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Rette die Bauern

Stiller Protest statt Krawall

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Ludwiga Friedl, Wochenblatt
am
11.06.2019

Landwirtschaftsministerin Kaniber bei Regionalkonferenz in Unterfranken

Rettet die Bauern“ stand auf den roten Aufklebern, die vor dem Besuch von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber in Kürnach (Lks. Würzburg) verteilt wurden. In einem stillen Protest demonstrierten rund 450 Landwirte und Bäuerinnen, viele davon in grünen Warnwesten. Bewusst habe man sich gegen gelbe Westen entschieden, sagte Würzburgs stellvertretender BBV-Kreisobmann Burkhard Ziegler. Den unterfränkischen Praktikern ging es nicht darum, Krawall zu machen. Sie wollten ihre Sorgen sichtbar machen.

„Die Stimmung in der Landwirtschaft war lange nicht mehr so schlecht wie jetzt“, stellte auch Peter Schwappach von der Regierung von Unterfranken fest. Bayerns Bauern seien einem enormen Druck und vielen neuen Herausforderungen ausgesetzt, bestätigte die Landwirtschaftsministerin.

„Wir brauchen Berater“, meldete sich Rhön-Grabfelds BBV-Kreisobmann Matthias Klöffel zu Wort. Statt Wildlebensraumberatern seien „Leute wichtig, die uns helfen, die Probleme der Zukunft zu lösen“. Burkhard Ziegler fragte „Was nützt uns unsere gute fachliche Praxis?“ Am Beispiel des Verbots der Neonicotinoide schilderte er, wie nun wiederholt gegen den Erdfloh gespritzt werden müsse. Während in Deutschland auf den Gesetzen herumgeritten werde, bekämen die Landwirte beispielsweise in Polen Ausnahmegenehmigungen. „Wir Landwirte würden gerne freiere Unternehmer werden ohne zu viele Auflagen“, sagte er unter Beifall. Bad Kissingens BBV-Kreisobmann Edgar Thomas stellte in den Raum, die Landwirtschaft könne beim Artenschutz auch „an die Spitze der Bewegung gehen“, doch müsse die Finanzierbarkeit hinterfragt werden.
Unterfrankens Bezirksbäuerin Maria Hoßmann stellte die Medienkompetenz der Öffentlichkeit in Frage. „Es kann doch nicht sein, dass Falschmeldungen in den social media mehr Aufmerksamkeit bekommen als persönliche Gespräche.“ Sie bekräftigte die Forderung der Landfrauen nach einem Unterrichtsfach „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“, die Kaniber ebenfalls unterstützt. „In Köpfe investieren“ sei ihre Devise.
Alfred Weiß aus Unterpleichfeld, der 1 ha Streuobstwiese bewirtschaftet, sprach das Thema Bewässerung an. Laut Kaniber würden bald Lösungen von Forschungsprojekten über Bewässerungsstrategien vorliegen. Der Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft Jakob Opperer stellte fest, dass die Zeichen der Zeit derzeit stark gegen chemischen Pflanzenschutz weisen. Doch die Sensortechnik und die Hacktechnik seien in Bewegung.
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Hanskarl Baron von Thüngen wandte sich gegen das Mobbing von Bauernkindern und gegen Pauschalverurteilungen. Es könne nicht sein, dass ganz Unterfranken nun ein rotes Gebiet sei, wo doch beispielsweise das Werntalprojekt sehr erfolgreich laufe. „Das Bauern Bashing muss endlich ein Ende haben“, stimmte Kaniber zu, und kritisierte auch die „Geiz ist geil“-Mentalität. Es könne nicht angehen, dass manches Mineralwasser mehr koste als ein Liter Milch, antwortete sie auf die Feststellung von Armin Zehner vom Bundesverband der Milchviehhalter, dass die Wertschöpfung in den Betrieben nicht mehr gegeben sei.

Anette vom Berg-Erbar bedauerte, dass sich die Vorschläge des Berufsverbandes beim Runden Tisch nur unzureichend im Gesetz wiederfänden. „Derzeit produzieren wir bayerischen Bauern das Beste vom Besten, aber wenn es so weitergeht, können wir es nicht mehr“, sagte sie unter Beifall. Kaniber gab sich davon überzeugt, dass es keinen anderen Weg als das Begleitgesetz gab. Sie wolle gangbare Wege für die Praxis aufzeigen. Ziel sei es, die Unzulänglichkeiten des Volksbegehrens zu verbessern.
Der stellvertretende BBV-Kreisobmann im Landkreis Main-Spessart Karl Köhler stellte fest, dass die extensive Bewirtschaftung mit Schäfereien und Mutterkuhbetrieben im Landkreis überwiegt, aber ohne Förderung nicht fortgeführt werden könne. Josef Wächter aus Schwarzenau kritisierte die „Spaltung zwischen Stadt und Land“. Trotz der hohen Leistungen fehle es der Landwirtschaft an Wertschätzung.

„Ohne Düngung im Herbst verschwindet der Rapsanbau und der Zwischenfruchtanbau“, sagte Schweinemäster Erich Kraft aus Karlstadt. Und Paul Lindner aus Ebertshausen erinnerte an den Haushaltsvorbehalt, der die Fördergelder schnell begrenzen könnte. „Wo Biotope entstehen, besteht laut dem Bayerischen Naturschutzgesetz 15 Jahre lang die Möglichkeit, die Flächen wieder in die landwirtschaftliche Bewirtschaftung zurückzuholen“, sagte Ministerialdirigent Konrad Schmid. „Planbarkeit und Sicherheit“ forderte auch Würzburgs Kreisbäuerin Martina Wild. „Wir sitzen mehr im Büro, als dass wir in Feld und Stall arbeiten“, sagte Daniel Österreicher. In dieselbe Kerbe hieb Harald Schäfer, Vorsitzender von VLM und vlf Unterfranken: Er bedankte sich für die tolle Berufsausbildung in Bayern, die durch das Volksbegehren in Frage gestellt werde. „Was ist unsere Berufsausbildung noch wert?“ fragte er angesichts der zurückgezogenen Anmeldungen zur Landwirtschaftsschule.

Weitere Themen, die angesprochen wurden, waren die Stilllegungspläne beim Wald und die Unterschutzstellung von Streuobstwiesen.

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