Login

Kunstprojekt mit Konfliktpotenzial

stoa
Roland Lory
am
11.04.2019

Landkreis Weilheim Schongau: Pollinger Bauern sind nicht einverstanden mit dem Standort einer Säulenhalle

Die geplante Säulenhalle in Polling im Kreis Weilheim-Schongau hat Josef Pröbstl schlaflose Nächte bereitet. Denn der Ortsobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV) befürchtet, dass die Landwirte an der Stelle an der Ammer in Zukunft nur noch zu erschwerten Bedingungen arbeiten können.

Die Säulenhalle, die der international renommierte, in Polling ansässige Künstler Bernd Zimmer schaffen will, bewegt im Klosterdorf die Gemüter. So wird fehlende Transparenz bemängelt. Das Landratsamt erteilte für den Sonderbau im März 2017 ohne öffentliches Verfahren eine Baugenehmigung. Im Gemeinderat wurde die Thematik lange hinter verschlossenen Türen behandelt.

Zimmer erwarb das 35000 Quadratmeter große Grundstück von einem ehemaligen Landwirt und brachte es in die 2016 gegründete Stoa169-Stiftung ein. In der 2500 Quadratmeter großen Halle sollen 169 Säulen aufgestellt werden, die Künstler aus allen Kontinenten gestalten. Es ist Zimmers „Wunschplatz“. Der Freistaat Bayern gewährt aus dem Kulturfonds einen üppigen Zuschuss. Die Rede ist von 870000 Euro.

Bei einer Informationsveranstaltung, zu der die Gemeinde Polling und die besagte Stiftung in die Tiefenbachhalle einluden und die gut 500 Bürger anlockte, zeigte sich der 70-jährige Künstler zerknirscht. Er sprach von einer „Fehleinschätzung“. Zimmer bedauerte, die Pollinger nicht besser eingebunden zu haben. „Das liegt an meiner Medienkompetenz oder – Nichtkompetenz.“ Und weiter: „Ich hätte es vielleicht anders kommunizieren sollen.“ Aber er habe das Projekt durch ein frühzeitiges Bekanntmachen nicht gefährden wollen. 2017 hatte er die Pollinger per Aushang zu einer  Veranstaltung eingeladen. 17 Bürger kamen. 

Verkehr, Gerüche und Lärm als mögliche Konfliktpunkte

Bei den Landwirten herrscht große Skepsis. Man sei nicht grundsätzlich gegen das Projekt, betonte Ortsobmann Pröbstl. Aber die Stelle an einem stillgelegten Flussarm der Ammer widerstrebt den Bauern. „Wer dort arbeitet, hat ein Problem“, betont Pröbstl. Er befürchtet Konflikte mit Besuchern, zum Beispiel was den Verkehr, Gerüche und Lärm betrifft. Zehn verschiedene Landwirte, die meisten aus Polling, haben in dem Gebiet ihre Wiesen und Äcker. Der Ortsobmann bedauerte darüber hinaus, dass der Bauernverband im Verfahren nicht um eine Stellungnahme gebeten wurde. „Wir fordern eine außerordentliche Bürgerversammlung“, unterstreicht Pröbstl. Mit „wir“ meint er die „Freunde der Natur“, ein loser Zusammenschluss, der gegen den geplanten Standort mobil macht. Auch Richeza Herrmann, Juristin an der Hauptgeschäftsstelle Oberbayern des BBV, kam zur Info-Veranstaltung. „Es ist sehr fraglich, ob dieses Bauvorhaben nach Paragraf 35, Absatz 1 Nummer 4 genehmigungsfähig ist“, sagte sie. In dem Paragraf des Baugesetzbuchs geht es um das Bauen im Außenbereich.

Diskussion über Natur und Kultur

Einen anderen Standort kann sich Zimmer nicht vorstellen. In Ortsnähe sei die Realisierung „vollkommen unmöglich“, ähnlich sieht der Künstler einen Platz im Bereich einer industriellen Bebauung. „Das könnte ich keinem einzigen Künstler zumuten.“

Kreisbaumeister Horst Nadler betonte: „Das Kunstwerk wirkt nur in der Landschaft. Daher ist es auf den Außenbereich angewiesen.“

Einer der Wortführer der „Freunde der Natur“ ist Klaus Seidler. „Sie haben meine Wertschätzung“, sagte er in Richtung Zimmer. „Ich bewundere Sie. Aber wie Sie mit der Natur umgehen, das erschüttert mich, macht mich traurig und macht mir Angst.“ Zimmer entgegnete: „Man kann daraus ein noch viel schöneres Stück Natur machen.“ Eine Besucherin wies allerdings darauf hin, dass es sich dort nicht um Natur, sondern um eine Kulturlandschaft handle.

In der Kritik steht auch der Gemeinderat. Bürgermeisterin Felicitas Betz räumte den „Fehler“ ein, „dass ich vielleicht nicht vehement genug darauf bestanden habe“, dass Zimmer früher die Öffentlichkeit sucht. Allerdings sei sie auch dem Datenschutz verpflichtet.

Die Debatte um die Säulenhalle habe „große Wunden“ geschlagen, wobei es der Diskussion „an manchen Punkten an Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit gemangelt“ habe. Betz steht hinter dem Projekt – aus ihrer Sicht eine „einmalige Chance“. Polling sei seit Jahrhunderten ein Kulturplatz. „Wenn es einen Ort gibt, wo Stoa169 gelingen kann, ist es Polling.“ Ein Besucher betonte: „Wir können stolz darauf sein, einen der größten zeitgenössischen Künstler hier zu haben.“ Die Möglichkeit, ein Bürgerbegehren zu starten, besteht im Fall der Säulenhalle übrigens nicht.

Wie viele Menschen die Halle besuchen werden, vermochte Zimmer nicht vorauszusagen. „Das ist eine reine Glaskugelgeschichte.“

Die örtlichen Bauern wird das nicht beruhigt haben. Sie befürchten, dass auch Veranstaltungen an der Säulenhalle stattfinden

Auch interessant