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Mangelnder Dialog

Nationalpark in der Rhön: Verbindliche Antworten fehlen

BBV-Kreisverbände
Regina Vossenkaul
am
01.06.2017

Bad Kissingen/Rhön Grabfeld - „Wo bleibt der angekündigte Bürgerdialog?“, fragen die Landwirte, denn sie befürchten zusätzliche Auflagen und Entwicklungsbeschränkungen für die Betriebe, die sich in dem vorgesehenen Bereich befinden.

Nach anfänglicher Ruhe regt sich jetzt Widerstand gegen einen Nationalpark in der Rhön. Umweltministerin Ulrike Scharf hatte bei bisher zwei Besuchen in der Region betont, dass die Rhön die erforderlichen Voraussetzungen habe. In der Diskussion als Standorte für einen möglichen dritten Nationalpark in Bayern sind derzeit noch Spessart, Rhön, die Donau-Auen und neuerdings auch der Frankenwald.
Die BBV-Kreisverbände Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld wären von dem vorgesehenen Gebiet gleichermaßen betroffen. Die BBV-Kreisobmänner Edgar Thomas (Bad Kissingen) und Mathias Klöffel (Rhön-Grabfeld) kritisieren unter anderem die Informationspolitik. „Wir haben eine Unmenge von Fragen, aber keine rechtsverbindlichen Antworten“, sagten sie in einem Gespräch. „Wo bleibt der angekündigte Bürgerdialog?“, fragen die Landwirte, denn sie befürchten zusätzliche Auflagen und Entwicklungsbeschränkungen für die Betriebe, die sich in dem vorgesehenen Bereich befinden.
Staatsforsten sollen hauptsächlich eingegliedert werden, die Karte zeige jedoch, welch „Flickenteppich“ vorhanden ist. Dazwischen befinden sich Privatwälder und landwirtschaftliche Betriebe. Ziel des zuständigen Umweltministeriums werde das Schaffen eines kompakten Gebietes sein, dafür müssten die Grundstücke nach und nach aufgekauft oder getauscht werden. Anders könne man sich nicht vorstellen, wie der Nationalpark funktionieren soll, zumal am Rand eine 500 m breite Pufferzone eingerichtet werden soll. Eine Flächenverknappung für die Landwirtschaft wird befürchtet, deshalb fordern die Rhöner Landwirte ein Vorkaufsrecht für die an ihre Betriebe angrenzenden Grundstücke.
Wenn der Nationalpark so viele Vorteile bringt, könne man die doch offen benennen, und wenn es Nachteile für bestimmte Gruppen gibt, müssten diese auch auf den Tisch kommen. Dann könne man erst entscheiden, welche Argumente überwiegen und ob man die Nachteile in Kauf nehmen könnte, so Klöffel. Befürchtungen und Gerüchte machen stattdessen die Runde. Wie Edgar Thomas berichtete, hat er den Nationalpark Bayerischer Wald besucht und sich beim Leiter, Dr. Franz Leibl, nach den Erfahrungen erkundigt. Die beiden Besucherzentren seien gut besucht, berichtete Thomas, Verdienstmöglichkeiten durch den Tourismus gebe es, aber nicht überall. Landwirte beklagten, dass sie noch im Nationalpark Flächen oder Waldstücke besitzen, aber nicht mehr dorthin gelangen, weil teilweise die Wege aufgelassen wurden. Der Nationalpark sei direkt dem Ministerium unterstellt und man habe kein Mitspracherecht, berichten die Landwirte.
Ein weiteres Problem sei die Nitratanreicherung, besonders in trockenen Gebieten (wenig Verdünnung durch Niederschläge) durch den Abbauprozess von Totholz. Der Anstieg wurde im Bayerischen Wald gemessen, berichtete Thomas, sei dort aber nicht so problematisch wie in der Rhön, gleiches gilt für die Wildschweinproblematik. „Wer übernimmt die Entschädigung, sollten die Tiere ungestörte Entwicklungsmöglichkeiten erhalten und die Felder verwüsten?“ Auch das ist eine der ungeklärten Fragen. Dass die Fichte Opfer des Borkenkäfers wird, ist so gut wie sicher, aber sie hätte sowieso keine Überlebenschancen bei Hitze- und Trockenperioden wegen des Klimawandels.
„Wir haben das Biosphärenreservat mit seiner Kernzone und geben dort der Natur schon viel zurück, da stehen auch alle dahinter“, sagen die BBV-Kreisvorsitzenden. Zum Nationalpark sei die Haltung eher ablehnend. Man müsse sich diese für viele Generationen wichtige Entscheidung reiflich überlegen, nicht dass es später heißt, man habe eine Chance vertan, gab Klöffel jedoch zu bedenken. Man wisse einfach zu wenig, noch nicht einmal, wer die Entscheidung letztendlich trifft – die betroffenen Rhöner Anlieger, der ganze Landkreis, das Ministerium? „Wir fühlen uns, als ob uns jemand was verkaufen will, aber nicht sagt was“, formuliert es Thomas. Immerhin soll bis Ende Juli festgestellt werden, in welcher Region sich eine weitergehende Planung überhaupt lohnt.

