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Schafzucht

Artgerecht ist mehr als Auslaufhaltung

Patrizia Schallert
am
21.08.2017

Hirschbach - Familie Freudenthaler aus dem Mühlviertel betreibt ihren Schafbetrieb ökologisch. Für noch mehr Tierwohl dürfen die Lämmer statt einer Woche ganze zwei Monate bei den Müttern bleiben. Die Tiere sind dadurch entspannter.

Freudenthaler

Die Schafhalter blieben – wenigstens bislang – von der öffentlichen Tierwohldiskussion verschont. Warum das so ist, weiß Ernst Freudenthaler vom „Biohof Abraham“ in Hirschbach im Mühlviertel. „Schafe werden nicht auf Spaltenböden gehalten und der Verbraucher verbindet mit diesen Tieren, dass sie auf der Weide sind – und Weidegang setzt der Konsument mit Tierwohl gleich.“ Der Biobauer kritisiert dennoch das „Heile-Welt-Bild“, das der Verbraucher im Kopf hat. Die landwirtschaftsfremde Bevölkerung verniedliche die Nutztiere und vergesse dabei, was den Tieren wirklich gut tut. „Nutztiere sind nun einmal Nutztiere und keine Haustiere“, betont Freudenthaler. „Umso mehr haben die bäuerlichen Familien den Bildungsauftrag, der Bevölkerung die moderne Landwirtschaft wieder näherzubringen.“
Freudenthaler selbst verbindet die artgerechte Tierhaltung nicht nur mit dem Auslauf auf die Weide. „Sie beginnt mit ausreichend Platz im Laufstall, der mit Stroh eingestreut wird, einer ausgewogenen Fütterung und endet mit einem fürsorglichen und respektvollen Umgang mit den Tieren.“ Seinen Tieflaufstall belegt Freudenthaler täglich mit Stroh und mistet ihn rund sechsmal jährlich aus. Für die Einstreu werden jährlich zehn Tonnen Stroh zugekauft. Für noch mehr Tierwohl wurde auf dem Biohof ein neues Projekt gestartet: Statt wie bisher eine Woche lang dürfen die Lämmer jetzt zwei Monate bei ihren Müttern bleiben. Die Tiere wirken seither sichtbar entspannter.
„Für mich war es allerdings weit weniger entspannend und ich dachte mir nur, da musst du durch“, schmunzelt der Biobauer. „Jetzt geht es im Stall zu wie in einem Freizeitpark. Besonders wenn die Muttertiere fressen, veranstalten die Lämmer regelrecht Wettrennen durch den ganzen Stall.“ Tragfähige Erfahrungswerte mit dem längeren Verweilen der Lämmer bei ihren Mutterschafen fehlen dem Betriebsleiterpaar noch. Im Blick haben sie vor allem die Eutergesundheit der Muttertiere, die meist Zwillinge und Drillinge auf die Welt bringen. Die Milchleistung der Schafe hat sich durch das längere Beisammensein der Mütter und Lämmer bislang nicht verändert. Die tägliche Menge fällt zwar geringer aus, dafür geben die Tiere länger Milch. „Der Arbeitsaufwand bei den Lämmern ist immens zurückgegangen, weil die tägliche zeitintensive künstliche Aufzucht der Jungtiere wegfällt“, betont Freudenthalers Lebensgefährtin Manuela Pürmair.
Weniger Arbeitsaufwand erhöht die Lebensqualität, die in der Familie einen großen Stellenwert hat. „Würden wir die Milch nur an die Molkerei abliefern, müssten wir eigentlich zusperren oder die Herde auf 200 Mutterschafe aufstocken. Durch unsere eigene Käseproduktion ist die Wertschöpfung wesentlich höher.“ Außerdem haben Pürmair und Freudenthaler mit einer Verdrängungskreuzung über ihre Lacaune-Böcke begonnen, einer Zweinutzungsrasse. Als zweites Standbein des Betriebs wurde die ehemalige Wohnung des Betriebsleiterpaars auf dem Hof zu einer 45 m² großen Ferienwohnung ausgebaut, die im Sommer sehr gut ausgelastet ist.
So reibungslos und wirtschaftlich wie heute lief es auf dem Betrieb nicht immer. Als Ernst Freudenthaler mit seiner Lebensgefährtin im Jahr 2002 seinen elterlichen Betrieb mit 18 ha Grünland und 12 ha Wald übernommen hatte, standen im Stall noch dreizehn Fleckviehkühe. Zwei Jahre zuvor war der Hof bio-zertifiziert worden. „Bald nach der Übernahme haben wir auf Schafe, die Fleischrasse ‚Merino‘ umgestellt, 80 Tiere eingestallt und den Betrieb im Nebenerwerb weitergeführt“, sagt der landwirtschaftliche Facharbeiter und Forstwirtschaftsmeister. „Aber es war nicht das, was wir uns vorgestellt hatten“, blickt Manuela Pürmair zurück. „Das Einkommen war sehr unregelmäßig und der Arbeitsaufwand stand in keiner Relation zum Erlös.“

