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Landwirtschaftlicher Grund

Flächenfraß - „So kann es nicht weiter gehen“

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Roland Lory
am
28.06.2018

Der Bund Naturschutz geißelt den Flächenfraß. Auch der Bauernverband fordert ein Umdenken. Beim Volksbegehren gehen die Meinungen auseinander, wie Nachfragen in oberbayerischen Landkreisen zeigen.

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Das geplante Gewerbegebiet im Unterbrunner Holz bei Gauting (Lks. Starnberg) sorgt für Diskussionen. Für den Bund Naturschutz (BN) ist es „ein erschütterndes Beispiel für Flächenfraß in einem reichen Landkreis“. Denn es stünden rund 25 ha sofort vorhandene Gewerbeflächen im Ort bereit. Auch Georg Zankl, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV), sieht das geplante Wirtschaftsareal kritisch. Was BN und BBV verbindet: Sie kritisieren den Flächenfraß in Bayern. Was sie trennt: Der BN unterstützt das Volksbegehren der Landtags-Grünen und weiterer Partner, den Flächenfraß auf fünf Hektar pro Tag gesetzlich zu begrenzen – der BBV nicht.

Beispiele besichtigt

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Einige Beispiele für den Flächenverbrauch besichtigte der BN kürzlich bei einer Pressefahrt im Landkreis Starnberg: Eine Fläche von rund 60 ha soll an der Gemeindegrenze zu Gilching im Unterbrunner Holz überplant werden. Laut BN würden mindestens 30 ha Wald, davon 20 ha Bannwald, zerstört. Vor rund drei Jahren hatte der Gautinger Gemeinderat beschlossen, einen Bebauungsplan für das Areal aufzustellen. Die Kommune hofft auf mehr Steuereinnahmen. Das Gebiet ist zum Teil im Eigentum der Bayerischen Staatsforsten, aber es gibt auch Privat- und Rechtlerwald. Der BN will die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) anschreiben, damit der Staatsgrund nicht verkauft und der Schutz des Bannwalds nicht aufgehoben wird. Der BN-Landesvorsitzende Richard Mergner wandte sich auch an die Bauern, „die sonst sagen, sie brauchen jeden Quadratmeter“.

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BBV-Kreisobmann Zankl ist jedenfalls kein Freund des Projekts im Unterbrunner Holz. Denn neben dem Bannwald ist das Areal ihm zufolge außerdem Landschaftsschutzgebiet, auch ein Wasserschutzgebiet gebe es. „Da tue ich mir schwer“, betont Zankl, der aus Gautings Nachbargemeinde Gilching kommt. „Man sollte nicht alles zupflastern.“ Vielmehr sollte man seiner Meinung nach aufpassen, „die Natur so wenig wie möglich zu schädigen“. Seine Bedenken hat Zankl, der für die CSU im Kreistag sitzt, nach eigenen Angaben bereits der Gautinger Bürgermeisterin mitgeteilt. Er will auch nochmal mit ihr reden und klären, ob sie Alternativen sieht beziehungsweise diese schon alle geprüft worden sind. Mit einem kleineren Gewerbegebiet im Unterbrunner Holz könnte sich der Gilchinger anfreunden. Der BN schätzt derweil die Chancen für eine Klage nicht gut ein. Auch ein Bürgerbegehren hat aus Sicht der Naturschützer wenig Aussicht auf Erfolg. Allerdings erwägen sie eine Petition im Bayerischen Landtag.

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Der Fall Unterbrunner Holz wirft ein Schlaglicht auf das Thema Flächenfraß, das gerade landauf landab diskutiert wird. 2015 gingen etwa 13 ha/Tag verloren. Einer, der den Flächenverbrauch sehr kritisch sieht, ist der Landsberger Kreisobmann und Biolandwirt Johann Drexl. Der Kauferinger, der für die CSU im Kreistag sitzt, forderte bereits 2017 ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit dem Boden. „Die Grünen haben vollkommen recht“, betont er. „So kann es nicht weiter gehen.“ Drexl verweist zum Beispiel auf die Landsberger Platte. Sie gehört zu den fruchtbarsten Gegenden in Bayern. „Wenn dort zubetoniert wird, tut das weh.“ Weniger versiegelt würde laut Drexl, wenn man mehr Tiefgaragen errichten, mehr in die Höhe bauen und verstärkt innerorts verdichten würde. Was dem Kreisobmann ebenfalls nicht behagt, sind die vielen Lebensmittelmärkte auf der grünen Wiese, und das nicht nur wegen des Flächenverbrauchs. „Es ändert sich auch das Landschaftsbild.“

