Login
Unternehmertag

Investieren in schwierigen Zeiten

Teilnehmer
Sabine Dähn-Siegel
am
30.01.2017

Bergtheim - Praktiker referieren beim Unternehmertag und weisen auf die Chancen und Risiken bei Betriebsentwicklungen hin.

Management, Mitarbeiter, Mut – das sind drei Schlüsselbegriffe einer Veranstaltung, bei der ausgewählte Referenten mit anspruchsvollen Themen landwirtschaftliche Unternehmer weiterbildeten. So geschehen beim mit 65 Teilnehmern – von jungen Erwachsenen bis zu älteren „Semestern“ – bis zum letzten Platz belegten Unternehmertag in Bergtheim (Lks. Würzburg). Er stand heuer unter dem Thema „Chance und Gefahr von großen Investitionen“, vermittelte Einblicke in zwei Praxisbetriebe, die sich für außergewöhnliche Entwicklungen entschieden haben, und bot Informationen hinsichtlich Einkommens- und Vermögenssicherung von landwirtschaftlichen Betrieben in schwierigen Zeiten.
Veranstalter waren – und zwar bereits zum vierten Mal in Folge in dieser Konstellation – Bauernverband, Verband für landwirtschaftliche Fachbildung aus den Kreisen Würzburg, Main-Spessart und Kitzingen sowie die jeweiligen Ämter für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten und die Bayerische Jungbauernschaft. Deren Bezirksvorsitzenden Franziska Klenkert (Ettleben) und Thomas Gottert (Reichenberg) oblag auch die Eröffnung der Ganztagesveranstaltung. Sie forderten die Anwesenden zu aktiver Teilnahme und Diskussion auf.
Zur Referentenriege gehörte der Steuer- und Unternehmensberater Otmar Emhart, versiert in der Steuer- und Sozialversicherungsberatung landwirtschaftlicher und gewerblicher Betriebe. Im Mittelpunkt seines Vortrags standen Arbeitsverhältnisse und Pflichten von Arbeitgebern (AG), für die er wertvolle Tipps parat hielt. Laut dem an der Buchstelle des BBV in Kitzingen sitzenden Fachmann sollte sich der (landwirtschaftliche) Unternehmer bewusst machen: „Nicht Sie brauchen Arbeit – die haben Sie sowieso – sondern Ihre Arbeitskraft.“
Wo es früher bei Zollkontrollen bezüglich der tagegenauen Anmeldung von sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern häufig „Diskussionen“ gegeben habe, hat sich laut Emhart die Lage für den Arbeitgeber (AG) etwas entspannt. Außer im Forstbereich genüge die Anmeldung des Arbeitnehmers (AN) bei der Sozialversicherung mit der ersten Lohnzahlung oder innerhalb von sechs Wochen nach Beschäftigungsaufnahme. Aufpassen heißt es dagegen bei den Krankenkassenbeiträgen: Die Zahlung der gesamten Sozialversicherungsbeiträge (also AN- und AG-Anteile) plus Umlagen muss bis zum drittletzten Bankarbeitstag des Monats erfolgen. Nicht zu verwechseln mit der Lohnsteuer, die bis zum 10. Kalendertag des Folgemonats an das Finanzamt abzuführen ist!

Gute Arbeitskräfte mit guter Bezahlung halten

Auch den Themenbereich Mindestlohn/Lohntarifvertrag und Kostenbelastung sprach Emhart an. Aktuell gilt im agrarischen Bereich ein Mindestlohn von 8,60 €/Stunde, in den beiden letzten Monaten des Jahres 2017 von 9,10 €/Stunde. Ab 2018 sind (wie bereits jetzt schon außerhalb des agrarischen Bereichs) mindestens 8,84 €/Stunde zu zahlen. Dazu der Referent: „Gute Dauerarbeitskräfte will man ja halten, daher: Bezahlen Sie die Leute ordentlich.“
Und, das riet er eindringlich: „Behalten Sie die Kostenbelastung einer Fremdarbeitskraft im Blick.“ Eines sollte jedem AG klar sein: Mit knapp 20 % Aufschlag auf den Bruttolohn (entspricht circa dem AG-Anteil Sozialversicherung) sei es längst nicht getan. Abhängig vom Arbeitsverhältnis betrage der Zuschlag auf den Bruttolohn (AG-Anteil Sozialversicherung, Umlagen, Gemeinkosten) teils über 40 %, rechnete er vor. Die Frage „Was kostet mich eine Fremdarbeitskraft?“ müsse also differenziert beantwortet werden: Handelt es sich um eine steuerfreie Beschäftigung, um einen Minijob (mit Lohnfortzahlung bei Feiertagen und Urlaub – in diesem Bereich klafften Praxis und Rechtslage oft auseinander) oder um eine normale (Vollzeit-)Beschäftigung, bei der die Anzahl der bezahlten Stunden höher liegt als die der produktiven? Schließlich gab Emhart noch Tipps zu Stellenausschreibungen, Arbeitsverträgen und -zeiten.

