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Ausbildung

In Teams mit allen Sinnen lernen

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Dietmar Fund
am
09.08.2018

Erlebnis Bauernhof: Schweinezüchter Sonja und Günther Kurz aus Unterneukirchen informieren angehende Grundschullehrer über das Programm.

Die 43 Jahre alte Landwirtin Sonja Kurz ist Neuem und der Öffentlichkeit gegenüber immer aufgeschlossen. Deshalb machte die Mutter von vier Kindern auf Anregung des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Töging 2013 die 16-tägige Ausbildung zur Erlebnisbäuerin. Alternativ dazu kann man auch eine eintägige Informationsveranstaltung besuchen, mit der man in das seit 2012 angebotene Programm „Erlebnis Bauernhof“ eingewiesen wird. Es richtet sich an Schulkinder für Grundschul- und Übergangsklassen der Jahrgangsstufen 2 bis 4 sowie an Schulkinder von Förderschulen aller Jahrgangsstufen. Sie sollen bei Landwirten, die Wissen und Emotionen vermitteln, drei bis vier lehrreiche Schulstunden verbringen und dabei in Teams und „mit allen Sinnen“ lernen.
Das haben im konventionell bewirtschafteten Schweinemastbetrieb von Sonja Kurz und ihrem Mann Günther 2017 rund 600 Kinder in etwa 20 Gruppen getan. Die beiden sind Routiniers und nutzen einen ausgebauten Stadel, den sie mit Biertischgarnituren und Sitzpolstern ausstaffiert haben. Deshalb hatten Sieglinde Eicher, Leiterin der Landwirtschaftsschule beim AELF Töging, und ihre Lehrerin Margarete März, die Ansprechpartnerin für das Programm ist, im Juli ein gutes Dutzend Anwärterinnen für das Lehramt an Grundschulen auf den Grundnerhof eingeladen. Eine zweite Veranstaltung organisierten sie für den Landkreis Mühldorf beim Milchviehbetrieb Voglmaier in Kraiburg am Inn.
Nach einer kurzen Information von Amtsleiter Josef Kobler über die Landwirtschaft im Landkreis Altötting erläuterte Sieglinde Eicher in Unterneukirchen einige Einzelheiten des Programms, die auch aus der Perspektive von Landwirten interessant waren. „Der Landwirt muss ein Programm bieten und dafür nicht nur durch den Betrieb führen“, betonte die Schulleiterin. „Ich rate dazu, den Besuch vorher zu besprechen und die inhaltlichen Schwerpunkte miteinander abzusprechen. Thematisieren kann man zum Beispiel die regionale Erzeugung von Lebensmitteln, das Tierwohl oder gesunde Ernährung.“ Ratsam sei auch die Vor- und Nachbereitung im Unterricht.

Angebot auch für Nebenerwerb möglich

Eicher stellte klar, dass auch Nebenerwerbsbetriebe das Programm anbieten können. Die Mindestgröße seien jedoch für die meisten Betriebszweige acht Hektar bewirtschafteter Fläche. Zur Durchführung müssten die Betriebe einen Vertrag mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) schließen und unter anderem sicherstellen, dass ihre Haftpflichtversicherung auch dieses Programm abdecke. „Vergütet wird dem Landwirt jeder Besuch mit einer Aufwandspauschale von 170 Euro einschließlich Umsatzsteuer“, berichtete die Schulleiterin. „Die An- und Abreise sowie einen etwaigen Imbiss müssen die Schulen selbst organisieren und bezahlen.“ Ansonsten müssten die Lehrerinnen die Gruppen nur begleiten und „Ausreißer“ einfangen.
Was ein Betrieb, der Schweine züchtet und mästet, für die Pauschale tun muss, zeigte das Gastgeber-Ehepaar den jungen Damen bei einer Betriebsbesichtigung. Sonja Kurz stellte der Gruppe zunächst „Ferdinand, das Hausschwein“ vor. Die Kinder lernen es kennen, nachdem sie zuerst im Heulager toben durften. Ferdinand ist eine Handpuppe, die wie die Ferkel eine Ohrmarke trägt. Mit ihr singt Sonja Kurz ein Begrüßungslied, bevor sie ihre Schutzkleidung anlegen, die der Hof selbst bereithält. Mit roten Mänteln geht es dann in die Abferkelstation, wo die Kinder Ferkel auf den Arm nehmen können, Familie Kurz Fragen stellen können. Die beiden machen den Rundgang durch die Ställe immer zu zweit, um kleinere Gruppen bilden zu können. Nach dem „Ferkel-Kindergarten“, wo die Würfe von sechs Muttersauen beieinander sind, geht es in die „Schweineschule“ mit Spielmöglichkeiten und zuletzt in den Stall, in dem die Tiere nach sieben Wochen als Mastschwein 120 Kilogramm Lebendgewicht erreichen. Von dort holt sie ein Landwirt aus der Nachbarschaft ab, der sich auf das Schlachten spezialisiert hat.
Weiter stellt Sonja Kurz in der Maschinenhalle Weizen, Mais, Soja, Gerste und Raps vor, die der Betrieb selbst anbaut und bis auf den Raps selbst verfüttert, ergänzt durch zugekaufte Gerste. Die Kinder sehen nicht nur geschälte Körner und die Sojabohne, sondern auch die zugehörige Pflanze. Sie dürfen Körner aus der Ähre lösen und die Sojabohnen probieren. Auch die Fruchtfolge wird ihnen erklärt
Am Hühnermobil dürfen die Kinder die Eier in Schachteln packen und bei der letzten Station Hasen, Ziegen und Pferde streicheln, getreu dem Motto von Sonja Kurz „Ferkel, Hühner, Pferde, Ziegen – alles Tiere zum Verlieben.“