Abmachung hat Handschlagqualität

Erst durch die Umstellung auf 100 ostfriesische Milchschafe und zwei Lacaune-Böcke wurde die Führung des Betriebs im Haupterwerb möglich, allerdings stand das Verkäsen der hofeigenen Milch damals noch in den Sternen. Mit der Vermarktung der Schafmilch landete das Betriebsleiterpaar gleichwohl einen Glückstreffer. Bis heute stellt der Direktvermarkter und Bio-Landwirt Karl Ortner in Gutau aus seiner Schafmilch Topfen und Frischkäse her und hat für seine Produkte zu wenig eigene Milch. „Inzwischen liefern wir rund zwei Drittel unserer Milch im eigenen 500 l Transporttank nach Gutau“, sagt Freudenthaler. Einen schriftlichen Abnahmevertrag gibt es nicht, als Preisgrundlage dient der Jahresdurchschnittswert der Landwirtschaftskammer. „Unsere Abmachung basiert auf Vertrauen und hat wie früher Handschlagqualität.“
Aus einer Not heraus begannen Freudenthaler und Pürmair vor sieben Jahren selbst mit der Produktion von Schafkäse. „Als unsere Schafe damals zu viel Milch produzierten und Ortner nicht so viel abnehmen konnte, lieferten wir sie an eine Molkerei in Melk. Dort erfuhren wir, dass sie Bedarf an Blauschimmelkäse haben.“ Blauschimmelkäse aus Schafmilch ist Mangelware und wird in Österreich nur von drei Produzenten hergestellt, einer von ihnen ist jetzt der Biohof Abraham. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, hatte sich das Betriebsleiterpaar damals gedacht. Ein kleiner Pasteur war bereits vorhanden, das notwendige Know-how erwarb Freudenthaler in einem einwöchigen Intensiv- und einem anschließenden Vertiefungskurs an der Bundesanstalt für Alpenländische Milchwirtschaft Rotholz in Jenbach in Tirol. „Käsen ist grundsätzlich einfach. Der Hund liegt im Detail. Es braucht nämlich viel Fingerspitzengefühl, damit der Käse immer dieselbe Qualität hat und denselben Geschmack wie sein Vorgänger aufweist.“

Experimentierfreude zahlt sich aus

Freudenthaler

Mittlerweile entstehen in der kleinen Käserei im Mühlviertel jährlich rund 1300 kg Käse wie der „Rote und der Blaue Abraham“, ein tilsiterartiger Schnittkäse, verfeinert mit Chili, Pfeffer oder Bockshornklee, ein weiterer Käse nach Art des Pecorino und der Blauschimmelkäse. Nachdem Freudenthaler recht experimentierfreudig ist, versucht er sich derzeit an der Herstellung eines geräucherten Käses nach Gouda-Art. „Mit unseren Produkten kommen wir unserem Milchabnehmer Ortner nicht in die Quere, der sich auf Frischkäse und Topfen spezialisiert hat.“ Die Vermarktung der acht Bio-Schafkäsesorten erfolgt über den Einzelhandel, die Gastronomie, den Direktvermarkter Ortner und ab Hof. „Einen Hofladen haben wir noch nicht“, sagt die landwirtschaftliche Facharbeiterin Pürmair „Wer etwas kaufen will, ruft an oder klingelt an der Haustür.“
Mit einem Stalldurchschnitt von rund 300 kg sorgen Freudenthalers Schafe dafür, dass immer ausreichend Milch für die Herstellung des hochwertigen Käses vorhanden ist. „Wir legen unser Hauptaugenmerk auf die Qualität der Milch und nicht auf die Leistung unserer Tiere“, erklärt das Betriebsleiterpaar. Der Fett- und Eiweißgehalt der Milch variiert fütterungs- und laktationsbedingt. Auch im Sommer, wenn die Schafe Tag und Nacht auf der Weide sind, wird das Hauptfutter, das aus 70 % Gras, 20 % Leguminosen und 10 % Kräutern besteht, im Stall vorgelegt.
Für die eigene Zucht wird ein Fünftel der Lämmer nachgestellt. Die restlichen Jungtiere werden auf dem Biohof sechs bis acht Wochen lang aufgezogen und an Züchter, Mäster und an Hobbylandwirte verkauft. „Der Selbstversorgungsgrad an Lämmern beläuft sich in Österreich auf nur 77 %. Deshalb sind unsere Lämmer im Grunde schon verkauft, bevor sie geboren wurden“, sagt der Biolandwirt. Im Herbst werden die Milchschafe trockengestellt, geschoren und ihre Klauen, wie schon im Frühjahr, im eigenen Klauenpflegestand zum zweiten Mal gepflegt. Dann hat die Familie zwei Monate Melkpause und lebt vom Käseverkauf und Freudenthaler hat endlich auch Zeit für sein langjähriges Hobby, das Bierbrauen. Jährlich produziert er rund 700 l „Abrahambräu“ für den Eigenbedarf.      

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