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Rhön

Nationalpark: Allerorten regt sich Bürgerprotest

Demo
Ludwiga Friedl/ Regina Vossenkaul
am
29.06.2017

Bad Kissingen - Vor kurzem hat sich der neu gegründete Verein „Unsere Rhön – gemeinsam stark e.V.“ mit einer klaren Botschaft vorgestellt: „Wir wollen unsere Rhön wie sie ist.“

Botschaften wie „Nein zum Nationalpark“ überwiegen auch an Hauswänden in betroffenen Gemeinden. Bei einer Unterschriftenaktion haben bereits über 4000 Bürgerinnen und Bürger ihr „Nein“ bekräftigt. In dieser Haltung unterstützte ein Vortrag von Prof. Dr. Hansjörg Küster, Ökologe am Institut für Geobotanik der Uni Hannover, die gut 600 Rhöner, die zu der Veranstaltung gekommen waren.
Küster sagte, der Begriff Natur sei missverständlich, weil die einen darunter eine sich selbst überlassene Wildnis, die anderen eine schöne, gepflegte Landschaft voller Artenvielfalt verstehen. „Beides auf derselben Fläche geht nicht“, erklärte Küster. Natur sei niemals nachhaltig. Wildnis sorge nicht dafür, dass alle Tier- und Pflanzenarten erhalten bleiben. „Wildnis führt immer zu Überraschungen“, betonte Küster, „das kann fatale Folgen haben“. In gepflegten Wäldern gebe es eine größere Artenvielfalt.
„Das Biosphärenreservat Rhön ist berühmt für seine kleinteilige gepflegte Landschaft mit ihrer unglaublichen Vielfalt“, sagte Küster, der auch die intensive Beziehung der Menschen zu Holz und Wald lobend hervorhob. Unter Beifall sagte er: „Die Landschaft mit ihren phantastischen Bergwiesen ist das höchste Schutzgut, das Sie haben.“ Auch die Rhönwälder seien „durch und durch vom Menschen beeinflusst“. Das belegte er mit der Brennholznutzung in den Niederwäldern, mit „grandiosen Hohlwegen“, die Holzfuhrwerke geformt hätten, und den Fachwerkhäusern. „Wildnis im Nationalpark wird eintönig“, meinte er. Das Land Bayern wolle sich im Alleingang an die Vorgaben der internationalen Weltnaturschutzbehörde IOCN halten, so dass 75,1 % der Flächen sich selbst überlassen bleiben.
Auch den Kunstgriff „Entwicklungsnationalpark“ nannte er missverständlich, „denn die Einen denken, Tourismus und Wirtschaft werden entwickelt, während die Anderen Wildnis etablieren wollen“. Beides sei möglich, „aber eine Entscheidung ist notwendig auf Grundlage eines wissenschaftlich gestützten Dialogs“. Seiner Überzeugung nach ist die Landschaft mit Wiesentälern, Terrassenäckern, Krautgärten und Obstsäumen um die Dörfer ein sehr viel höheres Gut als sich selbst überlassene Wildnis. Dennoch rät er, „die Ziele der anderen nicht bekämpfen, sondern die eigenen Ziele begeistert vertreten und dafür intensiv einzutreten“.
3. Vereinsvorstand Edgar Thomas, BBV-Kreisobmann und 2. Bürgermeister von Nüdlingen, stellte die Führungsriege des Vereines vor, zu dem im Beirat neben mehreren Bürgermeistern auch der ehemalige Landtagsabgeordnete Robert Kiesel und Kreisrätin Karin Renner gehören. Er begründete seine Haltung so: „Generationen vor uns haben unsere Heimat so gepflegt, wie wir sie lieben. Warum sollten wir uns von außerhalb vorschreiben lassen, die Wälder nicht mehr zu nutzen?“.

