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Direktvermarktung

Regionalprodukte rund um die Uhr

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Redaktion Wochenblatt, Wochenblatt
am
07.12.2016

Erhartingen - Maria und Christian Mittermüller haben in ihrer Milchtankstelle in Erharting auch einen Automat mit weiteren heimischen Erzeugnissen.

Maria und Christian Mittermüller

!Früher hast du allein die Landwirtschaft gehabt und das Einkommen hat gereicht; aber jetzt brauchst du einen Zuerwerb“, sagt Christian Mittermüller. Und da zeigen sich der 37-Jährige und seine Frau Maria (33) sehr einfallsreich. Im September haben sie auf ihrem Aussiedlerhof bei Erharting (Lks. Mühldorf) eine Milchtankstelle eröffnet, die es in sich hat. Tatsächlich handelt es sich um einen „Regiomat“, in dem verschiedenste regionale Produkte aus eigener Erzeugung sowie von Landwirten aus der Umgebung angeboten werden. 24 Stunden pro Tag können sich die Kunden bedienen.
Auslöser für die Milchtankstelle war nach Aussage des Ehepaars der miserable Milchpreis. Untergebracht ist der Regiomat neben der Maschinenhalle in einem schmucken Holzhäuschen. „Diese angenehme Atmosphäre ist unserer Meinung nach wichtig; wo man sich wohlfühlt, nimmt man sich Zeit zum Betrachten und Einkaufen und kommt auch gerne wieder“, so der Betriebsleiter. Bewusst wurde der Standort etwas weiter entfernt vom Wohnhaus gewählt, damit sich die Kunden unbeobachtet fühlen können.
Andererseits dürfen sie ruhig von außen einen Blick in den angrenzenden Kuhstall werfen. Der wurde 2011 gebaut. Aufgrund der beengten Lage in Erharting hatte sich das Paar entschlossen auszusiedeln. Am alten Hof standen 30 Kühe in Anbindehaltung, jetzt sind es im modernen Laufstall mit Curtains 60 Stück Fleckvieh-Milchkühe plus Nachzucht. „Der Stall ist nicht auf Menge ausgelegt“, betont der gelernte Landwirt. Zum einen, „weil wir immer schon Züchter waren“. Erfolgreiche, wie jüngst „Ronja“ bewies. Bei der Tierschau zum 120-jährigen Jubiläum des Zuchtverbandes Traunstein wurde sie Reservechampion bei den Erstkalbskühen. Auf dem Betrieb werden auch Zuchtstiere aufgestellt, zudem ist man in Sachen Embryonentransfer unterwegs. Der Stalldurchschnitt beträgt 9000 kg.
Auf mehr Kühe verzichtet wurde auch deshalb, weil man nicht um jeden Preis pachten will und sich Sorgen machen muss, ob vielleicht Flächen wegfallen, weil andere mehr zahlen können als Milchbetriebe. 40 ha umfassen die Eigenflächen, 10 ha Grünland und 30 ha Acker mit Kleegras, Mais und Weizen. „Das reicht, lieber haben wir weniger Getreide“, sagt Christian Mittermüller.
Das Ehepaar handelt wohlüberlegt und das in jeder Beziehung. Schon mit Anfang 20 hat sich Christian Mittermüller einen Nebenverdienst mit dem Verdichten in Fahrsilos aufgebaut. Außerdem ist er, ebenfalls über den Maschinenring, im Winterdienst tätig und räumt bei Einkaufszentren die Parkplätze frei. Montags übernimmt er zudem Kälbertransporte.
Deshalb steht ein Melkroboter im Stall. „Wenn Christian in Sachen Lohnarbeit unterwegs ist, kann ich die Stallarbeit gut allein bewältigen“, erzählt Maria. Sie stammt aus der Landwirtschaft – ein Bruder hat den elterlichen Hof übernommen – und ist mit Leib und Seele Bäuerin. Gelernt hat sie Groß- und Außenhandelskauffrau – „bei Landtechnik Gruber in Ampfing, weil ich im Bereich Landwirtschaft bleiben wollte“ –, später absolvierte sie den einsemes­trigen Studiengang Hauswirtschaft.
Das könnte für zusätzliche Kreativitätsschübe gesorgt haben. Jedenfalls gehen beiden die Ideen nicht aus. Das sieht man am Beispiel Milchtankstelle. Vor der Einweihung wurden die kahlen Flächen der zwei Automaten – einer für die Milch, der andere mit den Flaschen und den weiteren Lebensmitteln – ansprechend fürs Auge mit Fotofolien vom Hof und der Familie liebevoll versehen, Flyer entworfen und verteilt. Danach ein Hofschild an der Straße aufgestellt sowie Inserate geschaltet. „Du musst Werbung machen, es heißt nicht umsonst ,Friss Vogel, oder stirb‘“, bemerkt Christian.
