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Artenvielfalt

Dialog auf Augenhöhe

Dialog-auf-Bauernhof-Höhensteiger
AELF Rosenheim
am
01.07.2019

Projekttag am Betrieb Höhensteiger über Artenvielfalt auf dem Bauernhof

Dialog-auf-Bauernhof-Junglandwirt

Beim Projekttag „Paradies Bauernhof“ diskutierten am Vormittag regionale Politiker, am Nachmittag die Bevölkerung mit Familie Höhensteiger über Biodiversität auf einem modernen Bauernhof. Auch Maria Els, Regierungspräsidentin von Oberbayern, war der Einladung des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Rosenheim (AELF) und von Regro, dem Verein zur Förderung der Regionalentwicklung im Raum Rosenheim, auf den Bauernhof der Familie Höhensteiger in Zweckstätt, Gemeinde Großkarolinenfeld, gefolgt. In ihrem Grußwort unterstrich sie, dass Naturschutz und Landwirtschaft gemeinsam zum Wohle aller die anstehenden Aufgaben bewältigen und einen Dialog auf Augenhöhe führen sollten.

Dialog-auf-Bauernhof-Biologe

Amtsleiter Wolfgang Hampel begrüßte am Vormittag Kommunalpolitiker/-innen aus der Region zur Hofführung und Aussprache in Zweckstätt. Die Bürgermeister/-innen seien tagtäglich mit Landwirten und Bürgern im Gespräch und könnten einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis leisten, so Hampel. Die Landwirte seien nach dem Volksbegehren zutiefst getroffen und fühlten eine fehlende Wertschätzung für ihre Arbeit mit der Natur. Der Projekttag „Paradies Bauernhof“ solle ein erster Schritt sein, um gegenseitiges Verständnis zu fördern und eine fruchtbare Diskussion in Gang zu bringen.

