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Vielfalt

Spanferkel, Torten, Milch und Hühner

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Externer Autor
am
11.06.2018

Bei einer Rundfahrt zeigt der BBV-Kreisverband Main-Spessart die Vielfalt der Landwirtschaft im Kreis auf.

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Wie vielfältig die Landwirtschaft sein kann, wollte die Vorstandschaft des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) im Landkreis Main-Spessart „ihrem“ Landrat Thomas Schiebel zeigen. Bei der Landkreisbereisung standen deshalb ein Milchviehbetrieb, eine Spanferkelscheune, das Hühnermobil eines Eierdirektvermarkters und eine Kaffeescheune auf dem gemeinsamen Besuchsprogramm. Vorsorglich hatte der Landrat die Abteilungsleiter des Bauamtes, des Veterinäramtes und der Unteren Naturschutzbehörde mitgebracht. Auch der Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Karlstadt Klaus Bernhard und sein Stellvertreter Harald Blankart, zwei Bürgermeister, der stellvertretende Vorstand des MR Arnstein Burkard Ziegler und die vlf-Vorsitzenden Doris Hautsch und Klemens Hoßmann waren zu der Besichtigungstour eingeladen.

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Sie alle staunten bei der Scheiner GbR in Stadelhofen über den modernen Laufstall, in dem 120 Milchkühe auf den XL-Schaumstoff-Liegeboxen liegen und wiederkäuen. Manche bedienen sich noch am Futterband, bevor sie sich am Melkroboter in einer der beiden Boxen melken lassen. Martin Scheiner hat den Stall komplett selber geplant, „damit es für die Kühe optimal läuft“. Für eine gute Durchlüftung ist der Stall in Ost-West-Richtung gebaut, obgleich für die geplante PV-Anlage eine Südausrichtung des Daches besser wäre. Aber: Tierkomfort hat oberste Priorität. „Denn nur wenn es den Tieren gut geht, geht es uns auch gut“, sagt der junge Landwirtschaftsmeister. Er führt die GbR zusammen mit seinem Bruder Frank, einem Industriemechaniker, der verstärkt in den Betrieb einsteigen will, wenn sich die Eltern Karl und Hiltrud aus der aktiven Mitarbeit verabschieden. Enorme Eigenleistung hat die Kosten auf rund 8000 € pro Kuhplatz begrenzt. Martins Ehefrau Carina und Franks Frau Julia arbeiten im Betrieb mit, wenn sie gebraucht werden. Mit Begeisterung dabei ist auch die Auszubildende Annika Bonfig.

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Warum die Wildschweine für viele Rinderhalter ein Problem sind, wird hier deutlich: „Dreck im Futter können wir uns nicht leisten.“ Der stellvertretende Kreisobmann Karl Köhler sät deshalb lieber Ackerfutter oder Luzerne. „Bevor wir Futter wegwerfen müssen, bleiben die Flächen liegen.“ Spätestens dann wird es auch für den Naturschutz schwierig. Denn die Scheiners mähen zum Beispiel auch die Weikertswiese bei Rechtenbach. „Schützen durch nützen“ ist ihnen allerdings nur möglich, wenn sich die Wildschweinschäden begrenzen lassen.

Spanferkel genießen

Spanferkel mit hausgemachten Salaten schmeckte den Teilnehmern der Landkreisbereisung bei Christine Kaufmann und ihrer Mutter Roswitha Schmidt. Doch das Essen in der Spanferkelscheune ist nicht das einzige Erlebnis, das der Hof zu bieten hat: „Wir haben auf beiden Seiten Mischwald, eine Trockenheide, eine Naturhöhle, ein Feuchtbiotop und das Schleifbrünnle“, berichtete die Hauswirtschaftsmeisterin, die sich zur Erlebnisbäuerin qualifiziert hat. Ihre 14 Pferde nutzt sie auch zur Reittherapie sowie für Ferienfreizeiten und Kindergeburtstage.

„Schon für meine Großeltern war eine bauliche Erweiterung im Ortszentrum nicht möglich“, berichtet Christine Kaufmann. 1958 seien deshalb fünf Betriebe ausgesiedelt, in denen bis zur Steckdose alles „wie bei uns“ baugleich ist, doch in den 50er Jahren waren die Betriebe mit Milchkühen, Mastschweinen, Hühnern und Enten noch sehr gemischt. 1967 wurde der Betrieb auf Schweinemast umgestellt. 1976 haben die Eltern Roswitha und Reinhold Schmidt den Betrieb übernommen. „Wir bauen heute wie damals auf 40 Hektar Getreide und Mais an“, sagt Kaufmann, die den Betrieb seit 2010 von ihren Eltern gepachtet hat. Doch über dem ehemaligen Stall führt ihr Bruder nun eine Werkstätte im Kunststoffbereich.
1994 hat der Vater eine alte Sägewerkshalle in Ansbach vor dem Abbruch gerettet, auf den Hof geschafft und aufgebaut. Im Nebenerwerb wurde die Spanferkelscheune aufgebaut, mit der sich Christine Kaufmann selbstständig gemacht hat. Sie lädt am 11. August zum Hoffest mit Sternritt und Live-Countrymusik.

