltern den eigenen Baum entnehmen, der dann verpackt und gekennzeichnet ins Dorf gebracht wird, mit Lieferservice bis zum Auto. Der Ortskern ist adventlich geschmückt. Düfte nach Glühwein, Bratwurst und Waffeln schüren die Vorfreude auf das Fest.

Damwild, Brot und Waffeln

Angeboten werden auch „Burger vom Mittelsinner Rind“ und „Rudolf, das RenBier“. Bei Sonja Wolf kann man sogar den Weihnachtsbraten kaufen. Die Damwildhalterin hält auf 15 ha rund 120 Tiere. Ehemann und Sohn helfen bei der Direktvermarktung von Fleisch und Wurst, die im eigenen Schlachthaus erzeugt werden.

Bis zu 100 Brote und 400 Semmeln schafft Gabi Rösch in der Backofenscheune. 20 Laibe passen auf die Schamotteplatten im Holzbackofen – und sie gehen weg wie warme Semmeln. Ähnlich schnell ausverkauft war auch Ursula Sachs, die sich spontan fürs Waffelnbacken entschieden und zunächst nur 100 Eier gekauft hatte. Mit zwei Crepes-Platten und zwei Waffeleisen hantierte sie so erfolgreich, dass weitere 340 Eier verarbeitet waren und der Nachschub ausblieb.

Erweitert fortgeführt wird die Spendenaktion: Pro verkauftem Baum geht ein Euro ans SOS-Kinderdorf. Dabei macht auch Georg Heberer mit, Geschäftsführer der Wiener Feinbäckerei Heberer: „Wir verkaufen in unseren Filialen ab 1. November süße Weihnachtsbäume, um die Kinderdörfer zu unterstützen und für das Christbaumdorf zu werben.“

In keinem anderen Land sei die Tradition eines Naturbaums zum Weihnachtsfest so ausgeprägt wie in Deutschland. Oelkers berichtet, dass in den letzten Jahren zwischen 24 und 25 Mio. Bäume verkauft wurden, bei einem Selbstversorgungsgrad von 85 %. Der mit Abstand beliebteste Baum ist die Nordmanntanne mit einem Marktanteil von gut 75 % bundesweit, die Blaufichte folgt mit 15 % auf Platz 2. Der Rest verteilt sich auf Nobilistannen, Rotfichten, Kiefern, Douglasien, Kork- und Coloradotannen.

„Für gut die Hälfte der Verbraucher spielt es eine entscheidende Rolle, dass der Baum aus der Region kommt“, sagt Oelkers. Beim Weihnachtsbaumhändler kaufen 30 % der Kunden, direkt ab Hof beim Erzeuger 27 %, bei Bau- und Verbrauchermärkten 24 %, in Gartencenter oder Gärtnerei 12 %.

Das habe eine Verbraucherstudie des Bundesverbandes der Weihnachtsbaumerzeuger ergeben. Und der Weihnachtsbaum mache auch keine Ausnahme beim zunehmenden Trend nach Convenience-Angeboten: Ihn gebe es auch als „Rundum-Sorglos-Paket“, d. h. online bestellen, bereits geschmückt im Ständer und nach Gebrauch wieder abgeholt – aber nicht in Mittelsinn.

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