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Familientradition

Spargelanbau - da schmeckt nicht nur der Kopf

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Helga Gebendorfer
am
23.04.2018

Bei der Spargelbauernfamilie Rehm hat der Geschmack oberste Priorität: Sie bauen ihren Spargel ohne Folie und setzen auf historische Sorten.

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Einen völlig anderen Weg im Spargelanbau gehen Josef und Christine Rehm aus Linden im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Seit einem Geschmackstest vor 20 Jahren ist für sie die Folie tabu und im Anbau sind heute nur noch heimische und historische Sorten. Denn das A und O ist für Familie Rehm, die Privatkunden in den Vordergrund zu stellen, die regelmäßig einkaufen. „Hier zählt eben der Geschmack und der geht schon bei der Sorte los“, stellen sie fest.

Josef Rehm übernahm vor 30 Jahren den 18 ha großen elterlichen Betrieb, auf dem bereits seit 1965 Spargel angebaut wird. Während die Eltern den Hof mit Milchkühen und Legehennen im Vollerwerb bewirtschafteten, stellte der Sohn auf Nebenerwerbslandwirtschaft um. 1981 wurde geheiratet und sechs Jahre später übernahmen die jungen Eheleute den Betrieb mit 20 Milchkühen und 0,6 ha Spargelfläche. Für den Jungbauern begann fortan eine ziemlich stressige Phase, denn neben den täglichen Stall- und Melkzeiten war er zusätzlich mindestens die Hälfte der Wochenenden eines Jahres im Betrieb eingespannt. „Mir wurde mit der Zeit klar, dass es so nicht weiter gehen kann“, blickt er zurück. Da der Milchpreis zu wünschen übrig ließ, entschieden sich die Rehms im Jahr 2010, sich von den Kühen zu trennen und sich noch mehr auf das Edelgemüse zu konzentrieren. So wurde die Spargelanbaufläche auf aktuell 1,2 ha erweitert. Damals wurde auch kräftig investiert in eine Kühlung, Wasch- und Schneidemaschine, Dammfräse und Lieferfahrzeug – insgesamt rund 50 000 € nahmen sie dafür in die Hand.

Regelmäßige Hilfe

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2010 richtete die Familie schließlich in der ehemaligen Werkstatt einen 20 m² großen Verkaufsladen ein, in dem neben Spargel die eigenen Kartoffeln angeboten werden. Wurden früher in der Spargelsaison zusätzlich zu den Familienmitgliedern Helfer aus der Verwandtschaft eingespannt bzw. zwei bis drei Mitarbeiter aus der Region gewonnen, helfen jetzt regelmäßig vier rumänische Saisonarbeitskräfte. Für ihre Unterbringung kaufte die Familie zwei Wohn- und einen Wasch-/WC-Container. Die ausländischen Kräfte sind zuständig für die Ernte und das Waschen der Ware. Christine Rehm übernimmt die Sortierung, das Nachschneiden und den Verkauf. „Wir haben keine Sortiermaschine, bei uns geschieht alles noch per Hand“, erklärt sie.

Besserer Geschmack

Sicher, die Folie bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich: höheren Ertrag, Verfrühung, einmaliges Stechen pro Tag und Anpassung an die Witterung. Doch bei einem Experiment vor zwei Jahrzehnten mit einem zweimaligen Testessen stellten die Spargelanbauer fest, dass es bei sonst gleichen Voraussetzungen deutliche Unterschiede im Geschmack gibt. „Seitdem steht für uns fest, dass wir keine Folie verwenden“, so Familie Rehm, die gleichzeitig neben dem Geschmackskriterium auf den Umweltschutz verweist, den sie durch den Folienverzicht unterstützt.

