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Betriebsideen

Arche-Hof - Steil und klein und erfolgreich

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Patrizia Schallert
am
11.04.2018

Der Arche-Hof Ellmauer hat sich mit vielen Standbeinen eine Existenz geschaffen.

Spital am Pyhrn/Oberösterreich Johanna und Siegfried Ellmauer führen einen Arche-Hof. Denn es geht dem Ehepaar um den Erhalt alter Nutztierrassen, damit ihr wertvolles Erbgut auch für künftige Generationen bewahrt wird und die bäuerliche Produktionsvielfalt bereichern kann. Die Familie Ellmauer ist überzeugt, dass sich die artgerechte Haltung von alten Rassen sehr wohl mit den ökonomischen Erfordernissen der modernen Landwirtschaft vereinbaren lässt.

„Wir sind keine grünen Spinner oder verklärte Romantiker, nur weil wir einen Arche-Hof haben“, sagen Johanna und Siegfried Ellmauer. „Im Gegenteil, auch als kleinstrukturierter Bergbauernbetrieb leisten wir einen, wenn auch kleinen, Beitrag zur Lebensmittelproduktion und einen großen Anteil zum Erhalt der Kulturlandschaft in den Alpen.“ Politik und Gesellschaft täten gut daran, die Arbeit der bäuerlichen Familien, die in extremen Hanglagen wirtschaften, mehr zu schätzen und besser zu unterstützen.

Schwerpunkt alte Nutztierrassen

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Es war ein lang gehegter Traum, den sich die Johanna und Siegfried Ellmauer vor elf Jahren mit dem Kauf eines aufgelassenen Hofs auf mehr als 800 m Höhe in Oberweng bei Spital an der Pyhrn erfüllt haben. Mit viel Eigenleistung, Holz aus ihrem Forstbetrieb und zahlreichen Helfern wurde das „Thurnergut“ von Grund auf wieder in Gang gebracht. „Sogar die Schindeln haben wir selbst gefertigt“, erinnert sich Siegfried Ellmauer. Ein Jahr nach dem Kauf bezog er das Anwesen mit seiner Frau Johanna und den Kindern Johanna (16), Siegfried (10) und Magdalena (9).

Alte Nutztierrassen

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„Nachdem in Österreich viele jahrtausendealte Nutztierrassen in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr von der Hochleistungstierzucht verdrängt worden waren, haben wir uns für den Erhalt seltener und vom Aussterben bedrohter Nutztiere entschieden.“ Während Siegfried als Diplom-Ingenieur für Forstwirtschaft an der Land- und Forstabteilung Oberösterreich tätig ist, kümmert sich Johanna um die Familie und die Tiere. Die gelernte Köchin und landwirtschaftliche Facharbeiterin ist auf einem nahegelegenen Bauernhof aufgewachsen und genießt den Wiedereinstieg in die bäuerliche Urproduktion.

Mit Urlaub am Bauernhof kombiniert

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„Auf unserem Hof kann ich Freiheit spüren und Lebensfreude tanken“, lächelt die 36-Jährige. „Dieses Gefühl möchten wir auch unseren Urlaubsgästen vermitteln.“ Dafür wurden im Wirtschaftsgebäude mit seinen Stallungen auch drei Ferienwohnungen eingerichtet. Damit sich die Gäste so richtig wohlfühlen und erholen, gibt es im Erdgeschoss neben einem Aufenthalts- und Spieleraum auch eine Zirbenholz-Sauna mit einem urigen Ruheraum. Auf Anfrage erwartet die Urlauber des Doppelzimmers ein herzhaftes, von der Betriebsführerin zubereitetes Bauernfrühstück.

Auf dem bereits 1325 beurkundeten Thurnergut bewirtschaftet die Familie 5 ha Grünland, 4 ha Weide und 5 ha Bergmischwald mit sieben verschiedenen Baumarten. Der Tierbestand umfasst vier Tuxer Mutterkühe samt Zuchtstier, sechs Stück Jungvieh, zwei Pinzgauer Mutterkühe mit vier Nachkommen, fünf weibliche Pinzgauer Ziegen, acht Alpine Steinschafe mit zehn Lämmern, zwei Schweine der hochgefährdeten Rasse Turopolje und zwei Islandponys. Dazu warten noch ein Hund, zwei Katzen und zwei Kaninchen auf die Streicheleinheiten der Urlaubsgäste.
Der Betrieb ist in die Erschwerniszone 3 des österreichischen Berghöfekatasters eingestuft. Das bedeutet, dass mehr als ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche nicht maschinell bewirtschaftbar sind. Ab Mai weiden die Nutztiere auf den steilen Heimweideflächen rund um den Betrieb. Während die Tuxer Mutterkühe und der Stier den Sommer auf der Mausmayr-Alm (1250 m) verbringen und die Ochsen auf die Arlingalm (1200 bis 1600 m) ziehen, bleiben die zwei Pinzgauer Mutterkühe, die Ziegen und Schafe auf dem Hof.