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Drexl verweist noch auf einen anderen Aspekt. „Wiesen und Äcker sind auch Lebensgrundlage für Pflanzen, Insekten und Wildtiere“, wird er im Landsberger Tagblatt zitiert. Und je mehr davon zugebaut werde, desto größer wird das Hochwasserproblem. Bezüglich der Ausgleichsflächen plädiert der Bio-Landwirt dafür, eine andere Lösung zu finden. „Denn da geht auch viel verloren.“

Nicht nur reden

Explizit für das Volksbegehren spricht sich der Erdinger Kreisobmann Jakob Maier aus. Der BBV sollte es unterstützen, findet er. Wobei es im Kreisverband dazu auch andere Meinungen gebe. Projekte, die den Flächenverbrauch verschärfen, gibt es im Kreis Erding genug. „Die dritte Startbahn hängt wie ein Damoklesschwert über der Region“, sagt Maier. Der Bau der Piste „wäre für uns der Super-Gau“. Dazu kämen etliche Umfahrungen und Infrastrukturprojekte. „Bei uns geht es richtig zu.“ Das Volksbegehren hat aus Maiers Sicht zwar Schwächen. Doch er findet es wichtig, das Thema auf die Tagesordnung zu bringen – „damit die Politik unter Handlungszwang ist, dass man nicht nur redet, sondern auch mal was umsetzt“. Beim Kreisbauerntag betonte Maier laut Süddeutscher Zeitung: „Wir müssen den Flächenverbrauch stoppen, ich halte das für einen Akt der Selbstverteidigung.“ Den Bau der A 94 durch das Isental bezeichnete er als „Umweltfrevel erster Güte“.

Den Flächenverbrauch sieht auch Wolfgang Scholz kritisch, Kreisobmann in Weilheim-Schongau und stellvertretender BBV-Bezirkspräsident sowie CSU-Kreisrat. „Der Umgang mit der Fläche ist zu sorglos“, sagt der Sachsenrieder. „Es ist wichtig, dass man dagegen etwas tut.“ Bei der Frage, ob der BBV das besagte Volksbegehren unterstützen sollte, rät der Sachsenrieder jedoch aufzupassen, „mit wem man sich verbündet“. Man müsse sich die Sache genau anschauen. So dürfe etwa die Planungshoheit der Kommunen nicht ausgehebelt werden, findet Scholz. Der Starnberger Kreisobmann Zankl sagt, er tue sich schwer mit einer Einschätzung des Volksbegehrens. Er will sich noch genauer informieren, „was Sache ist“.
Bei der Pressefahrt gab es noch weitere Ziele. Das Feldafinger Gewerbegebiet Wieling, Sitz einer Verpackungsfirma, hält der BN für „ein Paradebeispiel für die Zerstörung des Landschafts- und Ortsbildes“. Er spricht von einem „überdimensionierten Baukörper“, ein „unwiederbringlicher Verlust an historisch gewachsenem Siedlungs- und Landschaftsbild Wielings“ werde für immer zementiert. Mergner fühlte sich an eine Schuhschachtel erinnert, die vom Himmel gefallen ist. Für ihn „ein Anschlag auf die bayerische Kulturlandschaft“. Auch der BN-Kreisvorsitzende Günter Schorn zeigte sich fassungslos: „So etwas in die Landschaft zu setzen, ist ein Verbrechen.“
Zudem steuerte die Gruppe Pöcking an. „Kurzerhand“ wurde laut BN ein ehemaliger landwirtschaftlicher Betrieb im Außenbereich – der so genannte Schmalzhof – „zum Gewerbegebiet erklärt“, um weitere Flächen für Firmenansiedlungen anbinden zu können. Eine überregionale Planung wäre dort nach Auffassung des BN sinnvoll gewesen.
„Es herrscht Investoren- und Kirchturmdenken vor“, kritisierte Mergner. An den BBV appellierte er, sich schützend vor die Landschaft zu stellen und das Volksbegehren zu unterstützen. Über die Zulassung des Volksbegehrens „Betonflut eindämmen – damit Bayern Heimat bleibt“ will der Bayerische Verfassungsgerichtshof am 17. Juli entscheiden.
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