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Murnau-Werdenfelser und Wasserbüffel

Landschaftspflege - vom Anfang bis zum Ende

Wasserbüffel_Fini
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Sandra Schwägerl, Wochenblatt
am
11.09.2018

Josefine und Matthias Reißaus betreiben Landschaftspflege mit Murnau-Werdenfelser Rindern und Wasserbüffeln. Geschlachtet wird am Hof.

Esel_Ausgleichsfläche

Ein bisschen fühle ich mich wie ein Cowboy“, sagt Matthias Reißaus, während er an einer Kaminwurzen kaut. Doch diese Wurst stammt nicht etwa aus Südtirol, sie stammt vom Fleisch der eigenen Tiere. Und das mit dem Cowboy ist gar nicht so weit hergeholt: Reißaus hält gemeinsam mit seiner Frau Josefine 90 Murnau-Werdenfelser Rinder und 19 Wasserbüffel in Mutterkuhhaltung auf mehreren Weideflächen in den oberbayerischen Landkreisen Mühldorf und Altötting. Auch vier Esel können die beiden zu ihrem Tierbestand zählen. Im Winter sind die Tiere am Betriebsgelände in unterschiedlichen Stallungen und Laufhöfen untergebracht.

EhepaarReißaus_Raitenhaslach

Etwa die Hälfte der Tiere grast derzeit auf 20 ha eigener Weidefläche um den Hof in Oberneukirchen, die übrigen sind auf acht Weideflächen von Projektpartnern verteilt. Die Esel, für Josefine Reißaus eine „nette Truppe“, beweiden separat eine Ausgleichsfläche von einem regionalen Kieswerk. Denn Esel brauchen trockene Standorte und energiearmes Futter, erklärt die Landwirtin.

