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Öffentlichkeit

Mit allen Sinnen begreifen

Erlebnis-Bauernhof-TÖG
Dietmar Fund
am
08.07.2019

Das Landwirtschaftsamt Töging erinnerte mit einer Auftaktveranstaltung für Multiplikatoren in Burgkirchen an das Programm „Erlebnis Bauernhof“, das bei Schulkindern Verständnis für die Landwirtschaft wecken soll.

Weil die Bevölkerung auch ländlicher Regionen immer weniger über die Landwirtschaft weiß und ihr mit immer größerer Skepsis begegnet, ist die Öffentlichkeitsarbeit für die Bauern wichtiger denn je. Deshalb hat das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Töging die Grund- und Förderschulen in den Landkreisen Altötting und Mühldorf am Inn auf das Programm „Erlebnis Landwirtschaft“ hingewiesen. Mit ihm fördert das Bayerische Landwirtschaftsministerium schon seit 2012 den strukturierten Besuch von Schulklassen der Jahrgangsstufen 2 bis 4 auf landwirtschaftlichen Betrieben über eine Pauschale von 170 € (inkl. MwSt.) pro Gruppe. Die Abwicklung läuft über die Landwirtschaftsämter. Mit einer Auftaktveranstaltung Ende Juni in Burgkirchen wollten der Töginger Amts- und Schulleiter Josef Kobler und die Leiterin des Hauswirtschaftszweigs, Sieglinde Eicher, flankierend noch die Lokalpresse und regionale Multiplikatoren im Landkreis Altötting ansprechen.

Gastgeberin Elisabeth Deser vom Familienbetrieb Griesmühlnerhof schilderte dem Bürgermeister Burgkirchens, dem stellvertretenden Landrat und dem Leiter des Schulamts Altötting, wie sie als gelernte Erzieherin vor fünf Jahren mit ihrem Mann den Einstieg in die Direktvermarktung mit einem Hühnermobil bewältigt hat. Es folgten der Verkauf der Speisekartoffeln, die der Betrieb hauptsächlich produziert, und der Bau eines schmucken Hofladens samt einer Kaffeeecke und einer Terrasse mit einem Partyzelt für größere Gruppen. Während ihr Mann beim Bauhof in Burgkirchen arbeitet, erfüllt Elisabeth Deser, die bei ihrer Heirat 1996 weder Bäuerin noch Wirtin werden wollte, nun genau diese Rollen mit Freude.

Unter dem Partyzelt schwelgten ihre Gäste in eigenen Kindheitserinnerungen, nachdem Elisabeth Deser erzählt hatte, wie begeistert die Schulkinder in der Erde nach Kartoffeln wühlten oder die Hühner und Ziegen streichelten. Amtsleiter Josef Kobler berichtete, dass er sich als Klosterschüler nach dem „Kartoffelklauben“ auf dem Feld gesehnt hat, weil dann kein Unterricht stattfand. Der stellvertretende Landrat und Marktler Bürgermeister Hubert Gschwendtner schwärmte als ausgebildeter Lehrer, wie wichtig es sei, dass Kinder durch Handeln lernten, weil das von innen heraus motiviere. Schulamtsleiter Harald Kronthaler gab zu, dass er anfangs wenig von der Landwirtschaft und der Kartoffelernte gewusst habe. Viele Kinder wüssten heute nicht, wie Lebensmittel erzeugt werden, bevor man sie im Supermarkt kaufen kann. „Dinge zu begreifen, heißt ja nicht, nur geistig aufnehmen, denn begreifen kommt auch von hinlangen“, sinnierte der Pädagoge. Kreisbäuerin Maria Reichenspurner, die in Begleitung ihrer Stellvertreterin Anneliese Moser gekommen war, steuerte die Erkenntnis bei, dass sich viele Menschen gerade an „kleine“ Erlebnisse aus ihrer Kindheit, wie die Arbeit auf dem Feld, erinnerten.
Auf diesem „Nährboden“ erläuterte Sieglinde Eicher die Grundzüge des Programms „Erlebnis Bauernhof“, das im Wesentlichen auf drei bis vier Unterrichtsstunden auf dem Hof hinauslaufe. Das Programm sei auf die Erzeugung von Lebensmitteln und Energie ausgerichtet und so konzipiert, dass es konzentriert auf betriebliche und jahreszeitliche Schwerpunkte das ganze Jahr hinweg angeboten werden könne. „Im Mittelpunkt steht das Lernen mit Kopf, Herz und Hand“, erklärte die Leiterin der Hauswirtschaftsschule des AELF Töging. „Es geht nicht nur um eine Betriebsführung mit Trettraktor und Streicheltieren, denn die Betriebe müssen aktiv Landwirtschaft betreiben und nicht nur einen Streichelzoo mit Hobbycharakter haben.“

Weitere Betriebe im Kreis Altötting gesucht

Derzeit suchen sie sowie ihre Lehrerinnen Margarete März und Franziska Lohr weitere drei bis vier Betriebe aus dem Landkreis Altötting. Sie können sich über eine eintägige Informationsveranstaltung für das Programm qualifizieren oder eine Ausbildung zur Erlebnisbäuerin antreten. Alternativ dazu befähigen auch die Qualifizierung als Erlebnisbäuerin oder die Teilnahme am Projekt „Landfrauen machen Schule“ zur Abwicklung von „Erlebnis Bauernhof“. Auch Nebenerwerbsbetriebe dürfen teilnehmen, wenn die sonstigen Voraussetzungen erfüllt sind.
Gastgeberin Elisabeth Deser bietet „Erlebnis Bauernhof“ auf ihrem Betrieb seit 2018 an und hatte 2019 schon Termine mit zehn Schulklassen. Im Jahr 2018 empfingen neun Betriebe im Landkreis Mühldorf und sechs im Landkreis Altötting 900 Schulkinder. Mit Stand April 2019 haben in beiden Landkreisen seit ihrem Start im Jahr 2013 insgesamt 220 Klassen mit 2200 Schülern das Programm durchlaufen, das in Bayern von 600 Betrieben durchgeführt wird. Dietmar Fund
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