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„Die Bio-Plakette brauchen wir nicht“

Direktvermarktung Angusrind
Patrizia Schallert
am
10.01.2018

Arbeitsaufwand, Tierwohl und Wirtschaftlichkeit: Familie Gerl aus Wals bei Salzburg zeigt, wie sie diese Ansprüche auf ihrem Betrieb unter einen Hut bringt.

Was heißt Tierwohl? Offenbar gehen hier die Ansichten nicht nur unter den Landwirten, sondern auch unter den Verbrauchern und Tierschützern auseinander. Fordern die einen für jedes Nutztier eine Weide, beschweren sich andere über Tiere, die der Witterung ausgesetzt sind. Das macht es auch den Seminarbäuerinnen nicht einfacher, den Spagat zwischen Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und Arbeitsaufwand zu Hause auf ihrem eigenen Betrieb zu bewältigen und ihn draußen den Verbrauchern zu erklären.

Das hält Agnes Gerl jedoch keineswegs davon ab, sich zur Seminarbäuerin zu qualifizieren. Die ausgebildete Kindergartenpädagogin aus Wals im Salzburger Flachgau möchte vor allem der jungen Generation erklären, wie und warum die bäuerlichen Familien so und nicht anders produzieren.

Traditionell ökologisch bewirtschaftet

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Agnes Gerl übernahm 2010 gemeinsam mit ihrem Ehemann Kaspar dessen elterlichen Vollerwerbsbetrieb in der Ortsmitte von Wals mit 14 ha Grünland, 6 ha Ackerfläche und 4 ha Wald. Damals standen 17 Braunviehkühe im Anbindestall. „Der Betrieb wurde schon von Kaspars Eltern im Grunde ökologisch bewirtschaftet, sie haben Steinmehl und Mikroorganismen eingesetzt“, erklärt die Jungbäuerin. „Weil wir aber immer wieder Flächen mit umliegenden konventionellen Gemüsebauern tauschen, ist der Hof nicht biozertifiziert.“

Auf den Flächen der Berufskollegen baut die Familie Gerl Kleegras an. „Durch die Leguminosen wird der Stickstoffgehalt im Boden erhöht. Das bringt den Gemüsebauern den Vorteil, dass sie weniger oder gar keinen Dünger mehr ausbringen müssen.“

Früher habe jeder Landwirt sein eigenes Süppchen gekocht. „Aber der Blick über den Tellerrand ist wichtig und wir müssen gemeinsam für gute und gesunde Böden sorgen. Deshalb schätze ich den Zusammenhalt der Bauern in unserer Gemeinde.“ Die 39-jährige landwirtschaftliche Facharbeiterin ist überzeugt, dass für die Kunden in ihrem Hofladen eher die Regionalität der Produkte eine große Rolle spielt. „Sie wissen, wie wir wirtschaften, deshalb brauchen wir keine Bioplakette an der Hoftür.“ Stattdessen darf sich der Betrieb seit Kurzem mit der Marke „Gutes vom Bauernhof“ schmücken.

Da nach der Übernahme größere Investitionen anstanden, entschloss sich das junge Paar zu einer kompletten Umstrukturierung des Betriebs. „Wir haben deshalb den Bio-Angus-Zuchtbetrieb der Familie Reiß in Niederösterreich besucht und waren sofort von der ruhigen Art der Rinderrasse angetan. Wir haben gleich eine Mutterkuh, eine Kalbin, einen sechs Monate alten Zuchtstier und einen schlachtreifen Stier gekauft.“

Um die Eltern von der Richtigkeit der Entscheidung zu überzeugen, hatte ihnen die Familie Reiß Angusfleisch zur Verkostung mitgegeben. „Da hat es nicht mehr viel Überredungskunst gebraucht, um meine Schwiegereltern für unser Projekt einzunehmen.“

Nägel mit Köpfen

Zügig machte die Familie Nägel mit Köpfen: Der ehemalige Milchviehstall wurde für die Angus-Mutterkühe und ihre Kälber umgebaut, ein befestigter Auslauf angeschlossen, ein neuer Laufstall für die Mast­rinder errichtet und das Milchvieh nach und nach verkauft.

Im Juni 2010 kamen die genetisch hornlosen Deutsch-Angus-Rinder aus Niederösterreich auf den Betrieb, einige Monate später weitere elf Mutterkühe und Kalbinnen aus Würzburg.

Anfangs wurden die Tiere noch auf der Weide gehalten. „Aber unsere humusreichen und tiefgründigen Böden sind für die Weidehaltung eher ungeeignet“, erklärt Agnes Gerl. „Außerdem war es recht umständlich, die Tiere auf die am Ortsrand gelegenen Flächen zu treiben. Dazu machten uns noch die ständigen Anfeindungen einiger Personen zu schaffen. Einmal war es nicht recht, wenn die Tiere im Regen standen, und dann war es wieder nicht recht, dass sie in der Sonne lagen. Das war uns irgendwann zu viel, weshalb wir unsere Tiere jetzt nur noch im Laufstall und im Auslauf halten.“

Mit Blick auf die Tiergesundheit setzt Agnes Gerl auf die Homöopathie, vor allem bei der Geburtsvorbereitung und bei Kälberdurchfall. „Seither sind die Tierarztkosten deutlich zurückgegangen.“

Die männlichen Angusrinder werden im Alter von zwei Monaten kastriert und bleiben neun Monate bei ihren Müttern, die weiblichen nur sechs Monate. „Weil der Stier in der Kuhherde mitläuft, müssen wir da­rauf achten, dass wir die sehr frühreifen Angus-Kalbinnen rechtzeitig von der Gruppe trennen, um Inzucht zu verhindern.“ Die gesamte Nachzucht wird auf dem Hof 20 Monate lang gemästet, Tiere zur Zucht nur manchmal verkauft.

