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Agrar-Familie 2017

Ein Ort der Begegnung

Agrarfamilie
Roland Lory
am
27.09.2017

Der Hoimahof in Schöffau (Obb.) ist die Heimat von Familie Hindelang und könnte es auch für behinderte und alte Menschen werden. Das jedenfalls ist ein ausgezeichnetes Projekt von Anni und Josef Hindelang.

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Im oberbayerischen Voralpenland mangelt es nicht an schmucken Plätzen. Ein Ort, der einen besonderen Reiz auf den Besucher ausübt, ist der Weiler Höldern bei Schöffau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Dort hält Familie Hindelang Milchvieh, betreibt Forstwirtschaft und bietet Urlaub auf dem Bauernhof an. Ein weiteres Standbein – ein Sozialprojekt – ist im Aufbau.
Mit diesem nahmen Hindelangs beim Wettbewerb „Agrar-Familie 2017“ teil und haben den 1. Preis in der Kategorie Soziales errungen. Das Vorhaben hat mit Inklusion zu tun. Inklusion beschreibt eine Gesellschaft, in der jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt teilhaben kann und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen.

Inklusion nicht nur in der Theorie

Bäuerin Anni Hindelang (40) möchte erreichen, dass Schulkinder mit Behinderung und solche ohne Handicap gemeinsam einen Ausflug machen und eine schöne Zeit auf dem Hoimahof verbringen. Vorher, so der Gedanke, könnten sich die beiden Schulklassen brieflich austauschen und damit schon mal kennenlernen. Allerdings gestaltet sich das in der Realität schwierig. „Im Schuljahr ist das nicht unterzubringen“, bedauert Hindelang. „Das Jahr ist vom Lehrplan her so durchstrukturiert, dass das nicht geht.“ Doch sie und ihr Mann Josef (40) geben nicht auf. Sie hoffen, dass sich Lehrer finden, die sich trauen, so ein Projekt zu starten.

Stadtkinder kommen auf den Hoimahof

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Kinder sind jedoch auch jetzt schon  häufig auf dem Hof zu Gast. Heuer fahren insgesamt elf Kindergartengruppen nach Höldern. Sie kommen alle aus München. Der Kontakt entstand über Feriengäste. Die Kleinen sind meistens von Mittwoch bis Freitag auf dem Hof und haben somit viel Zeit, den Hof und seine Umgebung zu erkunden. „Sie  verbringen zum Beispiel einen halben Tag bei Wind und Wetter im Wald“, erzählt Anni Hindelang, die Hauswirtschaftsmeisterin und Ernährungsfachfrau ist. Die Kinder machen Nachtwanderungen und sind auch beim Melken und Füttern der Milchkühe dabei. Hindelangs haben in ein behindertengerechtes WC und einen Gemeinschaftsraum investiert. Dieser befindet sich im alten Kornkasten. Dort ist Platz für Veranstaltungen für bis zu 25 Personen. Auch bei schlechtem Wetter kann man es hier gut aushalten.
Doch es sind nicht nur Kindergartenkinder, die das Anwesen unsicher machen. Hindelang ist überzeugt: Auch Klassen der nahen Rottenbucher Don-Bosco-Schule werden wieder zu Besuch kommen. Denn deren Ausflugsmöglichkeiten seien begrenzt. Bei dieser Einrichtung handelt es sich um ein Förderzentrum der Regens-Wagner-Stiftung. Bereits seit 2009 gehört Hindelang dem Elternbeirat an. Die jüngste Tochter Marlene geht dort zur Schule. Die 13-Jährige ist Epileptikerin und wird nie lesen und schreiben können.
Mit Marlene hat auch ein weiteres Projekt der Hindelangs zu tun. Sie möchten einen Teil des alten Stalls ausbauen, um dort eine Tagespflege für Senioren einzurichten. Ein Gruppen- und ein Aufenthaltsraum sollen entstehen. Die Tagespflege, so der Gedanke, könnte ein Träger organisieren. Dieser würde die Senioren morgens bringen und am Spätnachmittag wieder abholen. Im Rahmen dieses Vorhabens soll auch ein Arbeitsplatz für Marlene entstehen. „Das wäre unser Ziel“, betont Landwirtschaftsmeister Josef Hindelang.