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Ein weiterer Aspekt bestärkte die Rehms im Laufe der Zeit: Während sich einst die Auswahl auf zwei Spargelsorten beschränkte, setzen heute viele Spargelanbauer auf marktführende, holländische Sorten. „Auch hier haben wir ausprobiert und waren mit dem Geschmackserlebnis nicht zufrieden“, berichtet Christine Rehm. Aus diesem Grund baut der Betrieb seit 2005 nur noch auf die deutschen Hybridsorten Ramada und Ramires. „Freilich sind die holländischen Sorten weißer, schöner, gerader und gleichmäßiger, doch die deutschen schmecken besser“, informieren sie.
Dem nicht genug: Vor drei Jahren bekamen die Direktvermarkter vom Slow-Food-Berater aus Ingolstadt den Anstoß, wieder alte, historische Spargelsorten anzubauen. Daraufhin machten sich die Rehms auf die Suche und wurden bei der Deutschen Spargelzucht in Alt Mölln in Schleswig-Holstein fündig. So starteten sie letztes Jahr auf knapp 3000 m² eine Versuchsfläche mit verschiedenen alten Sorten wie „Huchel’s Leistungsauslese“, die älteste im Anbau befindliche Bleichspargelsorte. Deren Erntestangen sind nicht immer gerade und nicht besonders einheitlich in der Sortierung, aber geschmacklich ist die Liebhabersorte bis heute unübertroffen. Zudem probierten es die Rehms mit dem Grünspargel „Ariane“ – eine schnellwüchsige und faserarme Sorte mit kräftigem Geschmack, sowie mit „Burgundine“, mit lila gefärbten Erntestangen. Im Anbau verlangen diese drei alten Sorten sicherlich einiges ab: sehr hoher Wuchs, deshalb schlechte Standfestigkeit und windanfällig, sowie geringer Ertrag. Doch dafür punkteten sie enorm im diesjährigen Test. „Der Geschmack ist so fein und überragend, dass sie die deutschen Hybridsorten eindeutig übertroffen haben. Da schmeckt noch die ganze Stange, nicht nur der Kopf“, berichtet Rehm.

Weitgereiste Kunden

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Die Spargelvermarktung erfolgt über drei Schienen: ab Hof, an Gaststätten und über Märkte. Im Hofladen, der in der Saison täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet ist, verkauft Christine Rehm den Spargel an Privatkunden, wobei die Hälfte als Stammkundschaft gewonnen wurde. Sie kann sowohl Leute aus der Ortschaft als auch Kunden bis zu 200 km Entfernung begrüßen. Diese nehmen bei ihrem Einkauf bis 20 kg Spargel mit nach Hause.

Die Gaststätten im Umkreis von bis zu 200 km beliefert Josef Rehm zweimal wöchentlich. Für die regelmäßige Liefertour werden die Stangen in Kühlboxen mit Eis verpackt. Zudem werden pro Woche drei Märkte in Landsberg am Lech, Rain am Lech und Schrobenhausen angefahren. Hier ist Josef Rehm mit einem Verkaufsstand mit Tisch und Marktschirm vor Ort.
Vor 15 Jahren startete der Direktvermarkter den Anbau von Grünspargel, der im Laufe der Zeit eine ständige Steigerung erfuhr. Heute nimmt dieser ein Drittel der Verkaufsmenge ein. „Unser Spargel kostet ein bis zwei Euro pro Kilogramm mehr als übliche Ware“, gibt der Spargelanbauer Auskunft. Der Grund ist der Mehraufwand. So wird der Spargel ohne Folie einmal pro Saison mit der Hand gegen Unkraut gehackt. Zudem gibt es keine Sortiermaschine, sondern die Stangen werden von der Nebenerwerbsbäuerin nach Gefühl in vier Sortierungen eingeteilt: Klasse I, Klasse II und jeweils Spitzen sowie Klasse III und Babyspargel. Grünspargel wird in dick und dünn sowie zusätzlich je nach Sorte in hell und dunkel eingestuft.
Neben dem Spargel werden im Hofladen zudem Kartoffeln aus eigenem Anbau angeboten: die vorwiegend festkochende Sorte „Quarta“, die rotschalige, goldfarbene, vorwiegend festkochende „Laura“, und die festkochende „Ditta“ – alle ungespritzt. Pro Jahr werden auf dem Spargelhof zwei bis drei Busse zu kostenlosen Führungen mit Spargelverkauf empfangen. Werbung wird nur über die Homepage www.spargel-rehm.de gemacht.
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