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Direktvermarktung

Milchautomat - großer Helfer mit kleinen Tücken

Biomilch
Ludwiga Friedl, Wochenblatt
am
11.12.2017

Mit Überraschungen ist zu rechnen, wenn man einen Milchautomaten aufstellt. Dieses Fazit ergab eine Informationsveranstaltung im oberfränkischen Karolinenhöhe.

„Die Landwirtschaft kann nicht unendlich wachsen oder weichen“, stellte Rebecca Gundelach fest, die im Fachzentrum Diversifizierung am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Bad Neustadt/Saale für Einkommens­alternativen und Dienstleistungen zuständig ist. Sie informierte über Konsumtrends und stellte fest, dass vor allem solche Dienstleistungen honoriert werden, die kundenorientiert sind. In der Direktvermarktung könnten Automaten eine große Hilfe sein.

Doch Gundelach kennt auch die Tücken des Objekts: „In Heilbronn haben sich anfangs Oma und Opa neben das Gerät gestellt und gewarnt: Vorsicht, die Klappe geht gleich wieder zu.“ Denn so viel ist sicher: Wer Geld einwirft und nichts dafür bekommt, ist sauer. Doch seit die Kunden vertraut mit der neuen Technik sind, werde das Angebot, rund um die Uhr einzukaufen, rege genutzt.

Das habe auch ein unterfränkischer Landwirt erfahren, der sich zunächst wunderte, warum sein Milchautomat nachts um 3 Uhr per SMS meldete, dass der Tank leer sei. Als er der vermeintlichen Störung nachging und Frischmilch nachfüllte, entdeckte er den Grund: Auf dem Heimweg von der Disco halten die Leute ex­tra an seinem Automaten. Seit er vorsorglich am Wochenende für gut gefüllte Behälter sorgt, kann er wieder ruhig durchschlafen und sich über die anhaltende Nachfrage freuen, berichtete Gundelach.

Soviele Vertrauenskassen wie Automaten

Milchautomat

Wie sie wusste, gibt es in Bayern derzeit eben soviele Vertrauenskassen wie Automaten. An 170 Stellen können sich die Kunden selber mit Blumen, Kartoffeln oder Gemüse bedienen. „Hier sind die Investitionen zwar nicht ganz so hoch, doch der Erfolg hängt stark von der Umgebung und der Mentalität Ihrer Kunden ab.“ Wegen der unzureichenden Zahlungsmoral der Kunden müsse dieser Weg manchmal aufgegeben werden.

„Der Trend geht zu Convenience-Produkten“, sagte Gundelach. Über Automaten lasse sich alles verkaufen, was gut verpackt werden kann. „Hackfleisch geht gut – fertige Sauce noch besser.“ Neben Milchprodukten, pfannenfertigen Fleischwaren und Eiern gehen auch Fruchtaufstriche. Das erfahren Anbieter, die ihre Kunden fragen, was sie zusätzlich zu dem ansprechenden Angebot, der intuitiven Bedienung und dem sauberen Umfeld im freundlichen Verkaufsraum gerne hätten.

Allerdings: „Vor Vandalismus ist man nie gefeit.“ Deshalb sollte man Folgekosten, Wegezeiten und den Arbeitszeitaufwand nicht unterschätzen. Bei der Kalkulation helfen die Landwirtschaftsämter und das Fachzentrum. Eines jedoch sei von vorne­herein klar: „Rohmilch geht nur am eigenen Betrieb.“

Milchautomat bei Familie Scheuerlein

Aus diesem Grund ist Familie Scheuerlein in Hagsbronn bei Spalt auf die Idee gekommen, auf der Hofwiese einen Milchautomaten aufzustellen. Die Erfahrungen damit schilderte Judith Scheuerlein vom Biohof Spalt auf erfreulich offene Art.

Ihr Ehemann Christian, dessen Eltern Walli und Franz Scheuerlein mit 1,2 AK im Betrieb helfen, arbeitet halbtags als Vorstand der Qualitätstrocknung Nordbayern. „Derzeit melken wir 90 Milchkühe, die es auf eine durchschnittliche Leistung von 8.000 Kilogramm bringen.“ Damit Scheuerleins mehr Zeit für ihre drei Kinder im Alter von 6, 9 und 10 Jahren haben, wurde die Nachzucht zur Hälfte ausgelagert. Bewirtschaftet werden 115 ha LF und 9 ha Wald.

