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Podiumsdiskussion

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Gabi Bertram
am
23.04.2018

Der BBV-Kreisverband Coburg hat die Grünen-Politikerin Gisela Sengl zum Dialog herausgefordert. Ein Video der Grünen-Fraktion war der Auslöser.

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Ein kleines Video der Grünen-Fraktion im Bayerischen Landtag in Facebook über Bauer Bernd, seinen Chemiecocktail auf den Feldern und dessen Folgen für Fisch, Biene und Kartoffel war der Auslöser für den Disput. Der kleine Bauernhof der Familie Bernd und Monika Taubmann in Neida ist so ganz nach dem Geschmack der agrarpolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag, Gisela Sengl – ihres Zeichens selbst Biohof-Betreiberin am Chiemsee. 60 ha Land, 50 Milchkühe, die Fabien, Sandy oder Silvia heißen, eine kleine Milchtankstelle mit frisch gemolkener Rohmilch, ein Automat, an dem man Hausmacherwurst in Gläsern oder Freilandeier ziehen kann, die in Papiertüten abgepackten „dreckerten“ Kartoffeln aus der heimischen Scholle, Honig von Imkern aus der Nachbarschaft.

Ja, so könnte heile Landwirtschaft nach Meinung der Grünen überall funktionieren. Damit gehen die Bauern auf kleinem Nenner konform, weil, so BBV-Kreisobmann Martin Flohrschütz, die Produktion von hochwertigen Lebensmitteln nur mit der Natur funktioniert, Boden und Tiere das Kapital der Bauern sind. Aber die Bauern wehren sich auch mit Leidenschaft für ihren Berufsstand gegen unsachliche Anfeindungen und Diffamierungen. Das Video hat sie wieder einmal bis ins Mark getroffen. Den Vorwurf vor allem aus den Reihen der Grünen, sie würden mit Pflanzenschutzmitteln und Pestiziden das Insektensterben verursachen, weisen sie mit Vehemenz zurück und gehen in den direkten Dialog.
Dabei, sagt Flohrschütz, säßen die Differenzen gar nicht so tief. Immerhin haben Bauern, Naturschutzverbände und Grüne in konzertierter Aktion den Verkehrslandeplatz bei Neida, von dem auch Flächen von Bernd Taubmann getroffen worden wären, verhindern können, und man würde die Pläne auch liebend gern endlich gemeinsam „beerdigen“. Und auch bei der Forderung, regionale Wertschöpfungsketten zu stärken, Kulturlandschaftspflege im Interesse von Artenvielfalt und Artenschutz zu betreiben, liegen Bauern und Grüne nicht weit auseinander. Die Differenzen bestehen in den Lösungswegen. Aber Landwirtschaft heißt eben auch „wirtschaften“, und noch gebe es keine oder kaum Alternativen zu Pflanzenschutzmitteln, würden Auflagen und Kosten Landwirte in einer Schraube zur Expansion zwingen, um den Höfen eine Zukunft zu geben. Großbetriebe und Weltmarkt würden Daumenschrauben anlegen.
Insekten- und Artenschutz, Tierhaltung, eine Zukunft für die Landwirtschaft ohne Pestizide, aber auch der Umgang von Grünen, Umweltverbänden und Bauern miteinander standen am Abend bei einer Podiumsdiskussion im Gustav-Dietrich-Haus auf dem Programm. So voll war der Saal übrigens selten. Das Interesse am Disput hatte beide Seiten auf den Plan gerufen, auch wenn das Publikum – in der Befürchtung um hochkochende, unsachliche Emotionen – kein Rederecht hatte.
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In Moderation von Wolfgang Braunschmidt, Redaktionsleiter der Neuen Presse, gingen neben Gisela Stengl und Martin Flohrschütz der Geschäftsführer der Milchwerke Oberfranken West, Ludwig Weiß, und der Biobauer Sebastian Porzelt in den leidenschaftlichen Disput. Die von Sengl eingangs ins Feld geführte Krefelder Studie, nach der seit 1989 die Zahl der Insekten um rund 75 % zurückgegangen ist, wird von Flohrschütz angezweifelt. Sengl ihrerseits fordert Alternativen in der Bodenbearbeitung und den Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft. Freilich, räumt sie ein, bedürfe es hier einer Übergangszeit und erfordere weit mehr Gelder für die Forschung.

Ohne Pflanzenschutzmittel, prophezeit der Ökobauer Porzelt, werde es bald keinen Rapsanbau mehr gehen. Und derzeit würden sowohl der konventionellen, als auch der ökologischen Landwirtschaft die Alternativen fehlen. Porzelt plädiert für beide Seiten und für die hohe Qualität der Nahrungsmittel, die von Landwirten hierzulande auf die Tische der Verbraucher gelegt wird, spricht aber auch davon, dass gerade Familienbetriebe auf Grund der Bürokratie arbeitswirtschaftlich an die Grenzen kommen und expandieren müssten, um zu überleben.
Ludwig Weiß, Experte in Sachen Milch, spricht vom Nachhaltigkeitsbewusstsein der Bauern. „Unsere Milchlieferanten unterliegen einem strengen Qualitätsmanagementsystem, ob Biomilch oder andere. Aber bei den hohen Kosten können wir auf dem Weltmarkt nicht konkurrieren.“ Derzeit laufe einem die Milch aus den Ohren, was durch eine europaweite Milchquote zu regeln wäre, nicht mit noch mehr für den Verbraucher undurchsichtigen Milchlabels, und Weiß wünscht sich vor allem „mehr Nationalstolz beim Verbraucher“. „Wenn die deutschen Verbraucher einheimisch essen würden, hätten wir viel gewonnen.“
Martin Flohrschütz sieht die Risiken bei der Düngung als überzogen dargestellt, man könne die Natur auch mit Pflanzenschutzmitteln nicht überlisten, und jeder Bauer wirtschafte nachhaltig im eigenen Interesse, weil mit eigenem Kapital. Er fordert: „Wir brauchen einen Masterplan für die Landwirtschaft und sachliche Diskussionen darum, wie diese in Zukunft aussehen soll.“
Wege aufzeigen ist die Intention des Abends, aber auch Sengl liefert hier kaum mehr als Ansätze als einen mit staatlicher Quote für regionale Produkte regulierten Gemeinschaftsverpflegungsmarkt. Staatliche Tierhaltungskennzeichnung wird gefordert und ein Ende der Agrarindustrie. Patentlösungen, räumt Sengl ein, gebe es nicht, aber so könne es nicht weitergehen. Der kleine gemeinsame Nenner ist klar: Landwirtschaft ist wichtig. Unsachlichkeiten und Begriffe wie „Ackergift“, sagt Flohrschütz, würden aber keine Basis für eine Diskussion sein. Am Tisch wird moniert: lieber weniger produzieren, dafür Nahrungsmittel teurer machen. Auch das ist ein Thema vorn am Podium. Denn dass der Verbraucher hohe Qualität mit höheren Preisen honoriert, meint der Kreisobmann, sei ein Wunschdenken und gehe an der Realität vorbei.

Landwirtschaft auf dem Prüfstand zeigt auch, dass sich das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für die Umwelt gewandelt hat. Eine Zukunft ohne Pestizide und Pflanzenschutzmittel werde ein Prozess sein, darin waren sich alle einig. Und sie wird ihren Preis haben. Alle Kohlekraftwerke auf einen Schlag abzuschalten, meint Gisela Sengl, würde dagegen ziemlich schnell was bringen.

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