Login
Milchwirtschaft

„Retten, was noch zu retten ist“

19 Milchbauernmusi
Maria Horn
am
20.08.2019

Hubert Aiwanger beim BDM-Milchbauernabend im Berchtesgadener Land: Für Angebotspolitik, parteiübergreifende Bauernhilfe und gegen Großbetriebe und den Wolf.

19 Aiwanger

Mittelständische bayerische Milchviehwirtschaft als Garant für die Vielfalt der ländlichen Räume – ob und wie das möglich ist, damit beschäftigte sich der kürzlich abgelaufene Milchbauernabend des Bundes deutscher Milchviehhalter (BDM) im Kreis Berchtesgadener Land. Antworten darauf erwarteten sich die Zuhörer vom stellvertretenden Bayerischen Ministerpräsidenten und Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Seine Kernaussage im Hinblick auf die Preissituation für die Lebensmittelerzeuger: „Wir brauchen eine nachfrageorientierte Angebotspolitik. Da gebe ich dem BDM Recht. Hier haben wir einen Systemfehler, denn der Landwirt erfährt erst im Nachhinein, was er für sein Produkt bekommt.“

Stasi-System im Allgäu?

Mit Blick auf den, vor wenigen Wochen bekannt gewordenen, Tierschutzfall in einem Groß-Milchviehbetrieb im Allgäu meinte der Minister: „Trotz allem was aufgedeckt worden ist, handelt es sich um Hausfriedensbruch. Ein solches Stasi-System dürfen wir nicht einreißen lassen. Wir lassen unsere Betriebe kontrollieren, aber nicht von einer selbsternannten Tierschutzpolizei.“ Aiwanger weiter: „Kostendruck und Unterbezahlung führt zu solchen Exzessen“, und prangerte die immer größerwerdenden Höfe an.

Klar sprach sich der stellvertretende Ministerpräsident auch gegen den Vorschlag aus, auf Fleisch einen Mehrwertsteuersatz von 19 % einzuführen und diese Mehreinnahmen dann für tiergerechten Stallbau zu verwenden. „Das ist eine Milchmädchenrechnung, die in die Hose geht. Wir brauchen eine Marktpolitik, die die Existenz sichert. Und der Schlüssel liegt darin: der Erzeuger muss mehr Marktmacht bekommen“.

Als politisches Versagen bezeichnete Johannes Pfaller, BDM-Bundesbeiratsvorsitzende und Vorstand des European Milk Board das Verlassen der Sozialen Marktwirtschaft. Der BDM habe die Lösungen, die die Bauern brauchen.

Klares Nein zum Wolf

Nachdem im Berchtesgadener Land die Almwirtschaft sowohl einen wirtschaftlichen als auch touristischen Faktor darsstellt, nahm Aiwanger auch Bezug zum Thema Wolf. „Wenn Wölfe Viehherden bedrohen, kann eingegriffen werden. Und deshalb bitte ich auch um Verständnis für die Jäger und die Bauern vonseiten der Öffentlichkeit“, so sein klares Statement. Der Faktor Tourismus stelle ein Nebeneinkommen zur Nahrungsmittelproduktion dar. In diesem Zusammenhang bedankte sich Aiwanger für den Beitrag zu Landschaftspflege, die von den Bauern geleistet wird. Im Hinblick auf die Waldpflege sagt der Minister. „In Bayern gibt es 700 000 Waldbauern. Es ist eine falsche Debatte, über die Stilllegung von Wäldern zu reden. Deshalb müssen wir Technik und Förderprogramme anbieten. Denn nur ein gepflegter Wald ist ein guter Wald.“ Im Verlauf seiner Rede kam Aiwanger auch auf die Düngeverordnung zu sprechen. „Es hat sich herausgestellt, dass einige Messstellen nicht aussagekräftig sind. Das wird derzeit geprüft."

Parteiübergreifende Maßnahmen zum Bauernerhalt

Aiwangers Fazit: „Wir brauchen unsere Bauern. Ich tue mein Bestes, um zu retten was noch zu retten ist.“ Die bäuerlichen Betriebe bezeichnete er als gesellschaftliches Element. "Wenn das verloren gehen würde, dann ist unser Land nicht mehr das, was es ist. Wir Politiker müssen über die Parteigrenzen hinweg die Maßnahmen zum Erhalt der Bauern ausrichten“, so die selbstkritische Forderung des Vize-Ministerpräsidenten.

Unschuldige Verbraucher?

„Der Verbraucher hat keine Schuld, der hat auch seine Probleme und passt sich nur an. Das Kernproblem sind die Systeme“, stellte BDM-Mann Pfaller fest und forderte: „Wir müssen Zugriff auf den Markt haben und haben nur eine Chance: Wir brauchen eine eigene Branchenorganisation.“

Es sei einfach, auf andere zu schimpfen, aber das Gesamtsystem nicht in Frage zu stellen.

Teisendorf in Zahlen

Marktbürgermeister Thomas Gasser stellte den Besuchern des Milchbauernabends die Marktgemeinde in Zahlen vor. Die Kommune umfasst 84 km2 und hat rund 9400 Einwohner. Es gibt 300 aktive landwirtschaftliche Betriebe, davon 120 im Haupterwerb, die durchschnittliche bewirtschaftete Fläche beträgt 16,5 Hektar. In der Gemeinde Teisendorf werden 31 Höfe als Biobetriebe geführt, durchschnittlich stehen 34 Kühe im Stall. Gasser hatte noch weitere interessante Zahlen parat: im Jahr 1900 hat ein Landwirt vier Personen ernährt, im Jahr 1950 waren es 10 Personen, im Jahr 2004 hat ein Betrieb bereits für 140 Menschen Lebensmittel erzeugt.

Auch interessant