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BDM-Veranstaltung

Milchmarkt: Krisen in Zukunft vermeiden

Heger und Brunner
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Josef Berchtold, Fleckvieh
am
31.08.2017

Peißenberg - Im wahrsten Sinne des Wortes stürmisch ging es beim Milchbauernabend des BDM in Berghof zu. Ein Unwetter verschob den Auftritt von Landwirtschaftsminister Brunner.

Die Lage am Milchmarkt war in den vergangenen Jahren oft stürmisch. Im wahrsten Sinne des Wortes stürmisch ging es auch beim Milchbauernabend des BDM in Peißenberg-Berghof zu (Landkreis Weilheim-Schongau), ein starkes Unwetter sorgte für Stromausfall und sogar einen Verletzten und Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner konnte erst um 21.30 Uhr mit seinem Referat beginnen. „Ich möchte keine Vorschusslorbeeren erteilen“, so BDM-Kreisvorsitzender Bernhard Heger, aber dank Brunner seien wegweisende Entscheidungen für milchmengenreduzierende Maßnahmen getroffen worden. Das Milchmengenreduzierungsprogramm wie das Nichtsteigerungsprogramm hätten bewiesen, dass unkompliziert Milchmenge vom Markt genommen werden konnte.

„Ich nehme die Sorgen der Milchbauern gerade dann ernst, wenn man meint, das Schlimmste wäre überstanden“, sagte Brunner. Schon oft habe man erfahren, wie schnell die Preise wieder in den Keller gehen. Trotz des zuletzt gestiegenen Milchpreises sei es fahrlässig, die Hände in den Schoß zu legen und zu meinen, der Markt werde es weiterhin selbst regeln. Eine Unsicherheit seien auch die 358.000 t Milchpulver, die noch auf Lager liegen. Er unterstütze alle Ideen, die helfen, die Volatilität zu begrenzen.

Brunner verteidigte, dass für die mengenreduzierenden Maßnahmen öffentliche Gelder verwendet wurden. Das geschehe auch in anderen Bereichen, sagte er und nannte die Abwrackprämie in der Automobilbranche als Beispiel. Für künftige Krisen sollte man sich aber nicht darauf verlassen, vielmehr sollte man die Selbstheilungskräfte der Branche und der Märkte verbessern.

Kritisch sprach der Minister die oft langen Kündigungszeiten bei Milchkaufverträgen an. Auch über Warenterminbörsen sollte man nachdenken. Am wirkungsvollsten wäre es aber, bei Überschüssen die Mengen zeitlich begrenzt zurückzufahren. Er rede damit keiner einzelbetrieblichen Mengenregelung das Wort, aber er wolle auch keinen freien Markt, sondern bekenne sich zu einer sozialen Marktwirtschaft mit klaren Regeln.

Er könne sich vorstellen, dass bei absehbaren Marktproblemen und aufbauend auf die Menge des Vorjahres jeder Milcherzeuger zum Beispiel 5 Prozent weniger liefern dürfe. Diese Maßnahme sollte europaweit erfolgen, nationale Alleingänge würden von anderen ausgenutzt.

Als er mit EU-Agrarkommissar Phil Hogan über mengenreduzierende Maßnahmen gesprochen habe, gab dieser die fehlenden rechtlichen Grundlagen zu bedenken. Brunners Antwort: „Dann schaffen sie die rechtlichen Möglichkeiten!“

Über die neue Agrarpolitik ab 2020 werde längst verhandelt. Da England ein Nettozahler war, verliere man durch den Brexit 3 bis 4 Mrd. €. Brunner plädiert für eine weiterhin ausgewogene Förderpolitik und möchte am Zweisäulenprinzip festhalten, zugleich die Prämien für die ersten Hektare erhöhen und Grünlandbetriebe stärker unterstützen.

Wie es einem Milchbauern geht, der stark investiert hat und innerhalb von sieben Jahren drei Milchkrisen miterlebte, darüber sprach Georg Lang aus Schwabsoien. Familie Lang hielt 1997 noch 30 Kühe, baute 2008 einen Laufstall und vergrößerte den Betrieb auf jetzt 110 Kühe, das ganze mit viel Fremdkapital und einem Zinssatz von 4,75 %.

Maschinenringarbeiten und eine Quersubventionierung durch die PV-Anlage halfen ihnen, die Milchkrisen zu überstehen. Durch einen schweren Arbeitsunfall fiel er als Betriebsleiter für längere Zeit aus, nur durch den guten Zusammenhalt in der Familie konnte diese Zeit überbrückt werden. Lang beschrieb die Belastungen, die sich nicht nur finanziell, sondern auch menschlich für die Familie ergeben. Und er verdeutlichte, dass seine Söhne auf Dauer nicht bereit seien, außerlandwirtschaftliches Einkommen in den Betrieb zu stecken. „Ich bin stolz, wenn die Söhne den Betrieb weiterführen“, sagte Lang, „wenn es aber nicht geht, werden sie den Schlüssel umdrehen!“

„Die Grenze der Belastbarkeit und der Leidensfähigkeit ist in vielen Betrieben überschritten“, sagte Thomas Bertl vom BDM-Kreisteam. Lob zollte er Brunner für dessen Einsatz für mengenreduzierende Maßnahmen, den er sich auch von der Bundesregierung wünsche. Bertl: „Es ist schade, dass Sie angeblich in Ruhestand gehen möchten. Es wäre gescheiter, sie machen Minister in Berlin!“

Bundesvorsitzender Romuald Schaber sprach von einem historischen Ort, an dem der BDM-Abend stattfand. Vor 60 Jahren habe die Landessiedlung das Gut Berghof bei Peißenberg aufgekauft, es aufgeteilt und damit acht Bauernfamilien eine Perspektive gegeben. Genau das möchte auch der BDM, sich für kostendeckende Milchpreise einsetzen und den Bauern eine Perspektive geben.

Die Milchkrise habe den Milchbauern 7 Mrd. € gekostet. Gewinner war vor allem die verarbeitende Industrie mit Firmen wie Nestle oder Dr. Oetker, die stark von den tiefen Rohstoffpreisen profitiert hätten. Diese 7 Mrd. € fehlten dem ländlichen Raum. „Wir hätten sie investiert, wenn wir sie gehabt hätten“, so Schaber.

Dass bei Bedarf wieder Aktivitäten geplant sind, darauf stimmte Landesvorsitzender Hans Leis die Bauern ein. „Es ist angedacht, das Thema Milch wieder auf die Straße zu bringen“, sagte Leis zum Abschluss der Veranstaltung, die von der Milchbauernmusik des BDM umrahmt wurde.

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