„Wenn uns Nichtlandwirte fragen, wo Spalt ist, sagen wir: am Brombachsee“, berichtete Judith Scheuerlein. „Landwirten sagen wir: 20 km von Triesdorf.“

Direktvermarktung fanden die Scheuerleins „schon immer“ interessant. Und beim Neubau des Kälberstalls wurde das Automatenhäuschen in den Förderantrag integriert. Gemessen an den 1.000 € Förderung, die es schließlich gab, sei der Aufwand dafür zu hoch gewesen, bemängeln sie. Doch nun sei der Genehmigungsrahmen klar. „Unser Landratsamt fordert klare Hinweise: Rohmilch ist vor dem Verzehr abzukochen.“ Hohe Hürden habe es wegen des Landschaftsschutzgebietes zum Bauen im Außenbereich gegeben.

Grasende Kühe als Empfehlung

Größtes Plus des Biobetriebes: „Unsere Kühe auf der Weide sind ein toller Effekt“, da brauche es keine weitere Deko. Leider sei kein Parkplatz erlaubt worden, nur eine Stellfläche. Nach der Devise „offen mit den Leuten reden“ wurden aber immer Lösungen gefunden.

„Was machen wir mit Resten?“, wurde beispielsweise von den Berufskollegen aus allen Teilen Oberfrankens gefragt. „Den Kälbern geben“, lautete die Antwort der Biobäuerin, beziehungsweise: „Das kriegt man ganz schnell raus, wann man wie viel Milch einfüllen muss, um keine Reste zu haben.“ An einem sonnigen Sonntag kommen 50 l mehr in den Tank. Der Vormittag sei eine gute Zeit für Reinigungsarbeiten, da dann weder Schichtarbeiter vorbeikommen, noch Eltern auf dem Heimweg vom Kindergarten.

Eine gute Idee sei es gewesen, alle Spalter Schulklassen auf den Betrieb einzuladen und jedem Kind eine leere Milchflasche mit dem Betriebslogo darauf zu schenken. Wie kinderleicht das Milchzapfen geht, wurde vielen Eltern gleich auf dem Heimweg gezeigt. Scheuerlein hält den Ventilator im Häuschen für „noch viel wichtiger als die Heizung“. Kunden können auch für einen Euro eine Flasche käuflich erwerben. Doch manche wollten am Ende ihres Urlaubs den Euro zurück.

Eine weitere Besonderheit gibt es im Warenautomaten: „Käse, der in einer Lohnkäserei aus unserer eigenen Milch hergestellt wird.“ Für diesen Weg hat sich Judith Scheuerlein entschieden, nachdem sie neun Wochen in einer Käserei gearbeitet hatte. Danach hat sie gemeinsam mit ihrer Familie beschlossen: „So viel wollen wir nicht in eine Hofmolkerei investieren – wir sind Landwirte, keine Käsemeister.“

Der Biokäse für 4,50 bis 4,70 € pro 250 g werde lebhafter nachgefragt als die Biomilch für 1,20 €/l. „Beim Frischmilchverkauf liegen wir gerade an der Rentabilitätsgrenze“, rechnete sie vor. Denn in den Wintermonaten müssten sie aus Rentabilitätsgründen eigentlich zusperren, doch die treuen Kunden wollen sie nicht verlieren. „Zumal wir so viele tolle Rückmeldungen bekommen.“ Während des Roth-Marathons kam Lob aus aller Welt in das Büchlein, das seit Juni 2016 zur Kontaktpflege dient. Kartoffeln, Eier und Fleisch werden immer wieder nachgefragt. Doch Fleisch sei nicht leistbar, weil es keinen biozertifizierten Metzger in der Nähe gibt.

Milchautomat bei Familie Richtmann

Milchautomat Richtmann

Das Ziel „Mehr aus unserer Milch machen“ verfolgt auch Michael Richtmann aus Kondrau im Landkreis Tirschenreuth. Mit einem Luftbild verdeutlichte er, dass der Betrieb keinen Platz für Erweiterungsmöglichkeiten bietet. Überhöhte Pachtpreise schränken weiter ein. Hinzu komme, dass Familie Richtmann die guten Kontakte im Dorf nicht aufs Spiel setzen möchte.

Der Junior ist Angestellter im Betrieb seiner Eltern und hat seinen Milchautomaten bei Edeka in Waldsassen aufgestellt. Zu den Investitionskosten in Höhe von rund 25.000 € kam derselbe Betrag für einen Pasteur hinzu. „Und Werbung, Flaschen, und, und – da ist ein Tausender nach dem anderen weg“, sagt der junge Mann, der seit Juni 2017 Erfahrungen mit dem neuen Vermarktungsweg sammelt.

Wegen der Grenznähe hat er alles auf Deutsch und auf Tschechisch beschildert. „Fragen Sie mich bitte jetzt noch nicht, ob sich der Aufwand lohnt!“, bat er. Für ihn wie für seine Marktpartner sei sicher: „Was nicht passt, fliegt raus.“ Doch um das Angebot zu optimieren, nimmt er sich bei den täglichen Wartungsarbeiten immer auch viel Zeit für Kundenfragen und -wünsche.

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