Arbeitsplatz für Tochter Marlene

Die Tochter könnte dort hauswirtschaftliche Arbeiten übernehmen. Vielleicht ergeben sich dabei aber auch noch Arbeitsmöglichkeiten für andere Menschen, so die Überlegung der Hindelangs. Marlene hat noch vier Jahre an der Rottenbucher Schule vor sich. Bis dahin soll die Tagespflege gestartet sein. Doch das Projekt ist noch nicht genehmigt, der Bauantrag noch nicht eingereicht. Es wird sich noch herausstellen, ob das Vorhaben im Außenbereich möglich ist, und die Fachbehörden ihr Plazet geben. Hindelangs zeigen sich jedenfalls zuversichtlich. Unterstützung bekommen sie auch. „Der Bauernverband hilft uns bei der Antragstellung“, sagt die Bäuerin. „Das Ganze beginnt Formen anzunehmen und zu reifen.“
Die Hauswirtschaftsmeisterin engagiert sich darüber hinaus beim Projekt „Landfrauen machen Schule“. Dabei werden ein Besuch auf dem Bauernhof und eine Unterrichtseinheit in der Schule kombiniert; jede Ernährungsfachfrau bietet spezielle Themen rund um Landwirtschaft und Ernährung an. Anni Hindelang hat das Projekt heuer bei sechs Grundschulen im Kreis Garmisch-Partenkirchen durchgeführt mit den Themen Milch, Tischregeln und Hygiene. Gut kam bei den Schülern das Thema Burger an: Sie wurden gemeinsam zubereitet und gezeigt, woher die Zutaten kommen.
Die Aus- und Fortbildung junger Menschen ist für Anni und Josef Hindelang wichtig. Seit 10 Jahren werden  auf dem Hof Landwirtschaftsschüler ausgebildet, zudem kommen regelmäßig Praktikantinnen der Hauswirtschaft. Außerdem kommen Schüler des Berufsgrundschuljahrs sowie Besucher der Almakademie Eschenlohe.

Familienbetrieb mit vielen Stärken

Das Betriebsleiterpaar Anni und Josef Hindelang hat drei Töchter. Außer Marlene sind das Anna (17), die  sich im ersten Ausbildungsjahr Landwirtschaft befindet, und Barbara (15). Sie macht seit August in Murnau eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Darüber hinaus leben Opa Anton (75) und Oma Franziska (74) auf dem Hof. Anton Hindelang war lange Jahre Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung Ammer Loisach. Wenn Kindergärten zu Besuch sind, packt auch Anni Hindelangs Mutter Anni Andre (67) mit an. Ist etwas zu reparieren, ist Vater Karl (63) zur Stelle. Im Stall des Hoimahofs stehen 50 Milchkühe plus Nachzucht. Zum Anwesen gehören 48 ha Grünland und 38 ha Wald. Die Milch wird an die Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau eG geliefert.
Der Hoimahof ist uralt, es gibt ihn seit 1507. Früher gehörte er zum Kloster Rottenbuch. Nicht unerwähnt bleiben soll die zum Anwesen gehörende Kapelle. Dekan Robert Walter weihte das kleine Gotteshaus 2016 offiziell ein – ein großes Fest für die Familie und viele Gäste. 2013 war mit dem Bau begonnen worden, wobei Hindelangs auf viele fleißige Helfer zählen konnten. Die Familie hatte sich schon lange mit dem Gedanken getragen, wieder eine Kapelle zu bauen. Die alte war um 1950 im Zuge des Straßenbaus abgerissen worden. Die neue hat nun einen schönen Platz im Obstgarten.

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