Mobiler Hühnerstall

Am Schwalbenhof Marienbronn, den Kreisobmann Reinhard Wolz gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth und Martin Hock in Form einer GbR bewirtschaftet, durfte der Landrat aktiv werden. Das auf Kufen gelagerte Hühnermobil sollte mit dem Traktor um eine Länge versetzt werden. Anschließend ließ Bezirksbäuerin Maria Hoßmann die rund 300 Hühner in den Obstgarten. „Gustav Gans ist unser Wachhund“, erklärte Hock, doch gegen den Habicht habe auch er keine Chance. In Triesdorf hat der junge Landwirt einen Stall mit 40 000 Masthähnchen als Alternative zur Direktvermarktung gerechnet und festgestellt: „Das ist nicht meine Welt“. Wolz sagt auch: „Der Pachtkampf geht uns zuwider.“ Ein Versuch mit einem Gemüse-Äckerle wurde zwischenzeitlich wieder eingestellt.
Doch auch die Eierdirektvermarktung ist nicht unproblematisch. „Während des Skandals waren wir schnell ausverkauft“, berichtete Hock, doch dann griffen viele Kunden wieder zu Billigprodukten. Jedoch hat sich der Schwalbenhof auch eine treue Stammkundschaft erarbeitet, der das Ei 28 ct wert ist und die auch die Nudeln schätzt. Ursprünglich war das Nudelgeschäft nur begonnen worden, um eine Verwertung für die kleinen Eier zu Beginn der Legesaison zu haben.
„Das Gras ist nur der Nachtisch für die Hühner“, erklärt der Betriebsleiter, der nicht nur die selbsterzeugte Futtermischung erklärt, sondern auch, wie er den Nährstoffeintrag auf der Fläche nutzt mit der anschließenden Neuansaat. Aus hygienischen Gründen wird der Stall, der dank Solarplatte komplett energieautark ist, konsequent rein-raus belegt.

Und ein Scheunencafé

Eine weitere Überraschung erlebten die Gäste im Esselbacher Ortsteil Steinmark: In einem stilvoll renovierten Hofensemble wurden sie von einem Herrn in Tracht empfangen, der sich als Hans Kunkel vorstellte und in Mundart aus der Zeit vor 250 Jahren erzählte, als die Häuser gebaut wurden. „Das ist mein Hobby“, sagte Markus Kern, der anschließend Mantel und Dreispitz mit der Kellnerschürze in seinem „Scheunencafé Klatschmohn“ vertauschte, um Kaffee- und Tortenspezialitäten zu servieren. „Eigentlich wollte ich Konditor werden“, räumte er ein. Nun lebt er diesen Traum am Wochenende: Samstags wird gebacken und am Sonntag strömen die Gäste in seine Kaffeescheune, für die er gar nicht groß Werbung machen muss.
„Acht Jahre lang habe ich umgebaut“, berichtete er, der nach seinem Bürojob abends zur Maurerkelle gegriffen hat statt sich zu amüsieren. Hilfe fand und findet er in der Großfamilie. Sein Bruder bewirtschaftet nebenan den Hof, zu dem 25 Milchkühe und ein Bullenmaststall gehören. In der Zwischenzeit hat Kern auch den bayerischen Wirtebrief gemacht.
Bei Kaffee und Kuchen kamen aber auch unliebsame Themen zur Sprache: zum Beispiel die Wildschweinproblematik, die nur in den Griff zu bekommen ist, wenn Jäger und Landwirte gemeinsam an einem Strang in die gleiche Richtung ziehen. Oder das Baurecht, das scheinbar unüberwindliche Hindernisse bereithält. Wenn Reinhard Wolz an die 45 Baugenehmigungen denkt, die er für die drei Äcker brauchte, auf denen er sein Hühnermobil bewegt, dann graut ihm noch heute. Zum Glück für eventuelle Nachahmer haben sich hier die Vorschriften geändert: Für alle im Straßenverkehr zugelassenen mobilen Ställe brauche es keine Baugenehmigung mehr, informierte Tanja Reder, Mitarbeiterin des Landrats. Nicht nur aus diesem Grund werde das nächste Hühnermobil am Schwalbenhof Räder haben.
Problematisch bleibe die Situation jedoch für einen Biolandwirt, der einen Geflügelschlachtraum für seine Direktvermarktung bauen möchte. Nach Rücksprache mit dem zuständigen Kreisveterinär habe er sich für eine Größe entschieden, die unter dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BIMSch) bleibt. In dem Mischgebiet wären nur 90 Stunden pro Jahr Geruchsemissionen zu erwarten. „Trotzdem brauche ich ein Gutachten, das im vierstelligen Bereich kostet“, sagte der junge Landwirt, der keine Lust hat, mehrere Jahre lang zu schlachten, nur um das Gutachten abzubezahlen.
Die Expertin vom Landratsamt kann zwar erklären, weshalb solche Gutachten so teuer werden: „Gemessen werden muss nicht nur der Einzelbetrieb, sondern die ganze Umgebung.“ Doch Abhilfe schaffen kann sie auch nicht. „So sind die Vorgaben aus München“, sagte sie. Trotzdem will der Landrat mit dem Bauernverband im Gespräch bleiben, um solche Hürden zu entschärfen, wo es geht. Ihm sei es wichtig, „nicht nur Akten und Lagepläne zu wälzen“, sondern die Objekte „mit Leben gefüllt“ zu sehen. LF
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