Holzasche als wertvoller Dünger

Ab Ende Oktober sind wieder alle Tiere im Stall, wo ihnen Heu und Trockensilage vorgelegt werden. Kraftfutter erhalten die Tiere nicht, auf den Flächen wird ausschließlich organischer Dünger ausgebracht. „Weil wir sowohl unser Wohnhaus als auch die Ferienwohnungen mit eigenem Brennholz beheizen, fällt viel Asche an“, erklärt Siegfried Ellmauer. Der Holzasche mischt er Kalk bei und verstreut sie als Dünger bei den Unterständen auf den Hofweiden und auf der neu angelegten Streuobstwiese mit seltenen heimischen Birnen- und Apfelsorten. „So schließt sich der Kreislauf, außerdem hat die Asche eine desinfizierende Wirkung auf den Boden.“

Direktvermarktung und Zuchtviehverkauf

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Der 50-Jährige bedauert den starken Schwund des Kreislaufdenkens im bäuerlichen Wirtschaften. „Wir versuchen, die Philosophie unserer Vorfahren weiterzuführen und alles zu verwerten, das auf dem Hof entsteht. „Abfall- und Entsorgungsprobleme kennen wir deshalb nicht.“

Die Wirtschaftlichkeit des Betriebs schließt sich durch die Direktvermarktung und den Verkauf von Zuchttieren. Die weiblichen Rinder werden zum Teil nachgestellt, die männlichen im Alter von vier Monaten kastriert und nach zwei Alpsaisonen mit rund 24 Monaten als Alm- ochsen geschlachtet, das Fleisch in Mischpaketen oder veredelt ab Hof an rund 100 Privatkunden vermarktet.
Männliche Ziegenkitze und Lämmer werden vorwiegend zu Ostern und im Herbst geschlachtet, die weiblichen Tiere entweder nachgestellt oder verkauft. Das Fleisch älterer Tiere lassen Ellmauers zu Wurst verarbeiten. „Die ersten Jahre waren eine harte Zeit, bis wir unseren Kundenstamm aufgebaut hatten“, blickt der Landwirt zurück. „Es war ein ungutes Gefühl, als wir im Verwandten-, Bekannten- und Freundeskreis mit den eigenen Produkten hausieren gingen.“ Die hohe Qualität der Produkte aus dem Thurnerhof hat sich jedoch bald herumgesprochen und ihr Verkauf zum Selbstläufer entwickelt.

Auch als Kleinbetrieb sehr wirtschaftlich

Siegfried Ellmauer ärgert sich, dass kleinen Betrieben sowohl von der Politik als auch von der Standesvertretung immer wieder die Existenzfähigkeit abgesprochen werde. „Aber die vielen kleinstrukturierten Bauernhöfe tragen genauso zur Lebensmittelproduktion bei wie große Betriebe.“ Dass die übertriebene Profitmaximierung, der Maschinenwahn und die Spezialisierung auf nur einen Betriebszweig nicht der richtige Weg sei, hätten schon viele Berufskollegen zu spüren bekommen. Sie seien getrieben vom System und durch die Devise „wachse oder weiche“ teilweise in die Überschuldung geraten. „In Politik und Gesellschaft muss endlich ein Umdenken stattfinden, damit dem rasanten Agrarstrukturwandel nicht noch mehr landwirtschaftliche Familienbetriebe zum Opfer fallen und eine flächendeckende Landbewirtschaftung auch in den benachteiligten Berggebieten mit ihren Steillagen künftig noch gesichert bleiben kann.“

Ziel für Studenten und Bergsteiger

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Johanna und Siegfried Ellmauer haben ihren Weg gefunden und sich neben der Direktvermarktung und dem Urlaub auf dem Bauernhof weitere Standbeine aufgebaut.

Nachdem Arche-Höfe verpflichtet sind, sich für Exkursionen zu öffnen, finden auf dem Thurnergut Arbeitsprojekte mit Studenten aus dem Umwelt- und Agrarbereich statt. Zudem ist der Hof ein Alpenverein-Vertragshaus, das von Bergsteigern gerne für Übernachtungen genutzt wird.
Johanna Ellmauer gewährt als zertifizierte Almpädagogin Jung und Alt einen Einblick in die Artenvielfalt der Pflanzen- und Tierwelt im Naturraum Alm. Siegfried wiederum vermittelt in drei- oder sechsstündigen Freilandprogrammen fast vergessenes Arbeitswissen der einfachen Bergbauern, Almleute und Holzknechte. „Es ist wichtig, dieses alte Kulturgut zu erhalten. Deshalb zeige ich den Teilnehmern, wie Lärchenschindeln hergestellt oder regionaltypische Weidezäune und Hütten in Rundholz-Blockbauweise errichtet werden.“
Außerdem bietet der leidenschaftliche Wald- und Almführer Erlebniswanderungen an. So richtig zu leuchten beginnen aber seine Augen, wenn er von der Kooperation des Thurnerhofs mit dem österreichischen Alpenverein spricht.
Freiwillige Helfer vom Alpenverein

Die Bergwald- und Bergbauernhilfe-Projekte werden über das Internet ausgeschrieben. Einmal jährlich, meist im Mai, kommen Frauen und Männer im Alter von 20 bis 80 Jahren auf das Thurnergut und leisten dann gegen freie Kost und Logis innerhalb einer Woche rund 300 Arbeitsstunden ab. Ob Holzarbeiten, Zäune bauen, Unkrautpflege, die Tätigkeiten der Helfer am Hof, im Forst und auf der Alm sind vielfältig und für die Familie Ellmauer eine große Hilfe.

„Die tatkräftige Unterstützung dieser Menschen ist aber nicht nur ein Segen für uns, sondern trägt über die Helfer als Multiplikatoren auch zur Bewusstseinsbildung der Gesellschaft für die harte Arbeit der Bergbauern bei.“
Das Landwirtepaar blickt mit Optimismus in die Zukunft. „Was wir heute an Wissen über unsere nachhaltige Wirtschaftsweise und den Erhalt vom Aussterben bedrohter Nutztierrassen an die Menschen weitergeben, trägt sicher dazu bei, dass kleine Bergbauernhöfe auch noch in den kommenden Jahrzehnten existenzfähig sind.“
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