Nicht noch mehr Wald aus Nutzung nehmen

Von insgesamt 245.000 ha Biosphärenreservat liegen 130,000 ha in Bayern, davon sind 3,900 ha Kernzone ohne Bewirtschaftung, informierte Edgar Thomas. Für einen Nationalpark mindestens weitere 7.000 ha Wald stillzulegen, das wäre ihm zu viel. Stark angezweifelt wurden auch die erwarteten Chancen für den Tourismus. „Wir haben bereits zwei Millionen Übernachtungsgäste – wo sollen die Zuwächse herkommen?“, fragte Thomas und zitierte das Landesamt für Statistik, wonach im Bayerischen Wald die Gästebetten um 20 % zurückgegangen sind.
„Mit Totholz können wir die Bevölkerungsentwicklung nicht bremsen“, sagte „Mittelständler“ Manfred Kunert, der 700 Mitarbeiter beschäftigt und sich für gute Lebensbedingungen für junge Leute einsetzt. Kritisiert wurde von mehreren Diskussionsteilnehmern auch, „dass überhaupt kein Dialog stattgefunden hat“ und das „Herumgeeiere der Landräte“. Robert Kiesel monierte, dass in München der Eindruck entstanden sei, dass die Rhöner Bürger für einen Nationalpark seien. „Wir haben bereits FFH-Gebiete, den Naturpark, das Biosphärenreservat, die Kernzone – mehr verträgt die Rhön nicht“, meinte Thomas.
„Wie viele Arbeitskräfte sind heute in der Forstwirtschaft und Verarbeitung tätig?“, wollte Baron Hanskarl von Thüngen wissen, der das Entstehen neuer Arbeitsplätze stark bezweifelt. „Wer kümmert sich um den Zuwachs von Rot- und Schwarzwild, wenn die Jagdausübung in den Kernzonen verboten ist?“, fragte er. „Und wie sollen benachbarte Privatwaldbesitzer mit Borkenkäferbefall umgehen?“
Es sei nicht verwerflich, die rund 80 000 fm Holzzuwachs im Jahr zu ernten, um damit beispielsweise Kindergärten und Förster zu finanzieren, statt Holz aus Osteuropa zu importieren. Mario Krebs aus Premich vermutet, dass ein bewirtschafteter Wald auch klimatoleranter wäre als ein Urwald. Große Sorgen bestehen auch um das Quellenschutzgebiet in der Rhön. Das Haus der schwarzen Berge und grüne Klassenzimmer für sanften Tourismus auszubauen, schlägt Kreisrätin Paula Vogler vor. „Leidenschaft und Innovation ohne den Nationalpark“ forderte Norbert Götz aus Aschach. Auf der Versammlung herrschte Einigkeit darüber, dass man den betroffenen Bürgern in den Rhöndörfern die Entscheidung überlassen sollte und nicht den Einwohnern der (Kreis)Stadt. Ziele und Forderungen des Vereines finden sich auch unter www.unsere-rhoen.de.

Widerstand auch im Frankenwald

Zwischenzeitlich haben sich auch die Gegner eines Nationalparks Frankenwald in einem Verein formiert. Dessen Vorstand ist Ludwig Baron von Lerchenfeld, seine Stellvertreter sind BBV-Kreisobmann Erwin Schwarz und Ralf Kremer, Kassenverwalter ist Robert Kaiser, Beiräte sind Susanne Rochler, Silvia Söll und Hans-Georg Lindig. Wer Mitglied werden wolle, könne sich per E-Mail unter Info@unser-frankenwald.de anmelden oder im Büro „Unser Frankenwald e. V.“, Angerstraße 33, 96346 Wallenfels. Auch die webseite www.unser-frankenwald.de soll demnächst in Betrieb gehen.
Zahlreiche Land- und Forstwirte haben am Rand der Kabinettssitzung in Kulmbach gegen einen Nationalpark im Frankenwald demonstriert. Sie haben so ruhig und zivilisiert ihre Argumente vorgetragen, dass sie von Ministerpräsident Horst Seehofer als „Schule der Demokratie“ gelobt wurden. Die Gefährdung des Trinkwassers aus der Ködeltalsperre und eine explosive Vermehrung des Borkenkäfers, die MdL Ludwig Freiherr von Lerchenfeld als einer der größten Waldbesitzer in der Region prognostiziert, sind dabei die größten Sorgen der Praktiker, die Frankens Wälder auch in Zukunft schützen und nutzen wollen. Kreisbäuerin Beate Opel brachte es auf den Punkt: „Wir lieben unsere Landschaft so, wie sie ist.“

