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Vorgaben

Balanceakt zwischen Paragraphen

Weidehaltung_86
Paul Kannamüller
am
03.04.2018

Bio Austria Salzburg stellt klar: Bei Weidegang gibt es keinen „Spielraum“ mehr.

Salzburg Es ist halt alles ein bisschen komplizierter, wenn es um die Regeln in der biologischen Landwirtschaft geht. Und wer sich ein bisschen mit den Paragraphen beschäftigt, der kann da schon so manchen Interpretationsspielraum entdecken, der dann auch ganz legal genutzt wird. So geschehen im Land Salzburg, wo viele Mitglieder der Bio Austria die eingeschlagene „schärfere Gangart“ bei der Weidehaltung wohl nicht mehr akzeptieren wollen und dem Verband die Gefolgschaft aufkündigen. Dennoch vertritt Landesobmann Sebastian Herzog die Meinung, dass „Bio und Weidehaltung zusammengehören. Es sei nicht tragbar, „dass Bauern, die eine Wiese vor dem Stall haben, die Stalltür nicht auftun wollen“, ließ er sich in den Salzburger Nachrichten zitieren. Zumal es auf jenen Höfen, wo keine Weide in der Nähe sei, ohnehin keine Verpflichtung zum Weidegang gebe.

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Gemeinhin gilt das Land Salzburg innerhalb Österreichs als die Hochburg des biologischen Landbaus. Zuletzt stieg der Anteil der Biobauernhöfe weiter an und liegt nunmehr bei knapp 47 %. Mit 3690 Betrieben lag die Zahl der Biobetriebe Anfang 2018 um 134 höher als ein Jahr zuvor. Als Gründe werden dabei vielfach höhere Erträge bei der Milch und höhere Förderungen für eine umweltfreundliche Landwirtschaft angeführt.

Mehr Biobauernhöfe
als je zuvor

Nie zuvor gab es also im Land Salzburg so viele Biobauern und ökologisch bewirtschaftete Wiesen und Äcker, was eigentlich auf eine hohe Zufriedenheit bei den Biobauern hindeuten würde. Viele von ihnen gehören auch dem Anbauverband der Bio Austria an, der ihnen etwa bei Weidehaltung strengere Regeln vorschreibt als es etwa die Öko-Vorschriften der EU tun, in denen es lediglich heißt, „dass Pflanzenfresser Zugang zu Weideland haben müssen, wann immer die Umstände dies gestatten.“
Nun aber ist in Salzburg die paradoxe Situation zu beobachten, dass nicht nur die Anzahl der Biobetriebe zunimmt, sondern gleichzeitig auch die Unzufriedenheit unter einigen Biobauern, die mit den allzu strengen Vorschriften offenbar nicht mehr einverstanden sind. So sank im Vorjahr die Mitgliederzahl um 71, also in Summe von 1700 auf 1653, womit 45 Prozent der Salzburger Biobauern bei der Bio Austria organisiert sind. Die anderen Betriebe sind entweder einem anderen Bioverband beigetreten oder sie wirtschaften nach der EU-Bioverordnung.
Als Anlass für die Austritte werden schärfere Richtlinien von Bio Austria – dem größten Biobauernverband Österreichs – angeführt. Dieser verlangt von seinen Mitgliedern seit etwa einem Jahr, dass den Rindern „der Weidegang ermöglicht werden muss“ – und zwar zusätzlich zum Freilaufstall und dem kleineren Auslaufbereich vor dem Stall.
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Zwingend sei dabei vor allem auch der Weidegang von Kühen, sagt etwa Experte Markus Danner von der Bio Austria in Salzburg. In der Vergangenheit hätten sich hier viele Biobauern lediglich auf den Weidegang beim Jungvieh beschränkt. Insgesamt aber hätte in den letzten Jahren der Weidegang massiv nachgelassen, weil von den Bauern immer mehr Laufställe gebaut wurden. Der „Markt“ sei auf diesen Umstand aufmerksam geworden, woraufhin sich sein Verband mehr oder weniger gezwungen sah, darauf zu reagieren. Insgesamt stellten Witterungs- und Bodenverhältnisse für so manchen Betrieb oftmals ein Problem dar, besonders in sogenannten Gunstlagen, räumt Danner ein. Nun hätte man die Regeln für den Weidegang nur „ein wenig nachgeschärft“, weil der Interpretationsspielraum zu groß gewesen sei.

Verband verlangt höhere Standards

Diese Verschärfung der Regeln geht manchen Landwirten aber offenbar zu weit – weil ihnen der verpflichtende Weidegang zu aufwändig erscheint, wie es heißt. Dazu kommt: Nicht alle Molkereien verlangen von Biobauern, dass sie auch Bio-Austria-Mitglied sind. Der Verband verlangt von seinen Mitgliedern generell höhere Standards, als sie Biobauern erbringen müssen, die „nur“ nach EU-Biokriterien wirtschaften. „Das Sozialgefüge in der Herde können die Kühe beispielsweise nur ausleben, wenn sie sich frei bewegen“, sagt etwa Bäuerin Michaela Starka, die neu in den Vorstand von Bio Austria gewählt wurde. Zusätzlich zur Weidepflicht gilt beispielsweise die Regel, dass der gesamte Betrieb biologisch bewirtschaftet werden muss und nicht nur ein Teilbereich (Ackerbau, Tierhaltung etc.). Höhere Standards verlangt Bio Austria beispielsweise auch beim Düngen und beim Kraftfutter.
Gewisses Verständnis für die Vorbehalte von Biobauern gerade im Flachgau zeigt „Joglbauer“ Robert Hofer aus Obertrum, ehemals Vizeobmann von Bio Austria. Er spricht sich zwar grundsätzlich für die Weidehaltung aus, wenngleich diese mit einem beträchtlichen Aufwand verbunden sei. Beispielsweise werde die Weide bei starken Niederschlägen von den Rindern oft schwer beschädigt, und so sei die Verpflichtung zur Weidehaltung in manchen Regionen zumindest zu hinterfragen.
Viele Bauern hätten zudem große Summen in den Bau von Freilaufställen investiert, die allen Tierschutzkriterien entsprechen, sagte er dem Wochenblatt. Der „Joglbauer“ bewirtschaftet 45 ha Grünland nach den Richtlinien des biologischen Landbaus und hat in seinem Außenklimastall 40 Milchkühe mit Nachzucht stehen. „Die Tiere haben jederzeit Auslauf ins Freie“, betont der Biobauer.

Strenger auch bei Eierproduktion

Auch Eierproduzenten sind mit einer neuen Vorgabe der „Bio Austria“ konfrontiert, die seit etwa einem Jahr gilt: So dürfen Eierproduzenten nur noch Küken von Bruderhahn-Betrieben kaufen, auch wenn diese etwas teurer sind. Dort werden die männlichen Küken nach dem Schlüpfen nicht gleich geschreddert oder vergast – wie sonst üblich – sondern dürfen bis zur Schlachtung zehn Wochen weiterleben.
Das Projekt „Der Hahn, die Henne und das Ei“ garantiert laut Bio Austria, dass neben den Junghennen für die Eiererzeugung auch deren Brüder aufgezogen werden – und dies unter Bio-Bedingungen. Mehrkosten würden etwa durch den Verkauf von Hähnchenfleisch und Eiern gedeckt. Zuletzt wurden allein in Österreich (in konventionellen und Biobetrieben) jährlich rund 6 Mio. Küken getötet, weil deren Aufzucht wirtschaftlich nicht lukrativ sei.
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