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Obstbau

Apfelanbau beschäftigt ganzjährig

Familie Herbst
Patrizia Schallert
am
23.02.2018

Während der Erntewagen die Arbeit erleichtert, sieht Obstbauer Johann Herbst Familienbetriebe durch die Verteilung von Fördergeldern in Gefahr.

Das Rad für die Landwirtschaft muss nicht neu erfunden werden.“ Stattdessen fordert Johann Herbst vergleichbare Rahmenbedingungen für die bäuerliche Urproduktion. Eine Flächenförderung, die nur großen Betrieben in die Hand spiele, lehnt der Obstbauer aus dem steirischen Neudorf ab.

Als Johann Herbst mit seiner Frau Monika 1986 den elterlichen Milchviehbetrieb übernommen hatte, sah er keine Zukunft in der Tierhaltung mehr. „Ein Hof mitten im Dorf und nur zwölf Hektar Nutzfläche – da lässt sich weder ein Betrieb erweitern, noch ausreichend Grundfutter erzeugen.“

Weil sich der landwirtschaftliche Facharbeiter schon immer für Obstbau interessiert hatte, setzte er zwei Jahre nach der Übernahme auf den Apfelanbau. Nach und nach pachtete die Familie Flächen zu. Heute bewirtschaftet sie 38 ha, auf denen zu 50 % die Apfelsorten Golden Delicious, zu 30 % Gala und zu jeweils 10 % Idared und Braeburn reifen. Für die Anlage einer 10 000 m² großen Plantage mit 3300 jungen Bäumen, den Gerüstbau für das Hagelschutznetz, das Netz selbst und die Arbeitskosten muss ein Obstbauer tief in die Tasche greifen. „Da kommen schonmal 40.000 bis 50.000 € zusammen.

Hagel kann großen Schaden anrichten

Hof Herbst Obstbau

Die Obstplantagen des Betriebs sind komplett mit Hagelschutznetzen abgedeckt. Die dafür vorgesehene Förderung nimmt der Landwirt bewusst nicht in Anspruch. „Die Zeit ist sehr schnelllebig und wenn meine Tochter den Hof übernimmt und vielleicht keinen Obstbau betreiben will, muss sie die Fördergelder zurückzahlen, die an Bewirtschaftungsfristen gebunden sind. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen.“

Seine Obstgärten treibt Herbst im 15-Jahre-Rhythmus um. Die jungen Bäume erzeugt er in seiner eigenen Baumschule. Im ersten Standjahr gibt es keine Ernte, im zweiten einen annehmbaren Hektarertrag und ab dem vierten und fünften Jahr tragen die Bäume voll.
Der 58-Jährige ist nicht nur Landwirt mit Leidenschaft, er setzt sich auch als Vizeobmann des „Österreichischen Unabhängigen Bauernverbands Steiermark“ intensiv für seinen Berufsstand ein. „Ich will freier Unternehmer sein. In der Produktion und Vermarktung habe ich mich unabhängig gemacht, abhängig bin ich einzig und allein von der Natur.“

Fördergelder abschaffen

Herbst kritisiert die seiner Meinung nach unfair verteilten Fördergelder. „Die gehören abgeschafft, es werden ohnehin zu viele Nahrungsmittel produziert. Noch nie wurde soviel davon weggeworfen wie heute.“ Das Bauernhofsterben und die Hektarverschuldung der Betriebe seien auf ein bisher nicht gekanntes Niveau geklettert. „Wenn es auch in Zukunft bäuerliche Familienbetriebe geben soll, müssen die Ausgleichszahlungen an deren besondere Bedürfnisse angepasst werden und nicht nur auf den Hektar bezogen erfolgen“, sagt Herbst. Umso mehr freut sich der Obstbauer, dass er aufgrund seiner umsichtigen und vorausschauenden Wirtschaftsweise immer wieder von Berufskollegen aus dem In- und Ausland für Beratungen konsultiert wird.

Wer denkt, ein Obstbauer hätte nur während der Ernte viel zu tun, der irrt sich. „Arbeit haben wir das ganze Jahr“, betont Herbst. Im Frühjahr veredelt er die Bäume für die Baumschule und pflanzt auf seinen eigenen Flächen. Ebenfalls im Frühjahr werden die Bäume sorgfältig auf Schadeinflüsse wie den Blütenstecher, den Apfelwickler, die Apfelsägewespe, Mehltau und Schorf kontrolliert.

Nach der Blüte, Anfang bis Mitte Mai, werden die Hagelschutznetze auseinandergelegt. In der ersten Juliwoche beginnt Herbst mit seiner Tochter Andrea, der künftigen Hofnachfolgerin, und den Saisonarbeitskräften händisch die Früchte minderer Qualität zu entfernen und ihre Anzahl zu reduzieren. „Bei einem drei Zentimeter großen Apfel ist erkennbar, ob er die notwendige Größe und Qualität erreichen wird oder Formfehler aufweist.“ Ist beispielsweise ein Kerngehäuse nicht vollständig ausgebildet, wächst der Apfel schief und ist damit nicht mehr marktfähig.

