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Agrar-Familie 2017

In jeder Hinsicht offen

Agrarfamilie
Dr. Andreas Hammerl
am
28.09.2017

Einen Offenstall mit insgesamt derzeit 262 Kühen betreibt Familie Herzog in Oberschwaningen (Lks. Ansbach). Trotz der vielen Arbeit öffnen sie ihre Stalltüren, um Verbrauchern Landwirtschaft erlebbar zu machen.

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Katja und Tobias Herzog setzen voll auf Milchvieh: 254 Fleckviehkühe und acht Holstein Friesian stehen im 80 mal 40 Meter großen Offenstall, der von 2012 bis 2014 gebaut wurde und mit allen modernen technischen Finessen ausgestattet ist.  „Milchviehbetrieb Herzog Oberschwaningen“ ist neben einem skizzierten Kuhkopf über dem Eingang zum Büro und den Sozialräumen zu lesen.
Wer den Anbau durchquert, gelangt zu den jüngsten 20 Kälbern. Sie zu tränken ist die Aufgabe von Azubi Marius Köppel (18), aber auch die Chefin selbst ist hier zu finden. „Das Milchtaxi ist eine enorme Arbeitserleichterung – sehr rückenschonend“, sagt Katja Herzog und befüllt die Eimer der Kälber aus dem Milk Shuttle­ Ansonsten kümmert sich die in Triesdorf ausgebildete Fachlehrerin für Hauswirtschaft, Handarbeit und Ernährung in erster Linie um Haushalt einschließlich Kochen für zehn Personen, Büro und natürlich die  nächste Herzog-Generation: Leonie (8), Marie (7) Annalena (4) und Daniel (zehn Monate).
Katja Herzog stammt selbst aus einer Nebenerwerbslandwirtschaft und wusste, worauf sie sich einließ. „Aber es liegen Welten dazwischen – das hier ist ein richtiges Wirtschaftsunternehmen“, findet die 34-Jährige.
Zwar beginnt die Arbeit dank der vier Melkroboter erst um 6.30 Uhr, ersetzen kann die Technik den Menschen aber keineswegs. Tobias Herzog ist den ganzen Tag im Stall beschäftigt. Hochleistungskühe brauchen ihren Manager, der kontrolliert, ob alles passt. „Das A und O ist, dass immer Futter da ist, die Kühe Platz zum Liegen haben und gemolken werden“, sagt der 34-jährige Landbautechniker, der zusätzlich eine Ausbildung zum Besamungstechniker gemacht hat, seine Kühe selbst besamt und auf Trächtigkeit mit dem Ultraschallgerät untersucht. Er kennt „jede einzelne Kuh, freilich“, sagt er.

Klare Zuständigkeiten für alle auf dem Hof

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Neben den Kühen und der Nachzucht – etwa 600 Stück – gehören 135 Hektar Acker- und 60 Hektar­ Grünland zum Betrieb, davon 30 Hektar eigenes Land. Ernst Herzog (63), Landwirtschaftsmeister und Betriebsleiter senior, ist für den Anbau von Mais, Triticale und Weizen zuständig, unterstützt wird er dabei von Sohn Markus (43), der es mehr mit Maschinen als mit Kühen hat und sich als gelernter Landmaschinenmechaniker um die Technik kümmert. „Er ist auch der Bauwolf“, erklärt Tobias Herzog, „auch wenn etwas kaputt ist, müssen unsere Servicetechniker Markus und Kevin ran“. Kevin Broek-Schlieder (20) hat kürzlich seine Landwirtschaftslehre abgeschlossen und ist übernommen worden.
Immer ein wachsames Auge braucht auch die Biogasanlage, die 2008 ans Netz ging, um die anfallende Gülle und minderwertiges Futter sinnvoll zu nutzen. Seit 2010 beheizt die 500-Kilowattanlage über eine Nahwärme GbR 15 Häuser in Oberschwaningen, und zwar kostenlos bis 2020, da die GbR-Mitglieder ihre Anschlüsse selbst bezahlten. Danach wird der Preis für die Wärme neu verhandelt, vertraglich festgelegt ist nur, dass die Kosten den halben Ölpreis nie übersteigen. Demnächst wird erweitert.
Wie sich der Hof weiterentwickeln soll? Ein zweites Standbein diskutiert Tobias Herzog gern mit Broek-Schlieder, aber Katja Herzog winkt vorläufig ab: „Das dauert noch Jahre, bis die Kinder größer sind“. Urlauber seien eine Option, über die sie nachdenke. „Es darf nur etwas sein, das wenig Arbeit macht, aber Ertrag bringt“, meint der Senior, dessen vor drei Jahren plötzlich verstorbene Frau Lydia eine schmerzliche Lücke hinterlassen hat.

Verbrauchern moderne Landwirtschaft zeigen

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Katja Herzog bietet Betriebsführungen an unter dem Motto „Landwirtschaft erleben“ für Urlauber, (Fach)schüler, Lehrer und Kindergartengruppen. Das  sieht sie eher als soziales Engagement und vor allem Öffentlichkeitsarbeit. „Ich will zeigen, dass Landwirtschaft viel Arbeit bedeutet, um hochwertige Lebensmittel zu erzeugen“, sagt die Landwirtin selbstbewusst. Das Image müsse dringend verbessert werden, das weiß sie aus Fragen der Besucher.
Auch Ernst Herzog war schon immer für Offenheit. 25 Jahre lang war er Ortsobmann des BBV in Oberschwaningen, 2010 hat sein Sohn das Amt übernommen, Schwiegertochter Katja ist seitdem Ortsbäuerin.  „Das Beste daran ist, dass mein Mann jetzt mit mir auf eine Abendveranstaltung gehen muss“, sagt sie lachend und er zwinkert ihr vergnügt zu.
Für ihr Engagement und ihren Mut, mit einem großen Milchviehstall in die Öffentlichkeit zu gehen, erhielt die Familie den Sonderpreis Öffentlichkeitsarbeit im Wettbewerb ­Agrar-Familie 2017. Die Bewerbung war allein die Idee der jungen Bäuerin. „Immer hatte sie ihren Laptop dabei, beim Kälbertränken, in der Küche. Ich habe mich schon manchmal gefragt, was sie da wohl macht“, erzählt Tobias Herzog. „Dann war irgendwann klar: Sie hat Bewerbungsunterlagen zusammengetragen und die Bewerbung für den Wettbewerb formuliert.“ Stolz sind sie nun aber alle miteinander. Und er freut sich auch schon aufs Tanzen, denn die  Preisverleihung findet beim Hofball in München statt.

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