Wenig Vor- und Nachbereitung

Mittlerweile erforderten die Besuche nur wenig Vor- und Nachbereitung, berichtete Sonja Kurz. Um den laufenden Betrieb nicht zu stören, biete sie maximal zwei Termine pro Woche an. Kurz empfängt mittlerweile auch Kindergartengruppen und Mutter-Kind-Gruppen, deren Besuch nicht gefördert wird. Von solchen Gruppen verlangt sie eine vergleichbare Pauschale. „Unser Angebot kommt bei allen gut an. Die Leute sind positiv überrascht und sagen, wie gut es unseren Tieren ginge und dass sie mehr Platz als erwartet hätten“, bilanziert Günther Kurz.
Weil die Anfragen der Schulen und Kindergärten schon von alleine kommen, bewirbt der Hof „Erlebnis Bauernhof“ nicht. Sonja Kurz empfiehlt Anfängern aber, sich den Schulen vorzustellen, weil sie sonst nur auf einer Internetseite vermerkt sind. Das AELF Töging verschickt höchstens einmal im Jahr nach den Pfingstferien eine Liste freier Termine bei den momentan sechs Höfen im Landkreis Altötting. „Wir könnten durchaus noch drei bis vier weitere Betriebe gebrauchen“, sagte AELF-Schulleiterin Sieglinde Eicher.
Wie sie berichtete, kann das Programm das ganze Jahr über durchgeführt werden, weil es einen Raum für schlechtes Wetter voraussetzt. Einige Betriebe räumten dazu eine Garage leer oder nutzten eine Lager- oder Maschinenhalle dafür. Die Termine ballten sich aber vor und nach den Sommerferien.
Eicher empfiehlt Bäuerinnen, die sich für das Programm interessieren, die 16-tägige Qualifizierung zur Erlebnisbäuerin, die die AELF bayernweit organisieren. Sie umfasst außer pädagogischen Grundlagen auch die Kalkulation und die Vermarktung der neu gewonnenen Fähigkeiten auch über Mutter-Kind-Gruppen, Senioren oder Menschen mit Handicap. Informative Informationen zur Thematik halten die AELF gedruckt und im Internet bereit.

Die Anwärter waren begeistert

Nach dem Besuch auf dem Grundnerhof erklärte Patrick Maier, er habe ihm viel Spaß gemacht und sei super-abwechslungsreich gewesen. Den Kontakt zu den Landwirten habe er sehr gut gefunden, sagte der Fachlehrer-Anwärter für die Hauswirtschaftsschule, dessen Mutter ihren landwirtschaftlichen Betrieb aufgegeben hat. Auch Veronika Bley kann sich vorstellen, mit einer Klasse auf den Hof zu fahren, der so viele verschiedene Facetten biete.

Ab September beginnt die auf einem Hof aufgewachsene Junglehrerin ihr Referendariat. Auch Teresa Hammer, deren Großeltern einen Bauernhof hatten, hat die „ganzheitliche Begegnung“ gut gefallen, bei der Kinder viel anfassen könnten. Franziska Sonderhauser, die sich noch im ersten Ausbildungsjahr befindet, ist mit der Rindermast, einer Pferdepension und der Biogasanlage ihrer Eltern aufgewachsen. Die für sie neue Schweinehaltung fand sie gut erklärt und sie schätzte es, dass sie zu allem ihre Fragen stellen konnte. Die Futtermittel seien sehr anschaulich beschrieben worden, das sei mit Kindern gut umsetzbar, hob sie weiter hervor.

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