Unfreundlicher Empfang für Scharf

Die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf war in den Rhöngemeinden unterwegs, um Fragen zum eventuell in der Rhön geplanten dritten Nationalpark zu beantworten. In Stangenroth wurde sie, wie inzwischen bei fast jeder Versammlung in der Region, mit Pfiffen und Schmährufen empfangen – ein Beleg dafür, dass die Debatte schon tief ins Emotionale abgerutscht ist.
Zu einer öffentlichen Gemeinderatssitzung in der Rhönfesthalle gemeinsam mit Umweltministerin Ulrike Scharf waren die Allianzkommunen „Kissinger Bogen“ eingeladen, dazu gehören Burkardroth, Bad Bocklet, Nüdlingen und Oberthulba. Eingeladen waren auch Landrat Thomas Bold, Birgit Erb, Kreisvorsitzende und stellvertretende Bezirksvorsitzende des Bayerischen Gemeindetags, Sandro Kirchner, MdL, die Stadträte Bad Kissingens und die Gemeinderäte von Aura.
Rund 1000 Gegner mit ihrem Verein „Unsere Rhön – gemeinsam stark“ machten mit geschätzten 80 Traktoren mit vielen Plakaten lautstark ihre Befürchtungen bekannt, wie Enteignung durch die Hintertür, Verlust von Arbeitsplätzen, Schädlingsbefall, Wildschweinplage, Holzimporte statt Holznutzung.
Die rund 100 Befürworter waren vom Polizeiaufgebot auf einen anderen Platz dirigiert worden. Sie sind organisiert im „Bündnis Nationalpark Rhön“ und sehen viele Vorteile in den Bereichen Artenvielfalt, Tourismus, Gastronomie, Schaffen von Arbeitsplätzen und Etablierung als Gesundheitsregion.
Ein Konzept für ein Waldtherapiezentrum für psychosomatisch Erkrankte überreichte der Kur- und Fremdenverkehrsverein Bad Bocklet der Ministerin unter Hinweis auf die vielen Möglichkeiten, die ein Nationalpark eröffne.
Die Ministerin ließ sich von Pfiffen, Buhrufen und Hupkonzert nicht aus der Ruhe bringen, bemerkte nur, man solle sie nicht anschreien, ihr Gehör funktioniere noch sehr gut. Sie appellierte an die Anwesenden, ihre Argumente sachlich vorzubringen, man werde Für und Wider abwägen und schließlich zu einer Entscheidung kommen. Auf einer Bühne beantwortete sie einige Fragen und stellte erneut klar, dass der Nationalpark nur den Bereich der Bayerischen Staatsforsten betreffe.

Leserzuschrift

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich habe heute Ihren Artikel auf Facebook entdeckt und mit Interesse gelesen. Jedoch enthält dieser besonders im letzten Teil, in dem es über die öffentliche Gemeinderatssitzung in Stangenroth geht, Fehler. Es waren zwischen 2000 und 3000 Gegner vor Ort in Stangenroth und demonstrierten. Keine 1000, wie in ihrem Artikel erwähnt, mit so vielen hatte der Veranstalter gerechnet. Nach Polizeiangaben waren es über 300 Traktoren - und nicht 80, wie von Ihnen berichtet. Auch wurden die rund 100 Befürworter - es waren höchstens 50 - nicht von einem Polizeiaufgebot auf einen anderen Platz delegiert worden. Das ist falsch! Die Befürworter von „Bündnis Nationalpark Rhön" hatten parallel zu den Gegnern, die sich im Verein „Unsere Rhön-gemeinsam stark“ organisieren, einen Empfang für die Ministerin vorbereitet und auch entsprechend vorher bei der Versammlungsbehörde angemeldet. Als Platz dafür hatten sie bewusst eine andere Fläche ausgewählt - unterhalb der Rhönfesthalle.

 

Mit freundlichen Grüßen

Kathrin Kupka-Hahn

Zur Aschachquelle 22

97705 Burkardroth

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