Das selbst als exotisch bezeichnete Geschäftsmodell des Ehepaars stützt sich derzeit auf zwei Beine: die Landschaftspflege durch Mutterkuhhaltung und den Fleischverkauf ebendieser Tiere. Während für Familie Reißaus die Förderung der Artenvielfalt ein großer Ansporn ist, haben ihre Partner „pragmatischere“ Beweggründe. Das zuletzt hinzugekommene Beweidungsprojekt läuft in Zusammenarbeit mit der Stadt Burghausen in Raitenhaslach. Dessen Initatorin ist Sarah Freudlsperger vom städtischen Umweltamt: „Wir sparen dadurch bares Geld, weil die Fläche nicht mehr gemäht werden muss und sich der Boden nicht weiter verdichtet“, erklärte sie.
Weiter werde durch Verbiss und Vertritt neuer Lebensraum für seltene Pflanzen- und Tierarten wie Tauben-Skabiose oder Gelbbauchunken geschaffen – in Sachen Umwelt ein „Glanzpunkt für Raitenhaslach“.
Weitere Projektpartner sind etwa die Autobahndirektion Südbayern und das örtliche Wasserwirtschaftsamt. Mit ihnen haben Matthias und Josefine Pflegeverträge abgeschlossen: Darin ist unter anderem festgehalten, dass die Bestandsdichte von Großvieheinheiten zwischen 0,6 und 1,2 pro ha liegen soll, die Zäune instand gehalten und keine chemischen Mittel eingesetzt werden sollen.
Gerade der letzte Punkt versteht sich für das Landwirtsehepaar von selbst: Landwirtschaft und Naturschutz müssen sich nicht widersprechen, da sind sich die beiden einig. Matthias spricht von einem „Mosaik an unterschiedlichen Lebensräumen“, das sich auf ihren bewirtschafteten Weiden entwickelt – unter anderem durch unterschiedlich stark beweidete Bereiche.
Als studierter Landschaftsarchitekt bezeichnet Matthias sich als Quereinsteiger in die Landwirtschaft. Josefine hingegen stammt vom „Reiserer-Hof“, auf dem die beiden mit Josefines Sohn Jakob und der gemeinsamen Tochter Romy leben und arbeiten. Noch vor einigen Jahren wurde der Hof von ihr als konventioneller Milchviehbetrieb betrieben, zuletzt mit 20 Kühen. 1992 übernahm das junge Paar den Betrieb, 2010 wurde auf biologische Bewirtschaftung umgestellt.
Gemeinsam führten sie einige Jahre lang zusätzlich ein Gartenbauunternehmen, einige jetzige Projektpartner zählten damals zu ihren Kunden. So ergab sich der Einstieg in das erste Weideprojekt im Jahr 2013 in Jettenbach. Der Bund Naturschutz bot ihnen die Beweidung mit den ersten drei Wasserbüffeln an. Die Tiere stammten aus Brandenburg, erzählt Josefine Reißaus. „Sozusagen als Lohn durften wir die Nachzucht behalten, mittlerweile haben wir neunzehn Büffel“, sagte sie stolz. Das Besondere an den Wasserbüffeln sind die Suhlen, die sich die Tiere zur Temperaturregulierung anlegen. Diese Sumpflöcher halten sie offen und bieten somit Lebensraum für Amphibien.
Die Haltung von Murnau-Werdenfelser-Rindern war den beiden eine Herzensangelegenheit und ergänzten das neue Einkommenskonzept der Landschaftspflege sehr gut, da zu den Vertragsflächen der „Reiserer“ feuchte und moorige Gebiete zählen. „Dafür sind sie gut geeignet“ erklärt Josefine Reißaus.
Die Herde wuchs, der Sommer ging vorüber und den beiden wurde klar: Für den Winter braucht‘s einen Stall für die Tiere. Ein Neubau widerstrebte Matthias und Josefine, so wurde der Altbestand genutzt und unter anderem das ehemalige Maissilo umfunktioniert. Mittlerweile haben sie am Hof einen Tretmiststall, einen Kompoststall und Außenliegeboxen für ihre Tiere. Warum so viele unterschiedliche Bauweisen? „Einfach, weil wir‘s wissen wollten“, antwortet Josefine Reißaus schmunzelnd.
Die zur Schlachtung vorgesehenen Ochsen bleiben rund drei Jahre am Hof, im Sommer genährt vom Weideaufwuchs, zu Winterzeiten vom eigenen Heu. Eingestreut wird mit Stroh, dass die Reiserers unter anderem von zwei Demeter-Partnerbetrieben bekommen – im Tausch mit dem Mist ihrer Tiere.

Nach den drei Jahren werden diese am Hof geschlachtet, etwa einmal pro Monat kommt ein Metzger mit mobiler Schlachtanlage auf den Betrieb. Für Matthias und Josefine Reißaus versteht sich von selbst, dass sie bis zuletzt bei ihren Tieren sind und ihnen das Lebensende so angenehm wie möglich machen wollen. So haben sie eine Fangeinrichtung mit Freilauf auf dem Hof, in den das zu schlachtende Tier die Stunden, bevor der Metzger ankommt, mit einigen anderen Tieren gemeinsam verbringt, um nicht allein zu sein. Damit wollen die Landwirte vermeiden, dass die Tiere in Stress geraten. Der Bolzenschuss erfolgt in der Fixationseinrichtung durch den Metzger. In der mobilen Schlachtanlage erfolgt daraufhin der Entblutungsschnitt. Der Metzger fährt ab, das Fleisch reift drei Wochen, dann wird es zerkleinert Auch da hilft Familie Reißaus mit. „Ich weiß, was die einzelnen Kunden wollen“, sagt Bäuerin Josefine. Diese werden per E-Mail-Verteiler informiert, etwa 260 Personen umfasst dieser. Außerdem beliefern sie regionale Biogastronomen. Josefine Reißaus erzählt von der Anatomie des Rindes und von verborgenen Muskeln: Auch moderne Steakzuschnitte wie Club- oder Flanksteaks können beim Reiserer bestellt werden. Zukunftsvision der beiden Unternehmer ist, allein vom Fleischverkauf leben zu können.

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