Durch einen Sommerschnitt der Obstbäume im August erhalten die Früchte mehr Licht und dadurch mehr Farbe. Ende August bis Anfang September beginnt der Betrieb mit dem Pflücken, Ende Oktober ist die Ernte abgeschlossen und die Hagelschutznetze werden geschlossen. Dann erfolgt der Winterschnitt und die alten Bäume werden gerodet. Von der Rodung sind jährlich rund 2,5 ha Betriebsfläche betroffen.

Das Unkraut und Gras auf den Fahrstreifen werden mit einem Mulchgerät entfernt, die Baumstreifen chemisch freigehalten – auch mit Glyphosat. „In unseren Äpfeln sind aber keine Glyphosatrückstände nachweisbar“, versichert der Landwirt. Der Betrieb ist „AMAG.A.P.“-zertifiziert. Dieses Gütesiegel der AMA für Obst, Gemüse und Speisekartoffeln ist durch den internationalen Qualitätssicherungsstandard „GlobalG.A.P.“ anerkannt und damit weltweit gültig. „Vor jeder Ernte werden Äpfel entnommen, versiegelt und in einem Labor untersucht. Dabei wurden noch nie Grenzwerte überschritten“, betont Herbst.

Bei den aufwändigen Tätigkeiten in den Obstplantagen wird der Betrieb Herbst von Saisonarbeitskräften aus Osteuropa unterstützt. Für die Ernte sind bis zu 25 Personen erforderlich.

Mehr Effizienz bei der Apfelernte

Obstgarten Herbst

„Unsere Arbeiter schätzen die modernen Arbeitsabläufe auf unserem Betrieb sehr “, stellt der Landwirt fest. „Niemand muss beim Winterschnitt, Ausdünnen oder Ernten lange zu Fuß durch die Plantagen gehen, weil die Produktion wie an einem Fließband funktioniert.“ Gemeinsam mit einem Kollegen hat Herbst einen Erntewagen für die effiziente Arbeit entwickelt und gebaut. Auf beiden Seiten des Gefährts sind ausziehbare Plattformen auf unterschiedlicher Höhe angebracht. Auch die Erntekisten auf dem Anhänger sind individuell höhenverstellbar. Herzstück des Erntewagens ist die Fernsteuerung zur Justierung der Bewegungsabläufe. „Seit wir dieses Gerät einsetzen, muss niemand mehr auf dem Traktor sitzen, es kann überall am Erntewagen befestigt werden.“

Mit der Fernsteuerung wird der Traktor gestartet und abgeschaltet, nach vor- und rückwärts, nach rechts oder links bewegt, die Motordrehzahl verändert und die Geschwindigkeit auf maximal 8 km/h erhöht, die Zapfwelle ein- und ausgeschaltet. Ein ausgefeiltes Hydrauliksystem hebt den Erntewagen an oder senkt ihn ab. „Steile Hänge oder enge Baumreihen sind kein Problem mehr“, erklärt Herbst. Mit einem Handgriff lässt sich die Maschinerie von Fernsteuerung auf Handbetrieb umstellen.

Das Erntesystem der Familie Herbst wurde vor sieben Jahren mit dem Innovationspreis der Landwirtschaftskammer Steiermark prämiert. Sein technisches Konzept hat der Landwirt verkauft und das System wird auf Bestellung von Landmaschinenherstellern gebaut. „Inzwischen wird unsere Erntetechnik auch im Gemüsebau eingesetzt.“
Für die Lagerung mietet der Landwirt spezielle Lagerräume in der Umgebung an. Dort werden Temperatur, Luftfeuchtigkeit, der Sauerstoff- und Kohlenstoffdioxidgehalt auf dem gewünschten Niveau gehalten. „Diese Lagertechnik wird vor allem bei Äpfeln eingesetzt“, erklärt Herbst. Die Kosten sind zwar höher als bei der traditionellen Kühllagerung, aber dafür sind die Äpfel ganzjährig verfügbar.

Das Tafelobst des Betriebs wird entweder direkt ab Ernte oder über das Jahr zu 90 % ins Ausland nach Kroatien, Ungarn, Slowenien oder Deutschland verkauft, der Rest regional, allerdings nicht ab Hof. Das Industrieobst vermarket der Landwirt in verschiedenen EU-Ländern oder regional.

Klimawandel und Importe als Gefahr

Der europäische Obstbau sei dem internationalen Warenverkehr mit Billigimporten ausgeliefert: „Wenn das so weitergeht, haben viele bäuerliche Familienbetriebe in der EU keine Zukunft.“

Weiteres Problem sieht Johann Herbst im Klimawandel. Die Landwirtschaft habe mit zunehmenden Wetterkapriolen zu kämpfen, vor allem Hagelniederschläge haben in der Region des Betriebs zugenommen. Durch die Hitzeperioden sei vermehrter Schädlingsbefall und eine steigende Vielfalt der Schädlingsarten zu verzeichnen.

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