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Ein Auge auf die Kitze werfen

on_18 Drohne
Maria Horn
am
24.05.2018

Drohnenprojekt im Berchtesgadener Land rettet Tierleben: Sabrina Augenstein aus Piding spürt mit Hilfe neuer Technik Rehkitze auf.

In den Wochen zwischen Mitte Mai und Mitte Juni droht vielen Rehkitzen tödliche Gefahr: wenn die Zeit der Grünlandmahd anbricht und die jungen Tiere im hohen Gras versteckt liegen, dann werden sie leicht übersehen und Opfer von Mähfahrzeugen. Laut Expertenschätzungen fallen in Deutschland jährlich rund 100 000 Rehkitze den Mähwerken zum Opfer, das heißt dass etwa 80 % der Kitze nicht einmal das erste Jahr überleben.

on_18 Sabrina Augenstein

Das Wochenblatt hat bereits mehrfach über den Drohneneinsatzes zur Rehkitzrettung berichtet, zuletzt in Heft Nr. 18. Mit einem „Drohnenprojekt“ wird nun auch im Berchtesgadener Land besondere Präventivarbeit geleistet: Sabrina Augenstein aus der Gemeinde Piding überfliegt mit einer Drohne, an der eine Wärmebildkamera befestig ist, jene Wiesen, die gemäht werden sollen.

In Zusammenarbeit mit dem Tierschutzring Traunstein hat die junge Frau heuer dieses Projekt gestartet und stößt dabei sowohl bei den Landwirten als auch bei der Jägerschaft auf sehr positive Resonanz. Als erste Jagdgenossenschaft im Berchtesgadener Land hat die Jagdgenossenschaft Högl ein großflächiges Gebiet überfliegen lassen, um Rehkitze oder Hasen vor dem Tod durch das Mähwerk zu bewahren. „Das was diese junge Frau hier macht, kann man nur begrüßen“ unterstreicht Pirschbezirksinhaber Rudi Bernegger der zusammen mit einigen Jägerkollegen mit vor Ort ist, als die Drohne am Högl das erste Mal in die Lüfte steigt.

Es ist früher Morgen und mit bunten Blinklichtern dreht diese ihre Runden über den Grashängen am Högl. Gelenkt wird dieses Flugobjekt von der 23-jährigen Sabrina Augenstein. Rehkitze oder Hasen im hohen Gras aufzuspüren, bevor die Wiesen gemäht werden, das ist der Auftrag.

Schlüsselerlebnis als Kind

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Sabrina hat als junges Mädchen ein Schlüsselerlebnis gehabt, als sie das Schicksal eines beim Mähen verletzten Rehkitzes mit ansehen musste. Dieses Erlebnis habe sie seither nicht mehr losgelassen. Im vergangenen Jahr hat sie dann angefangen, Pläne zu schmieden. „Ich fuhr zu Bauern und fragte sie um ihre Meinung, mit einer Drohne die Wiesen vor der Mahd abfliegen zu lassen“. Bestärkt durch die positive Resonanz und in Zusammenarbeit mit dem Tierschutzring Traunstein wurden die Pläne konkret. „Die erste Vorsitzende, Petra Mayer war total begeistert und auch die Vereinsmitglieder des Tierschutzrings haben mich voll unterstützt. Wir haben das Projekt auf Spendenbasis aufgebaut. Und nachdem ich als Privatperson keine Spenden sammeln darf, läuft alles über den Verein. Es wurden Spendenaufrufe getätigt, Flyer und Visitenkarten gedruckt“, erzählt sie. Die größte finanzielle Unterstützung erhielt sie dabei von ihrem Chef Wilhelm Krings. Nachdem die Finanzierung gesichert war, recherchierte Sabrina gemeinsam mit einem Freund, Dominik Nitzinger, welche Drohne in Frage kommen würde. Die Entscheidung fiel auf das Modell „Yuneec H520“. Der Händler, Jürgen Neumann, war ebenfalls sofort „Feuer und Flamme“ für die Tierschutzidee und sorgte für das technische „Know-How“. Er absolvierte mit Sabrina zahlreiche Übungsstunden in Sachen Drohnenflug und hat ihr das nötige Wissen zum Umgang mit dem Flugobjekt beigebracht. Parallel dazu wurde die Werbetrommel gerührt. „Außerdem habe ich ein extra Drohnenhandy eingerichtet, das ich immer und überall dabei habe“ erzählt die junge Frau und freut sich über den ersten Anruf: „Als eine Landwirtin sich schon im März gemeldet hat um sich vormerken zu lassen und sich zu bedanken welch tolles Projekt wir starten, habe ich mich total gefreut“ blickt sie mit einem Lächeln zurück.