„Wir haben uns für die Deutsch-Angus-Rasse entschieden, weil Aberdeen-Angus-Rinder bereits mit zehn bis zwölf Monaten zu verfetten beginnen und das Fleisch deshalb als Babybeef verkauft wird. Wir wollten aber möglichst hochwertiges Rindfleisch produzieren.“

Faschiertes auf SMS-Bestellung

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Die Schlachtung – ein Tier pro Monat, zwei vor Weihnachten und Ostern – und die grobe Zerlegung erfolgen in der 30 km entfernten Gemeinde Thalgau. Anschließend kommt das Fleisch zurück auf den Betrieb. „Die Feinzerlegung führe ich selbst durch und verpacke das Fleisch zu Drei- und Fünf-Kilo-Paketen, aber es sind auch Sonderwünsche möglich“, sagt Agnes Gerl.

Im Vakuum reift das Fleisch drei Wochen lang. Faschiertes wird nur auf Bestellung hergestellt. Dafür hat die Bäuerin eine eigene SMS-Gruppe eingerichtet. Das restliche Fleisch wird verwurstet. Im Sommer stellt der Betrieb vorwiegend Bratwürste und Käsekrainer her, im Winter vor allem Hartwürste. „Unsere Würste sind aus reinem Angus-Rindfleisch. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal in der Region.“ Die Familie legt großen Wert darauf, dass die gesamten Schlachtkörper verarbeitet werden. Deshalb stellt sie beispielsweise auch Leberknödel und Milzschnitten her.

Vermarktung ab Hof

„Weiteres Highlight in unserem Angebot ist das Roggen-Holzofenbrot, das wir wie vor 100 Jahren in einem alten Holzofen backen. Das Handwerk lerne ich von meiner Schwiegermutter. Es ist nämlich eine eigene Wissenschaft, bei der es viel zu bedenken gibt, beispielsweise die Wetterlage oder dass die hinteren Brote im Ofen schneller fertig sind als die vorderen.“

Die Vermarktung aller Produkte erfolgt ausschließlich ab Hof. Im Hofladen werden auch Erzeugnisse von Berufskollegen angeboten. Neben den Angusrindern halten die Gerls vier Freilandschweine, die sie im Alter von zwölf Wochen von einem oberösterreichischen Biobetrieb beziehen und mindestens zwölf Monate lang mästen.

Die Ferkel sind eine Kreuzung aus der kroatischen Rasse Turopolje und Duroc, einer Schweinerasse aus den USA. Während die Turopolje gut für die Weidehaltung geeignet und sehr gutmütig sind, liefern die Duroc mageres Fleisch. Aus dem Schweinefleisch wird Speck produziert und ein Teil als Frischfleisch verkauft. Das Projekt „Weideschwein“ ist mehr ein Hobby der Betriebsleiter. Die Tiere werden in erster Linie für den Eigenverbrauch gehalten.

Hofeigene Mischung

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Den Freilandschweinen und Mastrindern legt sie eine Mischung aus hofeigenem Roggen, Triticale und Gerste vor, das Stroh wird als Einstreu verwendet. Die Mutterkühe und der Stier werden ausschließlich mit Heu gefüttert. Dafür hat die Familie eigens eine Heubelüftung angeschafft. „Die Heufütterung hat den Vorteil, dass im Stall ein angenehmes Klima herrscht“, erklärt Agnes Gerl. „Wir haben mit der Belüftung viel experimentiert. Besonders mit dem ersten Schnitt nach der Einsaat hatten wir Probleme. War das Mähgut zu stark gepresst, dann wurde es nicht trocken, bei zu schwacher Pressung fiel der Kern heraus. Deshalb produzieren wir aus diesem Schnitt Gärheu für die Masttiere.“

Mit Blick auf ihre Arbeit als Seminarbäuerin hat Agnes Gerl viele Ideen. Weil schon viele Kindergarten- und Schulkinder auf den Betrieb kommen, möchte sie das Angebot in diese Richtung ausbauen. Sie will schon den Kleinsten vermitteln, wie wertvoll selbst hergestellte Mahlzeiten aus heimischen Produkten sind.

Auch als kleinstrukturierter Betrieb habe der „Döderer-Hof“ gute Zukunftschancen. „Wir haben uns mit der Direktvermarktung vom Walser-Angusrind eine Nische geschaffen und einen stabilen Kundenstock aufgebaut.“ Ein Ziel hat die Familie immer im Blick. „Tierwohl und zufrie-
dene Kunden.“

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