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Lebensberatung

Wie man sich effizient ärgert

Fachtagung-Frauen_LF
Regina Vossenkaul
am
23.04.2019

6. Fachtagung des BBV in Unterfranken für „Frauen im ländlichen Raum“.

Zum sechsten Mal organisierten die Landfrauen im BBV eine Fachtagung, diesmal in der „Linde“ in Irmelshausen, wo Hausherrin Katja Mauer, die in dritter Generation das Gasthaus mit Metzgerei und Fremdenzimmern gemeinsam mit ihren Geschwistern betreibt, Führungen anbot. Die Rhön-Grabfelder Kreisbäuerin Margit Ziegler und stellvertretender Kreisobmann Willibald Mültner begrüßten die Teilnehmerinnen ebenfalls.
Kurz schaute auch Landrat Thomas Habermann vorbei und wurde gleich von der ersten Referentin zu Demonstrationszwecken eingespannt. Zwei zusammengelegte Fäuste sind ungefähr so groß wie das Gehirn mit seinen zwei Hälften. Ein Areal in Mandelgröße ist zuständig fürs Ärgern, erklärte Katharina Auerswald, die temperamentvoll und mit vielen Beispielen aus der Praxis zeigte, dass es Strategien für ein „effizientes Ärgern“ gibt. Wie man die Frustrationstoleranz erhöht, sich seltener, kürzer und weniger intensiv ärgert, erklärte sie den Frauen.

Urgefühle des Menschen

Die Urgefühle Angst und Wut seien wichtig fürs Überleben und setzen Energie frei zum Weglaufen, Kämpfen oder Erstarren, je nach der Art der Bedrohung. In Hundertstelsekunden entsteht durch einen Auslöser ein Gefühl und daraus wiederum eine Handlung, die ihrerseits von Erfahrungen, Erziehung, Wertvorstellungen und Kulturkreis beeinflusst wird. Die Reaktion der Umgebung auf diese Handlung fließt in den eigenen Erfahrungsschatz ein und wird bei ähnlichen Ereignissen mit in die Waagschale geworfen.
„Ärger besteht zu 50 Prozent aus Missverständnissen“, sagte Auerswald. Hunger (Unterzuckerung) und Überforderung machen zusätzlich aggressiv. Lohnt es sich zu widersprechen, nach Erklärungen zu fragen, Änderungen einzufordern, wenn sich Erwartungen nicht erfüllen? Oder sollte man Ärger lieber vermeiden? Aus Ärger könne auch die Kraft entstehen, Dinge positiv zu verändern, erklärte die Referentin. Frauen neigen dazu nachzugeben, anstatt nach anfänglichen Irritationen und der Gereiztheit-, Schmoll- oder Schweigephase Ärger und Wut aufkommen zu lassen.
Wut macht blind, weiß schon der Volksmund, in dieser Phase ist niemand mehr für Argumente empfänglich. Bevor es dazu kommt, nehmen sich Frauen oft emotional zurück. „Erste-Hilfe-Strategien“ vermittelte Auerswald, bevor die Situation eskaliert: den Schauplatz verlassen („Der Gang aufs Klo geht fast immer“), durch einen kurzen Strohhalm atmen, ein Glas kaltes Wasser trinken und dabei die Schlucke zählen, bewusstes Atmen (doppelt so lange aus- wie einatmen) oder das Zählen von Gegenständen, wenn man nicht ausweichen kann. Langfristige Strategien gegen Ärger sind unter anderem: gut für sich selbst zu sorgen (regelmäßig essen, ausreichend schlafen), Irritationen rechtzeitig und ruhig ansprechen, die Haltung verändern (vom Opfer zum Schöpfer), beobachten, reflektieren und integrieren. „Niemand kann Sie ärgern, wenn Sie es nicht zulassen“, so die Referentin.

Ernten per Huckepack

Claudia Niedermann aus Erlangen, Unternehmerin des Jahres 2016 des Landfrauenverbands, berichtete von ihrem landwirtschaftlichen Betrieb, der sich auf das „Huckepack Erlebnisernten“ spezialisiert hat und sich besonders an schönen Wochenenden vor Kunden kaum retten kann. Frischer geht es nicht: Selbst ernten, sehen wie das Gemüse und Obst wächst, den Kindern zeigen, wie Rosenkohl, Salat und die vielen Tomatensorten aussehen, wenn sie noch nicht in Folien verpackt sind, und was wann reif und erntebereit ist – das kommt gut an.
120 Obst- und Gemüsesorten wachsen auf dem Gelände, teilweise unter Foliengewächshäusern, Eier kann man am Hühnerfreigehege sammeln. Für den Unternehmer bedeutet das Erlebnisernten viel Pflegearbeit, aber keine Ernte-, Verpackungs-, Sortier- und Transportkosten. Bis zu 60 Mitarbeiter kümmern sich um das Gelingen des Betriebs. Verbunden ist „Huckepack“ mit einer großen Naturspielwiese mit Tiergehege (Zwergziegen, Enten, Hasen), Strohpyramide, Maisschwimmbad und mehr als 100 überdachten Sitzbänken mit Grillmöglichkeiten. Die Kunden können sich dort auch aufhalten, ohne zu ernten, dafür muss eine geringe Gebühr bezahlt werden. Wer nur erntet, bezahlt lediglich seinen Einkauf.
Dass Kinder Beeren auch mal in den Mund stecken anstatt in den Korb, damit muss man rechnen, ehrliche Kunden zahlen dafür freiwillig einen Aufpreis oder bezahlen „einmal Naschkatze“, wenn sie nur naschen und nicht ernten wollen.
Rund 5200 Bäume werden als Spalierobst oder ganz niedrig gehalten, damit sie ohne Leiter abgeerntet werden können. „Die Kunden fühlen sich wie im Schlaraffenland und die Kinder sind stolz auf ihre Ernte“, berichtete die Bäuerin, die seit 2014 keine Werbung mehr macht und gelernt hat, Beginn und Ende des Ramadan in ihre Planungen einzubeziehen.

Auch viel Aufklärungsarbeit leistet die vierköpfige Familie Niedermann. Über 150 Führungen werden jährlich durchgeführt.

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