Werbung allein ist indes nicht alles. Auf dem Hof werden 160 Hühner in 2-Gruppen-Haltung mit Auslauf ins Grüne gehalten. Die „Eier von glücklichen Hühnern“ sind nun ganzjährig im Regiomat zu haben, Suppenhühner und Masthähnchen saisonal. Aus der hofeigenen Milch stellt ein Lohnkäser halbfesten Schnittkäse her. „Er holt die Milch ab und käst, der Käse reift dann bei uns“, erzählt Maria. In mehreren Geschmacksrichtungen ist er zu haben, von Knoblauch-, Chili- und Bockshornklee- bis zum Schnittlauchkäse, wobei die Kräuter nach Möglichkeit frisch aus dem Bauerngarten stammen. Saisonal gibt es außerdem selbst eingelegtes Gemüse aus dem Garten, etwa Zucchini süß-sauer.
Eine weitere Spezialität sind die geräucherten Fische. Die hatten Tradition auf dem Betrieb, der alte Fischrechte besitzt, woher auch der Hofname Fischerbauer kommt. „Früher haben wir zum Beispiel am Karfreitag 400 Fische geräuchert, aber im Laufe der Jahrzehnte sind die Leute weniger geworden, die deshalb zu uns kamen“, so Christian. Nachdem Vater Josef die letzten Jahre für den Hausgebrauch geräuchert hatte, lässt man die Tradition nun erfolgreich aufleben. Der alte Räucherofen steht an der neuen Hofstelle, jetzt wird jeden Freitag Fisch frisch geräuchert. Mit welchem Holzmehl, wird natürlich nicht verraten.
Dies gilt ebenso für das überlieferte hauseigene Rezept für die Sur beim geräucherten Fleisch. Nur so viel: Das Fleisch wird hell geräuchert, also warm. Vier Sorten sind im Angebot, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Wammerl, wer’s deftig mag, Schweinehalsgrat, Unterschale sowie Lendchen für diejenigen, die dem Fett eher abgeneigt sind. Das Schweinefleisch kommt von Bauern aus der Umgebung, geschlachtet und zerlegt wird von einem kleinen Schlachtbetrieb. Für kurze Transportwege und regionale Herkunft ist also gesorgt.
Ob eigenerzeugt oder von Kollegen, oberste Devise für Maria und Christian Mittermüller ist „Alles vom Bauern – alles regional“. Zur gesamten Palette gehören Honig und Kartoffeln von einem Bauern aus der Nähe sowie frische Landbutter, Frucht- und Naturjoghurt aus einer kleinen Hofmolkerei. Maria meint: „Wir haben Produkte, wie sie sonst auf einem Bauernmarkt zu finden sind – nur dass sie 24 Stunden am Tag erhältlich sind.“ Dieses Angebot sei nicht als Konkurrenz zu Bauernmärkten zu sehen, sondern als Ergänzung. Die 33-Jährige bezeichnet die Einkaufsmöglichkeit gerne als moderne Art der Direktvermarktung: „Und das passt zu unserem Hof; wir sind ein moderner Milchviehbetrieb mit Melkroboter und dazu gehört nun eine Milchtankstelle mit frischer Landmilch und Regiomat.“
Der Vorteil für sie sei, nicht zu festen Zeiten in einem Hofladen anwesend sein zu müssen und so die anderweitigen Arbeitsabläufe wie gewohnt erledigen und sich um die beiden Töchter Bernadette (2½) und Veronika (9 Monate) kümmern zu können. Wobei das Betriebsleiterpaar den Kunden natürlich gerne für Auskünfte zur Verfügung steht. Generell sehen die beiden den Regiomat als Möglichkeit, sowohl Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben als auch auf die guten regionalen Produkte der heimischen Erzeuger hinzuweisen und für faire Preise Verständnis zu erzeugen.
In eigener Sache haben sie schon wieder eine neue Idee. Geräuchertes Fleisch von Herbst bis Ostern anzubieten und dann fertig mariniertes Grillfleisch – abholbereit für Kurz­entschlossene auch abends oder sonntags. Die Qualität ihres Angebots hat sich ohnehin bereits in der kurzen Zeit seit der Eröffnung he­rumgesprochen: „Wir sind zufrieden mit der Resonanz, der Milch- und Regiomat wird gut angenommen.“
Mal hielt abends ein Wagen mit jungen Leuten, aus den geöffneten Fenstern schallte laute Musik. Dadurch wurde das Landwirtspaar auf sie aufmerksam: „Die haben sich frische Milch geholt und bald darauf war auch schon das nächste Auto da.“ Freunde, vermuten Maria und Christian, die sich ebenfalls vor dem Discobesuch zum Krafttanken einfanden. Im Sinne aller Milcherzeuger sei zu wünschen, dass auch auf diese Art die Jugend wieder mehr Lust auf heimische Milch entwickelt.

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