Login
Nationalpark

Rechtler kämpfen für ihren Spessart

Holzrechtler
Doris Pfaff
am
20.02.2017

Weibersbrunn - Wir wollen die Spessartforstrechte erhalten, wie sie sind.“ Das haben kürzlich fast alle 550 Teilnehmer einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Verbandes der Spessartforstberechtigten per Abstimmungskarte in der proppenvollen Weibersbrunner Turnhalle kundgetan.

Mit diesem Meinungsbild will der Rechtlerverband, dem 28 Gemeinden in den Kreisen Aschaffenburg, Miltenberg und Main-Spessart angehören, bei weiteren Gesprächen mit dem bayerischen Umweltministerium über die Holzrechte in einem möglichen Nationalpark aufschlagen.
In einer weiteren Abfrage, die der Verbandsvorsitzende und Weibersbrunner Bürgermeister Walter Schreck in der Versammlung vornehmen ließ, zeigte die überwältigende Mehrheit der Holzrechtler einem möglichen Nationalpark die Rote Karte. Außer ein paar wenigen Befürwortern und einem Dutzend Unentschlossenen sind die Rechtler dagegen, dass im Spessart ein Nationalpark eingerichtet wird.
Zuvor hatte Josef Geislinger aus München, Fachanwalt für Verwaltungsrecht, über sein umfangreiches Gutachten „Spessartforstrechte und Nationalparkausweisung“ referiert, das er im Auftrag der Bayerischen Staatsforsten geschrieben hat. Das seit mehr als 150 Jahren geltende Recht der Einwohner der Spessart­orte, unter bestimmten Bedingungen kostenlos Holz in ihrem Wald zu holen, sei nicht mit einem Nationalpark vereinbar, zog Geislinger ein Fazit.
In einem Nationalpark dürften im unbewirtschafteten 75-prozentigen Kerngebiet keinesfalls Holzrechte ausgeübt werden, so der Rechtsanwalt. Indes gelten von insgesamt 42 200 ha Staatswald auf rund 38 000 ha die Spessartforstrechte. Ein Nationalpark solle aber mindestens 10 000 ha umfassen. Eine solche Fläche könne nicht durch Verlegung frei gemacht werden. Auf der Basis verbriefter historischer Rechte seien die Spessartforstrechte gut abgesichert, meinte der Rechtsanwalt weiter.
Dies betreffe nicht nur die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes, sondern auch die Rechte der Gemeinden in den Grundbüchern. Voraussetzung für eine freiwillige Ablösung der Spessartforstrechte sei die einvernehmliche Zustimmung der Rechtler und der Gemeinden. Da die Rechtler wohl nicht zustimmten, seien Ablöseversuche zum Scheitern verurteilt.
Zwar gäbe es noch gesetzliche Möglichkeiten für eine Zwangsablösung. Er hielte es nicht für ratsam, ein solch äußerst schwieriges Enteignungsverfahren in Gang zu setzen, betonte Geislinger. Das Umweltministerium habe unlängst bei einem Gespräch mit dem Rechtlerverband versprochen, in keiner Weise „die bestehenden Rechte in irgendeiner Form infrage zu stellen,“ zitierte Walter Schreck aus dem Protokoll. Auch eine finanzielle Ablösung sei nicht in der Diskussion.
Nicht anfreunden mochten sich die Rechtler mit dem Vorschlag des Ministeriums, dass Brennholz vom Personal des Nationalparks bearbeitet und an Sammelplätze außerhalb der Parkgrenzen gelegt werden soll, um es dann von den Gemeinden an die Holzwerber verteilen zu lassen. „Das mache ich nicht“, unterstrich Bürgermeister Schreck. Überdies wolle der Staat das Brennholz zu „marktüblichen Preisen“ verkaufen.
Die Forderung der Rechtler laute indes: „Für Rechtlerholz darf kein Geld verlangt werden!“ Laute Buh- und Pfui-Rufe erntete der Rothenbucher Bürgermeister Gerd Aulenbach, der aus einem Regierungsschreiben vorlas, wonach in einem Nationalpark Rechtler ähnlich wie bisher zu ihrem Holz kämen. „Was ist denn unser Holzrecht wirklich wert?“, fragte ein Rothenbucher Bürger, der vorschlug, mit dem Rechtsgutachten die Chance zu nutzen, ein „wirklich bedarfsgerechtes und modernes Holzrecht zu schaffen.“
Nach ursprünglicher Definition des Rechtlerholzes dürfe man sich nur dürre Stangen mit einem Durchmesser von weniger als 4,4 cm oder einer Länge von weniger als 88 cm holen, erinnerte der Mann. Er habe grundsätzlich nichts gegen einen Nationalpark, betonte der CSU-Landtagsabgeordnete Peter Winter aus Waldaschaff. Der Spessart mit seiner reichen Artenvielfalt sei jedoch eine über Jahrhunderte geschaffene Kulturlandschaft, die nicht kaputtgehen und vor sich hin rotten solle, sagte Winter unter tosendem Beifall.
„Wir leben in einer wunderschönen Gegend mit einem super Wald“, fügte Walter Schreck an. Das Naturschutzkonzept der hiesigen Staatsforstbetriebe, darunter Rothenbuch, sei ein Vorbild für ganz Bayern, so Schreck zum Ende der Versammlung, die von den Spessartmusikanten mit heimatlichen Klängen umrahmt wurde.

Altes Recht bis heute verteidigt

Aus der Geschichte: Der im Jahr 1953 gegründete Verband der Spessartforstberechtigten mit aktuell 28 Gemeinden (mit insgesamt etwa 60 000 Einwohnern) tritt für das Spessarter Holzrecht ein. Es besagt, dass die Bürger der beteiligten Kommunen zu genau festgelegten Zeiten kostenlos Brennholz im Staatswald für den privaten Gebrauch machen dürfen. Das Recht bezieht sich auf Holz, das nach einem Hieb liegen bleibt und von den Forstleuten nicht zum Verkauf aufgearbeitet wird. Dazu zählen beispielsweise Kronenholz oder Äste.
Die Forstrechte im Spessart lassen sich bis in das Mittelalter zurückverfolgen und sind bis in die jüngste Zeit von den Rechtlern mit Nachdruck verteidigt worden. Zuletzt mit dem sogenannten „Spessart-Vergleich“ von 1866, in dem sich der Fiskus und die Spessartgemeinden mit Auswirkung auch für die Bewohner über den Inhalt der Rechte und deren Ausübung einigten. Später wurden die Rechte dann in den Grundbüchern verankert. Ursprünglich war das Rechtlerholz genau definiert: Oberholz mit einem Durchmesser von weniger als 4,4 cm oder einer Länge von weniger als 88 cm. Demnach darf es beispielsweise kein Nutz- und Bauholz sein.
Das heutige Forstrechtegesetz setze ebenso wie die gültige Bayerische Gemeindeordnung Forstrechte voraus. Beide Regelwerke lassen den Inhalt bestehender Forstrechte unberührt, ist im Rechtsgutachten von Josef Geislinger nachzulesen. Dort heißt es weiter: „Die 1978 zwischen dem Freizeit Bayern und dem Verband der Spessartforstberechtigten abgeschlossene Vereinbarung enthält lediglich Modifikationen der Spessartforstrechte.“

Auch interessant