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Stromtrasse

Kein weiterer Landverbrauch!

Stromtrasse Bergrheinfeld
Ursula Lux
am
05.02.2018

Bürger und Landwirte wehren sich gegen unnötigen Netzausbau und noch mehr Strommasten.

Ist „nachhaltige Energiepolitik Fake oder Wahrheit“? Diese Frage wurde während einer Podiumsdiskussion in Bergrheinfeld im Landkreis Schweinfurt eindeutig beantwortet. Rund 300 Kommunalpolitiker, Bürger, Landwirte und andere Betroffene waren der Einladung des BBV Bergrheinfeld, der Jagdgenossenschaft, der Flurbereinigungsgenossenschaft und der „Bürgerinitiative Bergrheinfeld-sagt-Nein“ gefolgt.

Beide Referenten des Abends bescheinigten dem Staat eine verfehlte Energiepolitik. Gerald Höfer, Geschäftsführer der Main-Donau Netzgesellschaft des kommunalen Netzbetreibers N-Energie, betonte, dass die Versorgungssicherheit Deutschlands auch ohne Netzausbau nicht gefährdet sei.
Hubert Weiger, Landesvorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern (BN), bestätigte dies und erklärte, dass „Deutschland das größte Stromexportland Europas“ sei.

Seit 2014 kämpft die Bürgerinitiative gegen weitere Stromtrassen in der Gemeinde. Trotz viel Unterstützung aus dem gesamten Landkreis hat sie kaum etwas erreicht. Bürgermeister Ulrich Werner bemängelte, dass der Gemeinde nie alle geplanten Objekte in ihrer Gesamtheit vorgestellt wurden, Informationen seien immer nur scheibchenweise gekommen. Durch das inzwischen stillgelegte Kernkraftwerk in der Nachbargemeinde Grafenrheinfeld sei man ohnehin belastet. Allein auf der Gemarkung Bergrheinfelds stünden über 150 Hochspannungsmasten.

Landkreis hat Resolution verfasst

Dazu soll nun laut Netzbetreiber Tennet die SuedLink-Strom­trasse kommen, die über Thüringen nach Bayern und durch den Landkreis Schweinfurt führt und in einer Stichleitung an die Konverterstation Bergrheinfeld angebunden wird. Die SuedLink soll als Erdverkabelung verlegt werden. Kurz vor Weihnachten bekam der Landkreis aber eine weiteres „Geschenk“: Die Bundesnetzagentur gab bekannt, dass zwei weitere Drehstromtrassen P 43 und P 44 durch den Landkreis führen sollen. Sie sind im Netzentwicklungsplan 2030 bereits genehmigt. Daraufhin hat der Landkreis mit Unterstützung aller Gemeinden eine eigene Resolution gegen weitere Stromtrassen auf den Weg gebracht. Die einhellige Meinung formulierte Werner: „Wir stellen uns der Energiewende nicht in den Weg, aber sie muss gerecht auf alle Schultern verteilt werden.“

Landwirt Norbert Kolb, einer der Sprecher der Bürgerinitiative, mahnte, die Gemeinde hätte in den letzten 30 Jahren schon über 250 ha Land verloren: Gewerbegebiete, Umgehungsstraße, Autobahn, da kam einiges zusammen. Das neue Umspannwerk „frisst“ weitere 15 ha, der Konverter 8 ha, die SuedLink-Trasse 10 ha. 85 ha der landwirtschaftlichen Flächen seien bereits überspannt. „Wohl fühlen Sie sich unter Strommasten nicht“, betonte Kolb. Außerdem, so Christian Göb, bedeute das Arbeiten auf einem überspannten Acker höheren zeitlichen und monetären Aufwand. Kolb räumte auch gleich zu Beginn mit einem weit verbreiteten Irrtum auf: „Die SuedLink ist keine Windstromleitung, sondern transportiert zum Großteil Kohlestrom.“ Es gehe hier einzig um eine europäische Stromverteilungspolitik.

Die SuedLink Stromtrasse soll auf 800 km als Erdverkabelung gelegt werden. Was gut klingt, so Kolb, wird langfristig Bodenqualität zerstören, denn die Kabel werden auf 2 m Tiefe verlegt, das heißt sie zerstören unwiederbringlich die wasserführende Schicht.

Netzausbau nicht überdimensionieren

Beide Referenten sprachen sich für dezentrale Lösungen bei der Energiewende aus. Höfer betonte, dass der Ausbau der Stromnetze vorwiegend der Liberalisierung des EU-Binnenmarktes diene, die in Bayern geplanten Leitungen seien ausschließlich für Kohlestrom aus Ostdeutschland notwendig. Er verglich den „überdimensionierten Netzausbau“ mit dem Straßenverkehr.

Das sei, als würde man die Autobahnen zehnspurig ausbauen, damit der Verkehr auch in der Urlaubszeit staufrei fließe. Ein Engpassmanagement sei im Netzentwicklungsplan nicht vorgesehen. Der aktuelle Rechtsrahmen verhindere aber eine dezentrale Energiewende und treibe den überdimensionalen Netzausbau voran. Dabei, so Höfer, reduziere regionale Wertschöpfung nicht nur den Netzausbau, sondern fördere auch die Akzeptanz der Bevölkerung für die Energiewende.

Weiger dankte der N-Energie für diese klare Positionierung zur dezentralen Energiewende. Die selbst gesetzten Klimaziele erreiche Deutschland nicht einmal annähernd, der Atomausstieg sei noch nicht vollzogen, der Kohleausstieg noch nicht einmal begonnen, bemängelte er.  „Deutschland hat das größte Braunkohleabbaugebiet der Welt, nur um billigen Strom ins Netz zu bringen“, stellte er fest. Neben dem Engagement der Bürger brauche es deshalb auch eine Grundsatzentscheidung der Politik zur Dezentralität.

Vom designierten bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder forderte er deshalb, die 10 H-Regelung seines Vorgängers wieder abzuschaffen und das Netz in Staatshand zurückzuholen. „Das Stromnetz gehört ebenso wie die Autobahnen zur staatlichen Grundversorgung“, betonte Weiger.

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