Nicht vorschnell urteilen

Rhön-Grabfelds Landrat Thomas Habermann will keine voreiligen Urteile fällen und spricht damit auch für seinen Bad Kissinger Kollegen Thomas Bold. „Die Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen für die Region und sollte deshalb reiflich überlegt werden. Dazu brauchen wir viele Informationen und ausreichend Zeit“, so Habermann, der eine endgültige Entscheidung gegen Ende des Jahres erwartet. Er kennt die Bedenken der Landwirte und auch die der Jäger, denn er gehört dazu. „Die Bedingungen müssen verhandelt werden.“ Wie kann man das Schwarzwild so kurz halten wie nötig? Schädlinge, die sich ungehindert vermehren, können auf Privatwälder übergreifen – wie kann man verfahren, bis wirklich eine Pufferzone von 500 m eingerichtet ist? Es gebe viele unbeantwortete Fragen. Für Habermann steht jedoch fest: „Eine touristische Belebung allein reicht nicht aus, um für einen Nationalpark zu sein.“ Wenn sich aber im Vorfeld schon jeder eine Meinung gebildet hat, bevor der Dialog beginnt, machen die Diskussionen keinen Sinn. Er selbst sei noch unentschieden, teilte er mit.
Eine Bürgerinitiative (BI) gegen einen Naturpark Rhön wurde gebildet, darin sind betroffene Land- und Forstwirte, Unternehmer, Waldbesitzer und Jäger vertreten. Während das vorhandene Biosphärenreservat im Einklang von Mensch und Natur geführt werde, bedeute die Herausnahme von rund 7500 ha Wald aus der Vermarktung einen Eingriff, der auch die Holzwirtschaft und Arbeitsplätze betreffe, erklärt der Sprecher der BI, Erwin Kruczek, ehemaliger forstlicher Berater der Forstbetriebsgemeinschaft Fränkische Rhön und Grabfeld. Ein Schädlingsbefall in den Fichtenbeständen sei nicht zu verhindern, eventuelle Holzimporte, um den Verlust von rund 70 000 fm Holz jährlich zu kompensieren, bezeichnet die BI als „faulen Kompromiss“. Die zu erwartende Rückkehr des Wolfs bedeute das Ende der Schafhaltung, wird befürchtet.
Positive Stimmen aus der Bevölkerung gibt es auch, wie Leserbriefe an Zeitungen widerspiegeln. Mehr Biodiversität und ein Gebiet, in dem sich die Natur ungehindert entwickeln kann und wertvolle Gen-Ressourcen bewahrt, werden von Befürwortern begrüßt. Der Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz, Helmut Behr, spricht auch für den Kreisverband Bad Kissingen: „Ein Nationalpark bietet die Möglichkeit, die Natur sich selbst zu überlassen und damit Einblicke in Lebenszusammenhänge zu erhalten, die in Europa nur noch selten vorhanden sind – insbesondere im Bereich von Buchenwäldern. Die Rhön ist nach unserer Überzeugung ein sehr geeignetes Gebiet, was die Artenvielfalt und Lebensräume betrifft. Außerdem sind genügend Flächen des Staatswaldes vorhanden. Ein Nationalpark würde auch wirtschaftlich viel für die Region bringen und könnte sich positiv für das Biosphärenreservat auswirken. Wie bei anderen Nationalparks ist auch eine Zweiteilung vorstellbar (also die ca. 10 000 ha aufgeteilt auf zwei zusammenhängende Flächen).“ Er fordert jedoch ebenfalls klare Regelungen bezüglich der Schwarz- und Rotwildschäden, des Kaufs und Tauschs von Flächen und des Managements im Randbereich. Das Projekt habe den Charakter eines „Entwicklungsnationalparks“, in den vor allem naturschutzfachlich wertvolle Flächen einbezogen werden sollten.

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