Login
Weidetag

Kein Naturschutz ohne Nutztiere

Weidetag-Oberelsbach_B1_LF
Kein Bild vorhanden
Ludwiga Friedl, Wochenblatt
am
24.06.2019

Erster Rhöner Weidetag in Oberelsbach beschäftigt sich mit dem Thema Wolf und kommt zu dem Ergebnis: kein Naturschutz ohne Nutztiere.

Weidetag-Oberelsbach_B2_LF
Um Weidemanagement und Herdenschutz für Rinder, Schafe und Ziegen ging es beim ersten Rhöner Weidetag in Oberelsbach, Landkreis Rhön-Grabfeld. Als „entscheidendes Kriterium für die Zukunft“ bezeichnete Landrat Thomas Habermann den Wolf. Er riet allen Weidetierhaltern, präventiv zu arbeiten. Während die Naturschutzverbände den Wolf flächendeckend wollten, habe sich die rechtliche Situation geändert: Wenn Schaden droht, dürften einzelne Wölfe abgeschossen werden. In der Rhön sei die derzeitige Situation für alle Beteiligten tolerabel. Hier lebe eine einzelne Wölfin, die sich offenbar von Wildtieren ernährt. „Aber es kann morgen ganz anders sein“, sagte der Landrat, der selber auch Jäger ist. Ein einzelner Wolf verhalte sich anders als ein Rudel. Dennoch habe jedes Lebewesen ein Recht, auf der Welt zu sein und verdiene einen anständigen Umgang – das gelte für den Wolf wie für Nutztiere.
„Obwohl wir von der Landwirtschaft abhängig sind, weil wir Mittel zum Leben brauchen, haben es unsere Landwirte nicht leicht“, sagte die Bürgermeisterin Birgit Erb. Der Markt Oberelsbach sei ein Zentrum der Weidetierhaltung und habe die meisten Ökobetriebe im Landkreis. „Das Land der offenen Ferne profitiert davon“, sagte sie. Jeweils 500 ha LF verpachten der Landkreis und der Markt, der die extensive Bewirtschaftung fördere. Die deutsche Unesco-Kommission habe den Markt unter 21 deutschen Kommunen als Umweltgemeinde ausgezeichnet. „Es freut mich, dass sich die junge Generation wieder für Landwirtschaft begeistert“, sagte Erb.
„Weidemanagement für Rinder“ war das Thema von Siegfried Steinberger, der an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) Spezialist für Tierernährung und Weidehaltung ist. „Hauptsache, der Aufwuchs wird gefressen“, sagte er zu Beginn seines Vortrages, egal ob von Rindern, Schafen, Ziegen oder Lamas und Alpakas. „Vertragsnaturschutz und wirtschaftliche Landnutzung müssen unter einen Hut zu bringen sein“, forderte er.

Beispiel der
Familie Hartmann

Am Beispiel der Familie Hartmann stellte der Referent das Weideprojekt Hochrhön vor. Die Mutterkuhherde mit rund 100 Tieren weidet hier seit Vegetationsbeginn. „Der tägliche Aufwuchs wird täglich gefressen“. Im Sommer wird auf ein Koppelumtriebssystem umgestellt, das zur intensiven Beweidung der einzelnen Koppeln führt. Dieses System führe zu einer guten Futterqualität von extensiven Flächen und zu einer hohen Verdaulichkeit und Futterenergie“. Dabei schade selbst ein verspäteter Wintereinbruch den Tieren nicht. „Erst bei minus 10 Grad merkt die Kuh, dass es frisch wird“, sagte Steinberger. „Übersteigt der tägliche Futterzuwachs den Verzehr, werden Koppeln abgeteilt“, erläuterte er.