Mittlerweile trägt die vorbereitende Arbeit erste Früchte, denn Sabrina hat einen vollen Terminkalender. Nicht nur im Berchtesgadener Land, auch im Nachbarlandkreis Traunstein war sie schon im Einsatz. „Bauern, die ihre Felder mähen wollen oder natürlich auch die Jäger können mich anrufen, dann komme ich vorbei um die Flächen abzufliegen“ erzählt die junge Frau, die eigentlich als Textillaborantin in Freilassing arbeitet. Ihr Chef ermöglicht ihr während der rund vier Wochen im Frühsommer, in denen die Rehkitze geboren werden, die Arbeit in Gleitzeit einzuteilen. So kann sie rechtzeitig vor Ort sein, wenn sie angefordert wird. Gemäht wird meist morgens und abends, da kommt es dann schon vor, dass sie vor Sonnenaufgang oder nach Einbruch der Dunkelheit an einem Wiesenrand steht und die Drohne über die Felder lenkt. Geflogen wird in rund 18 bis 20 m Höhe, für eine Fläche von 10 ha benötigt sie rund 20 Minuten. Aufmerksam verfolgt sie das Display in ihren Händen und gibt sofort Meldung, wenn sich auf dem Bildschirm abzeichnet, dass etwas gefunden wurde.

Sabrina gibt offen zu: „Klar sind einige Bauern und Jäger erst einmal skeptisch und überlegen ob das funktionieren kann, weil viele Landwirte gleichzeitig mähen und ja erst kurzfristig wissen, wann gemäht wird. Doch viele Landwirte machen ja auch Silo und nicht nur Heu. Und da es beim Silieren nicht unbedingt das beste Wetter braucht, teilen sich die Einsätze doch recht gut auf.“

on_18 Display mit Meldung

Die Jägerschaft am Högl steht voll hinter dem Drohnenprojekt und der Pirschbezirksleiter beobachtet mit seinen Jagdfreunden das Geschehen genau. Drei Hasen werden an jenem Morgen entdeckt. Kitz ist diesmal keines dabei, aber die Zeit in der die Ricken ihre Jungen im Gras verstecken, beginnt erst so richtig ab etwa Mitte Mai. „Ricken setzen ihre Kitze zum Schutz vor Feinden ins hohe Gras während sie beispielsweise auf Nahrungssuche sind“ erzählt Florian Popp, einer der Jäger, und ergänzt: „Die jungen Tiere haben in den ersten zwei Wochen keinen Fluchttrieb sondern ducken sich wenn Gefahr droht“ Für viele Tiere hat dies schon den sicheren Tod bedeutet wenn der Traktor mit dem Mähwerk herannaht. Von der Kreisjägerschaft Berchtesgadener Land ist an diesem Morgen Hans Niederberger mit vor Ort. Er ist voll des Lobes für das Engagement der jungen Frau und sagt: „Der Jagdverband Bayern hat zwar eine Drohne mit Wärmebildkamera, aber diese ist in München stationiert. Das ist für uns hier im Berchtesgadener Land unrealistisch, nach München zu fahren und die Kamera zu holen, wenn ein Landwirt sagt, dass er am nächsten Tag mähen will. Deshalb stehen wir natürlich hinter diesem Projekt.“

Sabrina arbeitet auf Spendenbasis

Wer die junge Frau für die Suche nach Rehkitzen anfordert, der braucht sich keine Sorgen über hohe Kosten zu machen. Denn Sabrina Augenstein arbeitet unentgeltlich und bittet lediglich um eine Spende auf das Konto des Tierschutzrings Traunstein. Denn sie hat ein ehrgeiziges Ziel: „Da wir von den Landwirten so eine große Nachfrage bekommen und alle Beteiligten sehr begeistert sind, möchten wir gerne noch eine zweite Drohne anschaffen, damit wir noch mehr Tierleben retten können.“ Das Spendenkonto des Tierschutzrings Traunstein lautet: „IBAN DE60 7105 2050 0000 3972 99, BIC: BYLADEM1TST, Verwendungszweck: Drohnenprojekt. Infos sind auch auf der Homepage unter: tierschutz-ring-traunstein.de oder auf der Facebook-Seite „Drohnenprojekt-Leben-retten“ zu finden. Wer Sabrina Augenstein zum Überfliegen einer Wiese ordern möchte, der kann sie unter Tel. 0163-9139613 erreichen.

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