Praktiker erläutern Wachstumsschritte

„Kühe sind unsere Welt – und das ist auch unsere Unternehmensphilosophie“, verkündete Stefan Schmid aus Matzelsberg (Lks. Neumarkt). Vielen dürfte er bekannt sein aus der BR-Reihe „Stallgeschichten“, die 20 statt der ursprünglich geplanten sechs Folgen rund um die Oberpfälzer Landwirts(groß-)familie, ihre Gesellschaft bürgerlichen Rechts (mit Stefan, seinem Bruder Jürgen und Vater Heinrich als Gesellschafter) und ihr realisiertes Großprojekt brachte. Der Bau der Biogasanlage 2010 sei nur ein „Zwischenschritt“ gewesen auf dem Weg zum konkurrenzfähigen Wirtschaftsunternehmen mit neu gebautem Stall für 580 Milchkühe und neu gebautem 50er-Melkkarussell. Mehrere Millionen Euro haben die Schmids investiert, Tiere zugekauft, Arbeitskräfte eingestellt, aber auch klare Betriebsabläufe und feste Alltagsstrukturen geschaffen. „Tierwohl ist keine Frage der Größe“, so der Jungunternehmer. Zu Preiseinbruch und schwieriger Situation am Milchmarkt befragt, bekannte Schmid: „Wir sind zwar groß, aber nicht unverzichtbar für unsere Molkerei, mit der wir – als sichere Variante – einen Fünfjahresvertrag haben.“
Mit Gerd Remberg aus dem Landkreis Wesel in Nordrhein-Westfalen, einer für die Schweinehaltung bekannten Region, stellte ein weiterer Praktiker seinen umgebauten Betrieb vor: jetzt 400 Sauen (Haltung über eine VVG arbeitsteilig organisiert), die nach der Besamung bis eine Woche vor Abferkelung dort stehen, 120 Mastbullen, hobbymäßige Haltung von 15 Mutterkühen. Der 49-Jährige plant die Abferkelung hinzuzunehmen, um seinen Söhnen den Einstieg ins Unternehmen zu ermöglichen. Einfach wird das laut Remberg aufgrund von entwicklungshemmenden Umwelt- und Bauauflagen und grüner Umweltpolitik jedoch nicht.
Bernhard Gründken von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen und seit Jahrzehnten Referent für Einkommens- und Vermögenssicherung ging zunächst auf strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft des Bundeslandes ein: kontinuierlich geschrumpfte Anzahl der Betriebe auf heute circa gut 30 000 bei gleichzeitiger Erhöhung der Kapazitäten in der Viehhaltung – Mastschweineplätze sind seit 2003 um etwa ein Viertel auf 5 Mio. Stück angewachsen. Das Dilemma: Während der Deckungsbetrag je Sau seit drei Jahrzehnten in etwa gleich geblieben ist, stiegen/steigen die Festkosten erheblich. Der Ausweg für die Betriebe heißt: wachsen. Produktivitätssteigerungen und fallende Zinsen ermöglich(t)en mit viel Fremdkapital finanzierte Investitionen, die jedoch auch hohe Ansprüche an den Unternehmer stellen. Seine Aufgaben verlagern sich von überwiegend praktischer hin zu Führungstätigkeit. Will und kann er das? Hat er kaufmännische Fähigkeiten? Beherrscht er seine bisherige Produktion überdurchschnittlich gut? Lässt der Standort weiteres Wachstum zu? Vor allem aber: Steht die Familie voll hinter den Wachstumsplänen? Das sind die Fragen, die sich investitionswillige Betriebsleiter stellen sollten. Gründken ließ keinen Zweifel: „Nicht jeder verträgt Wachstum.“ Nicht jeder halte es aus, im Spannungsfeld von Kostendruck durch den Weltmarkt einerseits und den gesellschaftlichen Anforderungen an eine tier- und umweltgerechte Landwirtschaft (bzw. in der Kritik daran) andererseits zu stehen.

Auch interessant