Weidemanagement für Schafe und Ziegen

Über Weidemanagement für Schafe und Ziegen sprach Wolfgang Thomann, unterfränkischer Schafzuchtberater im Ruhestand. „Das Schaf kostet auf der Weide zehn Pfennige, im Stall eine Mark“, zitierte er und skizzierte das Jahr des Wanderschäfers. „Früher wurde mit Schafherden vorgehütet, was zu einer besseren Bestockung und einem verzögerten Mähzeitpunkt führte“, sagte Thomann. Nach zwei Schnitten wurden die Wiesen auch im Herbst beweidet, auch Rübenäcker und Felder mit Ausfallgetreide“, berichtete er. Seit die Schafe wieder weiden, kommen auch seltene Pflanzen wieder.
Ziegen dagegen seien ganz andere Wesen. Sie seien „verdammt intelligent“ und dafür prädestiniert, Busch- und Baumvegetation kurz zu halten.
„Weidetierhaltung ist aus unserem Betrieb nicht wegzudenken“, berichtete Claudia Hartmann, die auch Erlebnisbäuerin ist und mit ihrem Mann Horst einen Mutterkuhbetrieb in Weisbach führt. „Ziel unseres Schaffens ist eine gesunde Herde, die stressfrei die Hochrhönflächen pflegt, eine hohe Qualität unserer Produkte und zufriedene Kunden, die unsere artgerechte und naturnahe Wirtschaftsweise schätzen“. Allerdings könne der Wolf das Ende der Weidetierhaltung bedeuten. „Wir müssen in die Lage versetzt werden, dass wir einigermaßen ruhig schlafen können“, sagte sie und forderte Fördermaßnahmen. Derzeit setzten sich die Weidetierhalter einem hohen Risiko aus, berichtete die Bäuerin und brachte ausgebrochene, panische Tiere ins Gespräch. „Das ist nicht nur Sache der Landwirte“, kritisierte Claudia Hartmann und forderte, dass auch das Verhalten der Touristen, Wanderer und Biker in den Blick gerückt wird. Bei Herdenschutzhunden müsse Rechtssicherheit geschaffen werden.
Weidetierhaltung und Wölfe in Bayern war das Thema von Bernd Blümlein vom Deutschen Verband für Landschaftspflege. Wölfe kämen gut in der Kulturlandschaft zurecht, solange sie ausreichend Beutetiere und Rückzugsmöglichkeiten für die Jungenaufzucht vorfinden. Sie hätten keine Probleme mit der Anwesenheit von Menschen oder Traktoren. Blümlein schilderte das „konfliktbeladene Thema“, das aus der Sicht des Naturschutzes eine Erfolgsgeschichte sei. „Große Teile der Bevölkerung teilen diese Einschätzung“, sagte er.
Die Frage: „Bleiben die Wildtierhalter auf der Strecke, wenn der Wolf kommt?“, konnte Blümlein nur mit einem „hoffentlich nicht“ beantworten.

Der praktische Umgang mit dem Wolf

Über den praktischen Umgang mit der „Bedrohung Wolf“ sprach Norbert Böhmer, Landwirt und Weiderinderhalter in Plankenfels in der Fränkischen Schweiz. 70 ha bewirtschaftet er, davon 35 ha im Zaun. Er hält 90 genetisch hornlose Tiere der Rasse Simmentaler Fleckvieh und zehn Zwergzebus für extreme (Sumpf-)Flächen und vermarktet seine Produkte direkt.
„2009 haben wir das erste Kalb verloren, da hieß es noch, ein Fuchs oder Hund habe es ausgefressen, der Wolf kann das nicht sein“. In den nächsten Jahren waren zwei Kälber verschwunden und ein Jährling angefressen. Weil die Herde extrem unruhig war, sei die tägliche Arbeit zum „Terror hoch drei“ geworden. Das Muttertier sei so nervös geworden, dass er es schlachten lassen musste.
Jetzt hat Böhmer 12 km wolfssichere Zäune, die er regelmäßig ausmähen muss, damit die 5000 V draufbleiben. Die Kosten für den Zaun seien mit 12 € pro laufendem Meter ohne Förderung nicht tragbar. Böhmer schilderte auch seine Erfahrungen mit Herdenschutzhunden, die mit viel Zeitaufwand und Nerven verbunden waren. Jetzt, nach eineinhalb Jahren, „funktioniert es schon besser“, sagte er, die Rinderherde sei extrem ruhig geworden und die Tageszunahmen passen auch wieder.

Er muss die täglichen Zaunkontrollen aufschreiben, damit er im Schadensfall den Nachweis führen kann. Allen, die einen Wolfsriss haben, rät er, das Tier sofort abzudecken und den Wolfsbeauftragten zu holen. Beim BBV gebe es Entnahmebestecke, mit denen Proben genommen werden sollten. „Zur Prävention brauchen wir Förderung“, sagte er und kündigte an, „wenn meine Prävention nicht hilft, höre ich auf“.

Auch interessant