In seinem Dank an die Familie Höhensteiger für die Durchführung des Tages hob Regro-Vorsitzender Sebastian Friesinger die Leistungen der Landwirtschaft bei der Gestaltung und Pflege der vielfältigen Kulturlandschaft hervor und unterstrich, dass die Bewirtschaftung ihrer Flächen für die Landwirte die Existenzgrundlage bleiben müsse.
„Obstbäume, extensive Wiesen, Randstreifen sind gute Voraussetzungen für eine große Vielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt, und die hat jeder Betrieb. Das muss kommuniziert werden“, ist Michael Höhensteiger, der Junior-Landwirt am Betrieb, überzeugt. Seine Vier-Generationen-Familie bewirtschaftet einen in der Region typischen Milchviehbetrieb im Haupterwerb mit Grünland, Ackerbau und Wald.
Die Bäuerin am Hof, Gabriele Höhensteiger, ist ausgebildete Gartenbäuerin und gibt das Bewusstsein für die Vielfalt gerne weiter. „So finden sich im Frühjahr im Hof-Baum, dem über hundert Jahre alten Birnbaum, viele Wildbienen ein, die Ameisen verteilen die Samen der Duftveilchen, in den Sträuchern und am Wiesenrand wachsen Giersch und Gundermann und Brennnessel dienen als wichtige Nahrung für Raupen, aus denen sich Schmetterlinge entwickeln. Auf jedem Bauernhof gibt es viele Nischen, die die Artenvielfalt bereichern“, ist sie überzeugt. Und zum Schädlingsbefall hat sie auch eine Erfahrung zum Weitergeben: „Zuerst kommen die Läuse, dann die Nützlinge, man muss nur ein bis zwei Wochen warten können.“ Zur Schneckenbekämpfung hält sie Laufenten.
Nicht weit vom Bauerngarten, der nach dem Vorbild eines Klostergartens angelegt ist, liegt ein großer Totholzhaufen. Dr. Ullrich Benker ist Biologe und Zoologe und arbeitet an der Landesanstalt für Landwirtschaft. Er ist begeistert: „Totes Holz steckt voller Leben, Wildbienen, Schlupfwespen, Spinnen, auch Borkenkäferlarven und Ameisenbuntkäfer, die größten Feinde des Borkenkäfers, leben in dem Haufen ebenso wie kleine Wirbeltiere. Igel, Wiesel, Marder und nicht zuletzt Pilze finden dort gute Lebensbedingungen.“ Ein Totholzhaufen biete auch klimatische Vorzüge. Er gibt Schutz, Schatten, Unterschlupf und kühlt bzw. wärmt je nach Witterung. Die Besucher waren beeindruckt von dem vielen Getier, das es in dem Holzhaufen zu entdecken gab.
Der Weg zur nächsten Station führte die Besucher vorbei an der Hof-Wiese, einer Magerwiese mit Blumen und vielen Grillen, hinaus aufs Feld. Dort erklärte Felix Forster vom AELF die Vorteile eines Blühstreifens am Maisfeldrand. Sie seien optisch schön, artenreich und wirtschaftlich vertretbar. Vögel, Hasen und andere Tiere finden dort Deckung und die Streifen blühen vom Frühsommer bis zum Herbst. So können Bienen und andere Insekten auch in blüharmen Zeiten Nahrung finden. Über die Blühstreifen an den Feldrändern bekomme die Natur Raum zurück, ist der Berater überzeugt.
Franz Höhensteiger, Betriebsleiter und Ausbilder, machte auf die kleinstrukturierten Flächen seines Betriebes aufmerksam. 22 ha Wiesen und 9 ha Acker seien aufgeteilt in 30 Flurstücke, die alle bis auf zwei an Waldränder grenzten. Waldränder könnten wiederum wertvolle Ökosysteme bilden, die üppig blühenden Hollundersträucher entlang der Waldränder wiesen darauf hin.
An der letzten Station, der Jungvieh- und Kalbinnenweide, waren an dem heißen Frühsommertag nur ein paar Kälber draußen. Alle anderen zogen es vor, im schattigen Stall zu bleiben, in dem große Ventilatoren für angenehme Kühlung sorgen. Michael Höhensteiger, ein studierter Landwirt und voraussichtlicher Hofnachfolger, stellte den Kuhfladen in den Mittelpunkt seiner Erklärungen. Aus jedem Kuhfladen wüchsen 250 g Insektenbiomasse. Bei durchschnittlich zehn Fladen täglich je Kuh ergäben sich 2,5 kg Insektenbiomasse je Kuh und Tag bei Weidehaltung, rechnete der junge Landwirt vor. Dies sei auch die Erklärung für die vielen Vögel um den Betrieb. In Schwärmen holen sie sich bis in den Spätsommer die Insektenlarven aus dem Boden der Weiden am Hof.
Auf die Frage, warum nicht alle Bauernhöfe Weidehaltung betreiben, zeigten Michael und seine Frau Linda auch die Nachteile auf, wenn keine geeigneten Flächen arrondiert um den Betrieb vorhanden sind, sehr heiße oder auch sehr feuchte Sommer eine Weidebewirtschaftung mit guter Futterqualität für die Tiere erschweren oder auch der Befall mit Parasiten die Gesundheit der Rinder beeinträchtigen könnte. Weidehaltung sei eben nur eine Haltungsmöglichkeit und die Landwirtsfamilie würde bei ihrer Entscheidung Vor- und Nachteile abwägen, wobei ihnen vor allem das Wohl der Tiere wichtig sei.

Das Interesse der Gäste war riesengroß. Am Ende des Tages hatten Besucher, Bürgermeister, Berater des AELF und die Landwirtsfamilie sehr viel voneinander gelernt. Ein Besucher brachte es auf den Punkt: „Wir brauchen wieder mehr Mut zur Natürlichkeit auf den Höfen, in den privaten Gärten sowie in den Städten und Dörfern, kurzum in unserem Lebensumfeld und müssen ganz viel miteinander reden.“

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